Brexit
Keiner ausser Boris: Mit diesem Knall haben nur wenige gerechnet

Er ist neuer Aussenminister, mit Brüssel verhandelt aber ein anderer— und wo steckt eigentlich Nigel Farage?

Fabian Hock
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Comeback des Blondschopfs: Der extrovertierte Londoner Ex-Bürgermeister Boris Johnson ist neuer Aussenminister Grossbritanniens.

Comeback des Blondschopfs: Der extrovertierte Londoner Ex-Bürgermeister Boris Johnson ist neuer Aussenminister Grossbritanniens.

Planet Photos/Dukas

Seit kurzem kennen die meisten Briten ABB. Doch wo der Schweizer an Industriegeschichte, Stromnetze und Roboter denkt, sieht der Brite einen blonden Haarschopf vor dem geistigen Auge vorbeiwehen. Die passende Geste dazu: Beide Handflächen vor das Gesicht gepresst und hineingemurmelt: «Um Gottes Willen nicht er. Jeder, wirklich jeder, nur nicht Boris». Kurz und übersetzt: «Anyone But Boris» – «ABB».

Längst nicht nur die beiden Briten Anne und Mark, die die «Nordwestschweiz» am Tag nach dem Brexit-Referendum in einem Londoner Pub beim Frust-Trinken traf, waren sicher, dass Boris Johnson der nächste Premierminister des Landes wird. Alle anderen waren es auch. Viele auf der Insel fanden diese Vorstellung derart zum Fürchten, dass sie aus der Handbewegung eine gesellschaftliche Bewegung machten. Für die ABB-Kampagne trommelte – oder besser: raspelte, schnitt und pochierte – gar der Fernsehkoch Jamie Oliver.

Alle auf den Blonden

Egal wen diese Zeitung auf Englands Strassen nach dem Referendum fragte, zu Johnson fielen den Allermeisten genau zwei Begriffe ein: «Nächster Premierminister» und «Opportunist». Für Macht tue Boris alles. Und dann ist da auch noch das ewige Duell mit David Cameron: Johnson und der Ex-Premier gingen zusammen auf die Eliteschule Eton, sie studierten gemeinsam in Oxford, wo sie sich dem Vernehmen nach in allen möglichen Ball- und Trinkspielen massen. Im Berufsleben nahm dies seine Fortsetzung, in der Brexit-Kampagne gipfelte es. Klar, dass da das Landeswohl hinten anstehen muss – auf solche Belanglosigkeiten konnten die beiden einfach keine Rücksicht nehmen.

Cameron hatte das Land für den eigenen Machterhalt in ein völlig unnötiges Referendum geführt. Nun galt es, wenigstens Boris als seinen Nachfolger zu verhindern. Um jeden Preis. Dafür kämpfte ABB genauso wie wichtige Politiker innerhalb der konservativen Partei. Das Vorhaben gelang. Wie jetzt bekannt ist, allerdings nur teilweise.

Es wäre auch zu schön gewesen, mögen sich die Johnson-Gegner gedacht haben, als sie von seinem Comeback erfuhren. Selbst sie werden wohl irgendwie geahnt haben, dass Boris nicht einfach still und leise durch die Hintertür verschwindet. Mit diesem Knall – Aussenminister – hätten dann aber doch wenige gerechnet.

Gesicht und Frisur der Brexit-Bewegung sind nun also wieder da. Ein wenig untergegangen im ganzen Trubel ist, dass Aussenminister Boris mit den anstehenden Austritts-Verhandlungen wohl gar nichts zu tun haben wird. Die führt nämlich ein Mann namens David Davis.

Der Austrittsminister

Davis wird Chef des neu geschaffenen Brexit-Ministeriums. In seiner Rolle als EU-Austrittsminister, als «Secretary of State for Exiting the European Union», wie sein offizieller Titel nun lautet, wird der 67-Jährige die Bedingungen für sein Land aushandeln. Dass er keine Eile hat, das offizielle Austrittsgesuch nach Artikel 50 EU-Vertrag zu stellen, machte Davis bereits deutlich. Zuerst müsse man sich eine Strategie zurechtlegen.

Der erfahrene Politiker unterlag dem jungen Cameron 2005 im Rennen um den Parteivorsitz der Konservativen. Nach der Regierungsübernahme der Tories 2010 wurde Davis als Verteidiger der Bürgerrechte zum Widersacher Camerons — aber auch von einer gewissen Theresa May, Camerons Nachfolgerin im Premierminister-Amt. Um die Verwirrung komplett zu machen: Davis strengte eine Klage an gegen die Ausweitung der Bürger-Überwachung durch Sicherheitsbehörden. Zuständig für das Dossier war die damalige Innenministerin May. Die Pointe dieser Geschichte: Davis klagte vor einem EU-Gericht.

Schottland ist auch schön

Boris Johnson wird Aussenminister, auf das wichtigste Dossier muss er jedoch verzichten. Was bleibt ihm denn dann eigentlich? Anders gefragt: Wieviel Aussenpolitik kann ein Land noch machen, das mitten im Austritt aus einer Staatengemeinschaft mit unzähligen Verträgen und Klauseln steckt, von denen keiner weiss, was fortan gilt? Schon jetzt stellen Beobachter fest, dass die Briten Mühe haben, genügend Personal für die vielen diplomatischen Fronten zu rekrutieren — Stichwort Freihandelsabkommen mit den USA, mit Kanada, und so weiter.

Mit einem wird sich der eingeschränkte Boris jedoch voraussichtlich trösten können: Die Beziehungen zu Schottland fallen nach einem erfolgreichen Referendum zur Loslösung von Grossbritannien, welches Regierungschefin Nicola Sturgeon bereits angekündigt hat, wohl in seinen Zuständigkeitsbereich. Auch wenn Boris nicht nach Brüssel zum Verhandeln darf — Edinburgh ist auch spannend.

Eine Frage bleibt

Der alte Premier trällert sich aus dem Amt, seine Nachfolgerin trägt nicht nur knallbunte Schuhe, sondern ist der ur-britischen Gepflogenheit des Smalltalks ganz und gar nicht mächtig, wie ein Parlamentskollege kürzlich fallen lies. Kater Larry darf im Amtssitz in der Downing Street bleiben, obwohl er lieber auf den exquisit gepolsterten Sesseln im Haus herumlungert als seiner eigentlichen Aufgabe, dem Mäusefangen, nachzukommen. Boris ist wieder da, doch nach Brüssel lassen sie ihn nicht. Die Komödie rund um den Brexit — sie liefert den Beweis, dass der britische Humor ein besonderer ist. Da bleibt eigentlich nur noch eine Frage offen: Hinter welchem Stein wird der Lauteste von allen, Nigel Farage, wohl jetzt hervorlugen?

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