Weissrussische Grenze
Klatschnass in der kalten Nacht: Nur Angela Merkels Anruf macht den Flüchtlingen jetzt noch Hoffnung

Polen drängt die Flüchtlinge an der weissrussischen Grenze mit Wasserwerfern zurück. Doch das schreckt nur wenige ab. «Wir sterben lieber hier als im Irak», sagt der 20-jährige Karusch.

Ulf Mauder/dpa, Brusgi
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Die polnischen Grenzschützer gehen mit Wasserwerfern und Pfefferspray gegen die Migranten auf der weissrussischen Seite vor.

Die polnischen Grenzschützer gehen mit Wasserwerfern und Pfefferspray gegen die Migranten auf der weissrussischen Seite vor.

AP

Stacheldraht in mehreren Reihen und Hundertschaften polnischer Sicherheitskräfte versperren am weissrussischen Grenzübergang Brusgi den Durchgang. Wer sich in die Nähe wagt, riskiert einen Einsatz der Wasserwerfer und Tränengas. Die Spuren eines ersten massiven Abwehreinsatzes von polnischer Seite auf weissrussischem Gebiet sind auch am Mittwoch unübersehbar. Ermittler aus Minsk sammeln Hülsen von Blendgranaten ein, die von polnischer Seite geworfen worden sein sollen.

Der Grenzübergang gleicht einem Schlachtfeld. Auf einem Grünstreifen an einem Waldrand harren in der Kälte weiter etwa 1000 Menschen aus – an Feuerstellen. Der Qualm von den Feuern und der Brandgeruch machen das Atmen schwer.

«Wir sterben lieber hier als im Irak», sagt der 20-jährige Karusch. Seit neun Tagen lebt der junge Mann im eisigen Wald und will nicht glauben, dass die EU Polen nicht zwingen kann, die Grenze zu öffnen. «Es muss doch einen Weg dort rüber geben.»

3500 Dollar für die Reise ins Ungewisse

Einige Männer brechen im Wald und auf einer Schonung mit Kiefern Äste für die Feuerstellen ab. Manche schleppen ganze Baumstämme an. Ankömmlinge aus Syrien haben sich Hütten gebaut aus Nadelbäumen. Andere haben Schlafsäcke und Zelte dabei. Weissrussische Sicherheitskräfte laufen Patrouille auf dem Grenzstreifen. Hin und wieder kommt ein Streifenwagen und verteilt Proviant. Es ist eine Schlacht um das wenige Essen. Zigaretten und eine Möglichkeit, das Handy aufzuladen, sind fast unerreichbar.

Holz für die Feuerstelle: So halten sich die Flüchtlinge an den versperrten Grenzüberganen warm

Holz für die Feuerstelle: So halten sich die Flüchtlinge an den versperrten Grenzüberganen warm

AP

«Wir sind politische Flüchtlinge», sagt Karusch. 3500 Dollar habe er gezahlt für die Reise von Bagdad nach Damaskus und von dort in die weissrussische Hauptstadt Minsk. Jetzt friert er. Karusch und seine Freunde hoffen wegen der zunehmenden Kälte, bald in Notunterkünfte zu kommen – wie die mehr als 1000 Menschen, die ein paar Hundert Meter weiter seit Dienstag in einer Lagerhalle untergekommen sind.

Dort sitzt Hoschmand Abdallah auf einer Decke zwischen Lagerregalen. «Es ist das erste, was ich seit drei Tagen esse», sagt der 25-Jährige und zeigt, was er in den Händen hält: ein Ei, ein Stück Brot und Fleisch aus einer Konservendose. Seit 45 Tagen ist er unterwegs. «Ich habe die Reise nach Minsk im Reisebüro gebucht», erzählt er.

Wenigstens ein Dach über dem Kopf: Rund 1000 Migranten haben Zuschlupf in einer weissrussischen Lagerhalle gefunden.

Wenigstens ein Dach über dem Kopf: Rund 1000 Migranten haben Zuschlupf in einer weissrussischen Lagerhalle gefunden.

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In gebrochenem Englisch erzählt er, dass ihm vom Tränengas am Grenzübergang noch die Augen brennen. Viele Migranten hätten das Reizgas, Pfefferspray, von polnischer Seite abbekommen. Jetzt sitzt er hier, mit hunderten anderen. Mitarbeiter des weissrussischen Zivilschutzes ruckeln gegen Mittag an den Schlafsäcken, in denen bewegungslose Menschen liegen, bis jeder ein Lebenszeichen von sich gibt.

Merkels Telefonate machen ihnen Hoffnung

«Wir wissen im Moment nicht, wie es weiter geht. Die meisten wollen nach Deutschland», sagt Dmitri Schewzow, der Generalsekretär des weissrussischen Roten Kreuzes.

«Wir organisieren nun humanitäre Hilfe, versorgen die Menschen mit Matratzen, Decken, warmem Essen – und die vielen kleinen Kinder natürlich auch mit Windeln.»

Er selbst hat eine solche Migrationskrise in Weissrussland noch nie erlebt. «Wir bleiben hier, bis der letzte Flüchtling versorgt ist», sagt Schewzow.

Gefährliches Hin und Her: Alexander Lukaschenko und der polnische Grenzschutz lassen nicht locker.

Gefährliches Hin und Her: Alexander Lukaschenko und der polnische Grenzschutz lassen nicht locker.

Einige der Gestrandeten wollen inzwischen trotzdem lieber wieder zurück in den Irak. Faraidun Ismail, 46, sagt, dass seine Frau krank und in Minsk geblieben sei. «Ich will nur noch zu ihr und zurück», übersetzt ein Freund für ihn. Geplant ist nach Angaben des Grenzschutzes, dass bald Busse kommen, um die Menschen nach Minsk zu geplanten Rückführungsflügen in den Irak zu bringen. Die grosse Mehrheit aber will bleiben.

Merkel hat schon zweimal mit dem weissrussischen Machthaber telefoniert. Das hat man hier mitbekommen. Viel zu bedeuten hat es nicht. Und trotzdem: Daran klammert man sich.

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