Menschenschmuggel
Auf den Armbändern der Menschen steht «Lieferungen»: Ein Besuch in einem Dorf an der US-mexikanischen Grenze

Gegen zwei Millionen Migrantinnen und Migranten – darunter auch viele Menschen aus Europa – könnten dieses Jahr ohne gültige Reisepapiere in die USA einreisen. Ein Augenschein in einem texanischen Dorf am Rio Bravo zeigt, dass mit einem baldigen Ende der Krise an der Grenze zu Mexiko nicht zu rechnen ist.

Renzo Ruf, Roma (Texas)
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Drei Kinder im Grenzort Roma, Texas: Sie überquerten die Grenze in die USA, jetzt befinden sie sich in einer Auffangzone der Grenzwächter. Die Zahl der unbegleiteten Jugendlichen steigt rasant.

Drei Kinder im Grenzort Roma, Texas: Sie überquerten die Grenze in die USA, jetzt befinden sie sich in einer Auffangzone der Grenzwächter. Die Zahl der unbegleiteten Jugendlichen steigt rasant.

Foto: Gregory Bull / AP

Überraschend ist eigentlich nur, wie einfach es immer noch ist, den Rio Bravo ohne gültige Reisepapiere zu überqueren. Keine 15 Minuten dauert die Prozedur, vom Aufpumpen des Gummibootes auf der mexikanischen Seite bis zur Ankunft der Migrantinnen und Migranten am amerikanischen Ufer. Zwei «Coyotes», junge Menschenschmuggler, die diese Arbeit routinemässig erledigen, stellen sicher, dass das Boot nicht wegtreibt.

Sicher über das Wasser kommen während der Flucht.

Auch packen sie mit an, damit kleine Kinder und eine hochschwangere Frau den Boden der USA trockenen Fusses betreten können. Dann machen sich die beiden aus dem Staub. «Wir haben noch mehr 30 mehr», sagt der eine, als er zurück ans andere Ufer watet.

Es ist kurz nach 23 Uhr, ein ganz normaler Vorsommer-Abend in Roma (Texas). Die historische Kleinstadt am Grenzfluss, die in einem der ärmsten Landstriche von Texas liegt, ist einer der Brennpunkte in der sich stetig zuspitzenden Krise an der Grenze zwischen Mexiko und den USA. Weil der Rio Bravo hier nur 80 Meter breit ist, und auf dem Fluss keine Grenzwächter patrouillieren, herrscht Nacht für Nacht reger Verkehr.

Auf den Armbändern der Menschen steht «Lieferungen»

Die etwas mehr als 40 Migranten, die an diesem Abend in Amerika ankommen, tragen weisse Armbänder, auf denen «Entregas» steht, was auf Deutsch «Lieferungen» heisst. Im Jargon der Menschenschmuggler bedeutet dies: Diese Menschen habe keine umgehende Ausschaffung zu befürchten – weil allein reisende Kinder und Familien nicht unter die Ausnahmebestimmungen fallen, die Präsident Donald Trump im vorigen Jahr zu Beginn der Coronapandemie einführte, und an denen sein Nachfolger Joe Biden mehrheitlich festhielt.

Grenzwächter blicken auf den Rio Bravo: Bei Roma ist der Grenzfluss nur rund 80 Meter breit - und mit dem Schlauchboot schnell überquert.

Grenzwächter blicken auf den Rio Bravo: Bei Roma ist der Grenzfluss nur rund 80 Meter breit - und mit dem Schlauchboot schnell überquert.

Foto: Gregory Bull / AP

Auf dem Weg vom Flussufer ins Dorf, der in tiefer Dunkelheit über ein privates Grundstück führt, entledigen sich die meisten Migranten dennoch ihres Bandes, so wie es die «Coyotes» befohlen haben. Schweigend stapft Alejandra, fünf Jahre alt, neben ihrem Bruder Henry, 12 Jahre alt, über den staubigen Pfad. Die Geschwister folgen ihrer Mutter Roxana, so wie sie es während vielleicht 2'500 Kilometern getan haben, seit Roxana den Beschluss fällte, El Salvador zu verlassen.

Gefragt, warum sie flüchtete, druckst die junge Mutter herum und erwähnt dann auf Spanisch die Gewalt der Drogenkartelle und der Strassengangs und das Elend. Sie weiss: Migranten, die in Amerika glaubwürdig belegen können, dass sie Angst vor einer Rückkehr in ihre Heimat haben, weisen bessere Chancen auf, in Amerika ein Bleiberecht zu erhalten.

1,3 Millionen Verfahren sind hängig

Doch das Verfahren ist zähflüssig, und manchmal dauert es fünf Jahre, bis ein letztinstanzlicher Beschluss vorliegt. Derzeit sind vor Einwanderungsgerichten im ganzen Land mehr als 1,3 Millionen administrative Verfahren anhängig. Viele Migranten spielen deshalb auf Zeit, oder sie hoffen auf ein Zugeständnis des neuen Präsidenten.

In Roma allerdings ist von Nachsicht nichts zu spüren. Am Ende ihres stillen Marsches werden die Sans-Papiers auf einer Dorfstrasse von der texanischen Nationalgarde in Empfang genommen. Ein schwerbewaffneter Soldat sagt ihnen, von nun an dürften sie sich nicht mehr frei bewegen. Der Umgangston der Gardisten mit den Migranten ist ruppig. «Illegals» oder «Aliens» werden sie auf Englisch genannt, ein Begriff, der im Washington von Joe Biden verpönt ist. (Die Regierung spricht von «Noncitizen», Menschen, die nicht Staatsbürger Amerikas sind.)

Dann beginnen die Mühlen der Bürokratie zu mahlen. Ein Vertreter des Grenzwachtkorps CBP (Customs and Border Protection) teilt die Menschen in zwei Gruppen auf. Auf der einen Seite versammeln sich die Familien, auf der anderen die Kinder, die ohne erwachsene Begleitung die Reise der Hoffnung auf sich genommen haben. Die zweite Gruppe ist deutlich grösser. Ein Grenzwächter mit einem Abfallsack in der Hand sammelt persönliche Gegenstände ein, die Migranten nicht auf sich tragen dürfen.

Hinter jeder zweiten Ecke lauert ein Polizist

In einem benachbarten Grundstück kläfft ein Hund. Ab und zu fährt ein Geländewagen der Texas Highway Patrol vorbei; in diesem Teil des Rio Grande Valley, in dem nicht nur Menschen, sondern auch Betäubungsmittel oder Waffen geschmuggelt werden, wartet buchstäblich hinter jeder zweiten Hausecke ein Polizist. Mehr als 1000 Texas Rangers sind derzeit an der Grenze stationiert, Teil der «Operation Lone Star».

Es ist 1 Uhr in der Früh, und an der J Street warten die Migranten darauf, von den Grenzwächtern in ihre Unterkunft transportiert zu werden – wobei die allein reisenden Kinder in «Emergency Intake Sites» oder «Influx Care Facilities» untergebracht werden, auf einem Militär-Stützpunkt in El Paso (Texas) beispielsweise. Die meisten dieser Unterkünfte sind voll und alles andere als attraktiv, auch wenn in Washington das Gegenteil behauptet wird.

Sowieso, auch mehr als vier Monate nach Amtsantritt wirkt die Regierung Biden mit der Krise an der Grenze weiterhin überfordert. Rechte Kritiker stören sich daran, dass die Zahl der unerlaubten Grenzübertritte so hoch ist wie seit 20 Jahren nicht mehr. So wurden allein im April in Texas, New Mexico, Arizona und Kalifornien gegen 179'000 Migrantinnen und Migranten aufgegriffen – 160'000 mehr als im April 2020 und 70'000 mehr als im April 2019. Beunruhigend sei auch, sagen Republikaner, dass die Zahl der Menschen aus Ländern abseits von Zentralamerika zunehme.

So griffen amerikanische Grenzwächter im laufenden Jahr in Texas bereits mehr als 2200 Rumänen auf. Man wird den Eindruck nicht los, dass es sich herumgesprochen hat, wie einfach es ist, den Rio Bravo zu überqueren.

Linke Kritiker der Regierung Biden hingegen stören sich daran, dass der Präsident an zahlreichen Instrumenten festhält, die von Beratern Trumps erfunden worden waren, um Migranten abzuschrecken. So ist die Landgrenze zwischen Amerika und Mexiko offiziell immer noch geschlossen, aus gesundheitspolitischen Gründen. Erwachsene Sans-Papiers, die allein unterwegs sind, werden deshalb von den amerikanischen Grenzwächtern ohne grosses Federlesen zurück nach Mexiko gebracht – wo sie sich bereits am nächsten Abend wieder auf die Reise nach Amerika machen können.

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