Irak
Kein Grund zum Feiern: Kampf gegen den IS geht weiter

Auch nach der Befreiung von Mossul wird der verlustreiche Kampf gegen den sogenannten Islamischen Staat weitergehen.

Michael Wrase, Limassol
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Irakische Soldaten feiern ihren Sieg über die Terrormiliz IS in der irakischen Stadt Mossul.

Irakische Soldaten feiern ihren Sieg über die Terrormiliz IS in der irakischen Stadt Mossul.

Keystone/AP/FELIPE DANA

Mit Gesten der Verzweiflung soll die tief verschleierte Frau die anrückenden irakischen Soldaten um Hilfe gerufen haben. Sie könne nicht mehr laufen, hätte sie gebrüllt. Als ein junger Soldat die Frau auf den Armen in Sicherheit bringen wollte, brachte sie ihren Sprengstoffgürtel zur Explosion, tötete sich selbst, ihren mutigen Helfer sowie einige weitere Soldaten.

Der entsetzliche Terroranschlag wurde am Sonntag von den irakischen Staatsmedien aus Mossul gemeldet. Ob er sich so zugetragen hat, kann derzeit nicht überprüft werden. Vieles spricht aber dafür, dass der Vorfall der Wahrheit entspricht.

Bis gestern Vormittag kontrollierte die Terrormiliz Islamischer Staat nur noch einige wenige Wohnblocks am Westufer des Tigris. Eine geordnete Evakuierung der Dschihadisten, wie im vergangenen Jahr in Aleppo, wo sichere Fluchtwege für Zivilisten und Dschihadisten vereinbart worden waren, hatte die irakische Regierung kategorisch abgelehnt. Die verbliebenen IS-Terroristen wussten, dass sie getötet werden. Ihr proklamiertes Ziel war es, auch die letzten Stunden der neunmonatigen Abwehrschlacht so blutig wie möglich zu gestalten. Aus der Sicht der angreifenden irakischen Soldaten, Polizisten und Milizionäre ist es daher nachvollziehbar, dass sie schon vor dem Fall der allerletzten IS-Bastionen am Westufer des Tigris ausgelassen ihren «Sieg» über die Terroristen feiern.

«Dresden» des Nahen Ostens

Nüchtern betrachtet gibt es in Mossul keinen Grund zum Feiern. Fast die Hälfte von West-Mossul ist zerstört. Ein amerikanischer General soll die vom Bomben verwüstete Altstadt der Tigris-Metropole «mit Dresden» verglichen haben. Die Kosten für den Wiederaufbau werden auf 100 Milliarden Dollar geschätzt.

So viel soll auch der neunmonatige Krieg gekostet haben, bei dem nach US-Schätzungen bis zu 40 Prozent der Angreifer ihr Leben verloren haben. Sie hätten noch niemals so tapfere Soldaten gesehen, beschreiben amerikanische Militärberater die siegreichen irakischen Truppen, die in der Gluthitze des mesopotamischen Sommers nur wenig Zeit zum Verschnaufen haben werden. Denn auch nach der Befreiung wird der IS mit Kamikazeattacken versuchen, ein halbwegs geordnetes Leben in Mossul zu verhindern. Auch ohne die ständige Gefahr neuer Angriffe sind die bevorstehenden Aufgaben gewaltig: 900'000 der gut zwei Millionen Einwohner haben Haus und Hof verloren.

Vor drei Jahren waren fast 50'000 irakische Soldaten aus Mossul geflüchtet, nachdem vielleicht 3000 IS-Kämpfer in Mossul eingerückt waren. Die Angst vor den dschihadistischen Mörderbanden war gewaltig. Kriegsgerät im Wert von vier Milliarden Dollar fiel dem IS damals in die Hände.

Der Verlust seiner wichtigsten Basis in Mossul sei eine katastrophale Niederlage, bedeute aber noch längst nicht das Ende der Terrororganisation, analysiert ein libanesischer Terrorismusexperte. Solange der IS noch «seinen Staat» hatte, seien die Aktionen der Dschihadisten einigermassen berechenbar gewesen. Mit dem Verlust von Mossul habe sich das geändert. «Die entwurzelte Terrorbande» stelle jetzt eine noch grössere Gefahr für die Weltsicherheit dar.

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