Kosovarische Diaspora
Kosovos neue Hoffnungsträger rufen nach Hilfe – und stossen in der Schweiz auf offene Ohren

Die kosovarische Diaspora in der Schweiz freut sich über den Wahlsieg der linken Partei Vetëvendosje. Diese will Auslandkosovaren mit Expertise nach Pristina locken, um beim «Wiederaufbau des Staates» zu helfen. Den Ruf hat man auch in der Schweiz gehört.

Christoph Bernet
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Gewann das Mandat als neuer Premierminister: Albin Kurti am Sonntag vor den Medien.

Gewann das Mandat als neuer Premierminister: Albin Kurti am Sonntag vor den Medien.

Keystone

Es ist das beste Wahlergebnis welches eine Partei seit der Unabhängigkeit des Kosovo 2008 je erzielt hat: Nach der Auszählung von 98 Prozent aller Stimmen hat die linke Partei Vetëvendosje (Selbstbestimmung) die Parlamentswahlen vom Sonntag mit 48 Prozent klar gewonnen. Noch ist unklar, ob das für eine absolute Mehrheit im Parlament reichen wird. Aber Albin Kurti, der Gründer und Anführer von Vetëvendosje, hat ein klares Mandat als neuer Premierminister gewonnen.

Mit 17 Prozent weit abgeschlagen auf Rang zwei landete die PDK, die Partei des langjährigen Staatspräsidenten Hashim Thaci. Dieser war im November 2020 von seinem Amt zurückgetreten, weil er sich vor dem Kosovo-Kriegsverbrechertribunal in Den Haag einer Anklage stellen muss. Neben Thacis PDK büsste auch die zweite traditionsreiche politische Kraft, die konservative LDK, deutlich an Stimmen ein und stürzte auf 13 Prozent ab. Die LDK hatte im März 2020 nach wenigen Monaten die erste kurzlebige Koalitionsregierung unter Führung Albin Kurtis mit einem Misstrauensvotum zu Fall gebracht. Dieses Mal dürfte sich Kurti länger als 50 Tage im Amt halten.

In der zahlenmässig grossen kosovarischen Diaspora in der Schweiz wird das Wahlergebnis grösstenteils positiv aufgenommen. Rund 175000 Menschen hierzulande haben die kosovarische Staatsbürgerschaft oder Wurzeln im jüngsten Staat Europas. Unter ihnen ist der 45-jährige Kurti, der in den 1990er Jahren Studentenproteste gegen das Regime von Serbiens Machthaber Slobodan Milosevic anführte, populär. 2019 gewann Vetëvendosje rund 70 Prozent der Diaspora-Stimmen. Der Wert könnte dieses Mal sogar noch höher liegen.

Mehr als nur finanzielle Hilfe aus der Diaspora

Eleonit Smajli erwartet von der neuen Regierung, dass der Diaspora keine Steine mehr in den Weg gelegt werden - insbesondere bei der Wahlteilnahme: «Wer vom Ausland aus per Briefwahl daran teilnehmen wollte, musste bisher einen Hürdenlauf absolvieren.» Die Behörden informierten unzureichend, setzten willkürliche Fristen und verweigerten den Eintrag im Wählerregister ohne Angabe von Gründen. Damit trotz dieser Widrigkeiten möglichst viele Diaspora-Kosovaren wählen konnten, hat der 24-jährige Student Smajli gemeinsam mit anderen die Online-Plattform «Du me votu» (Ich will wählen!) aufgebaut. 25000 Kosovaren registrierten sich dank der Website für die Wahl.

Njomza Gutaj

Njomza Gutaj

«Im Kosovo braucht es endlich ein funktionierendes Gesundheitswesen und einen Sozialstaat, der diesen Namen verdient», meint Njomza Gutaj. Die 36-jährige Unternehmensberaterin ist wie Smajli Mitglied bei der Schweizer Sektion von Vetëvendosje Es könne nicht sein, dass immer die Verwandten im Ausland mit Geldüberweisungen einspringen müssen, etwa wenn jemand erkrankt: «Die Verschwendung von Steuergeldern durch Korruption muss aufhören und das Geld an jene Bürger fliessen, die darauf angewiesen sind». Aus Verbundenheit mit dem Land sei die Diaspora weiterhin bereit, ihren finanziellen Beitrag zu leisten, glaubt Gutaj. Doch diese Unterstützung müsse nachhaltiger wirken, anstatt nur medizinische Behandlungen oder Konsum zu finanzieren.

Die neue Regierung erhofft sich von der Diaspora mehr als Geldüberweisungen. Gemäss Wahlprogramm sollen gut ausgebildete Diaspora-Kosovaren angesprochen werden, die sich «am Wiederaufbau des Staates» beteiligen wollen. Mit ihrer Expertise sollen die Regierung in Pristina unterstützen. Smajli und Gutaj sind überzeugt, dass sich auch in der Schweiz junge Leute mit Wurzeln im Kosovo dem Ruf folgen werden. Njomza Gutaj kann sich sogar vorstellen, ihr Arbeitspensum zu reduzieren, um ihr Fachwissen als Beraterin der neuen Regierung zur Verfügung zu stellen.

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