Kommentar
Historische Chance: Ignazio Cassis muss am 4. Juli nach Kiew reisen

Der Schweizer Bundespräsident sollte sich ein Vorbild an seinem britischen Kollegen Boris Johnson nehmen: mehr Shakespeare, weniger Schema F.

Samuel Schumacher
Samuel Schumacher
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Bundespräsident Ignazio Cassis: Ihm bietet sich eine historische Chance.

Bundespräsident Ignazio Cassis: Ihm bietet sich eine historische Chance.

Keystone

Es gibt herzlich wenig, was den Schweizer Bundespräsidenten Ignazio Cassis mit dem britischen Premier Boris Johnson verbindet – zum Glück! Man stelle sich vor, Cassis hätte mitten in der Pandemie mit seinen Berufskollegen im Bundeshaus illegale Bier-Partys gefeiert. Oder er hätte sich auf Staatskosten seine Wohnung mit sündhaft teuren Möbeln ausstatten lassen...

In einem Punkt aber sollte sich der Tessiner Bundesrat ein Vorbild nehmen an Johnson: Kaum ein anderer Politiker unserer Zeit hat einen besseren Riecher für weltmännische Inszenierung wie der struwwelpetrige Ex-Bürgermeister von London.

Das zeigte Johnson zuletzt bei seinem Überraschungsbesuch in Kiew. Am vergangenen Wochenende spazierte er an Selenskis Seite quer durch die Hauptstadt. Das Video des hochpolitischen Spaziergangs wurde millionenfach angeklickt. Johnson erhielt für seinen Freundschaftsbesuch im Kriegsland – neben der üblichen Portion Kritik – viel Lob und Anerkennung.

Am vergangenen Samstag hat Boris Johnson Wolodimir Selenski in Kiew besucht.

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Bundespräsident Cassis sollte es seinem britischen Kollegen gleichtun und in den Zug Richtung Kiew steigen. Für die Reise gibt es einen perfekten Zeitpunkt: den 4. Juli 2022 – sofern sich das Kriegsgeschehen bis dahin nicht wieder verlagert und für eine Bundesratsreise keine unverhältnismässigen Sicherheitsrisiken eingegangen werden müssten.

An ebendiesem 4. Juli hätte Cassis eigentlich Vertreter aus Kiew zur Ukraine-Reformkonferenz in Lugano empfangen wollen. Der Anlass, an dem man gemeinsam über diverse Reformprojekte für die Ukraine hätte sprechen wollen, soll zwar nach wie vor stattfinden. Der Fokus und die personelle Besetzung sind aber – verständlicherweise – noch völlig unklar.

Man stelle sich vor, welchen symbolischen Wert das hätte, wenn Cassis für die einst in seiner Tessiner Heimat geplanten Gespräche nach Kiew reiste und damit nicht nur die helvetische Unterstützung für den ukrainischen Reformprozess zum Ausdruck brächte, sondern der Ukraine live vor Ort zeigte: Wir sind hier – für euch, mit euch, trotz allem.

Gute Krisenpolitik ist nie nur pflichtbewusstes Betreuen der eigenen Dossiers, sondern immer auch ein bisschen theatralische Inszenierung. In Krisenzeiten verträgt es ein bisschen mehr Shakespeare und ein bisschen weniger Schema F.