Frankreich
Mit Pfannendeckeln gegen die Dealer: Die Pariser haben genug von den Drogenhändlern in ihren Quartieren

In der französischen Hauptstadt nehmen Anwohner von «Stalincrack» das Drogenproblem selber in die Hand – und schliessen Abkommen mit den Kriminellen.

Stefan Brändle, Paris
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Weil die Polizei nicht handelt, werden die Pariserinnen selber aktiv im Kampf gegen die Dealer.

Weil die Polizei nicht handelt, werden die Pariserinnen selber aktiv im Kampf gegen die Dealer.

Bild: AFP (Paris, 16. Juni 2021)

Monatelang bemühten sich die Einwohner des 19. Arrondissements von Paris mit offenen Briefen, Appellen und Petitionen. Vergeblich: Weder die Stadtregierung noch der Polizeipräfekt unternahm etwas gegen den berüchtigten Drogenumschlag am «Platz der Schlacht von Stalingrad». Da schritten die Anwohner selber zur Tat. Mit Pfannendeckeln machten sie um 20 Uhr an ihren Fenstern wochenlang soviel Lärm wie möglich, um die Dealer zu vertreiben.

Tagsüber demonstrierten sie auf der Strasse, um die Evakuierung der Drogenkranken in den Hauseingängen zu verlangen. Anna, eine junge Mutter aus der Gegend, erklärte den Journalisten:

«Es ist dramatisch, heute setzen sich diese armen Kerle sogar vor unseren Kindern einen Schuss.»

Der Medienappell fruchtete auch nicht. Da knallten im Mai abends plötzlich Böllerschüsse am Stalingrad-Platz. Unbekannte, wahrscheinlich Anwohner des Platzes, schossen Feuerwerkskörper in Richtung der Dealer. Jetzt endlich kehrte im Viertel Ruhe ein.

Nachtruhe um 22 Uhr, dafür keine Anrufe bei der Polizei

Eine prekäre Ruhe. Das Drogenproblem der Lichterstadt ist keineswegs gelöst. «Stalincrack», wie der Umschlagplatz im Volksmund heisst, ist nur einer von 66 bekannten Drogenverkaufsstellen im Pariser Stadtgebiet. Im Grossraum der französischen Hauptstadt wurden über 900 gezählt, ein Drittel davon im Banlieue-Departement Seine-Saint-Denis. Dort benützen die Drogenbanden die verwinkelten Zugänge der Wohnsiedlungen für ihre Geschäfte. An die Wände von zehn- und fünfzehnstöckigen Treppenhäusern pinseln sie die Preise: Marokkanischer Shit für 10 Euro pro 1,8 Gramm, Kokain aus Bolivien für 30 Euro das halbe Gramm, Crack für 60 Euro das Gramm.

Die Bewohner sind machtlos. In der Gemeinde Saint-Ouen im Nordosten von Paris schlossen Anwohner mit den Dealern im letzten Sommer einen Deal: Nachtruhe ab 22 Uhr, dafür rufen die Nachbarn nicht die Polizei.

Die kommt sowieso kaum je. Bei fast tausend Drogen-Hotspots kann sie nicht überall eingreifen – und wenn sie es tut, verlagert sich das Problem nur. Im Sommer 2018 schlossen die Behörden den so genannten «Crack-Hügel» nördlich des Stalingrad-Platzes. Dort, im Schatten mehrerer Autobahnbrücken, hatten sich Hunderte Dealer und Konsumenten aus der ganzen Agglomeration mit Zelten angesiedelt. Als die Polizei den Ort räumte, dachte niemand an flankierende Sozialmassnahmen. In der Folge kehrten die Konsumenten wieder auf den Stalingrad-Platz zurück.

Will das Schweizer Modell ausprobieren: die Pariser Bürgermeistern Anne Hidalgo.

Will das Schweizer Modell ausprobieren: die Pariser Bürgermeistern Anne Hidalgo.

Keystone

Seit dem nächtlichen Feuerwerkangriff war Bürgermeisterin Anne Hidalgo aber zum Durchgreifen gezwungen. Um die «toxicos» (Drogensüchtigen) von der Strasse zu holen, liess die Sozialistin den nahe gelegenen Eole-Park für sie öffnen. Ein Fehler: Damit zog sie den Crackhandel wie ein Magnet an. Die Polizei hat Ende Juni auch diesen Park räumen lassen.

Kann das Modell Platzspitz auch in Paris funktionieren?

Eine Auffanglösung für die Crack-Konsumenten gibt es immer noch nicht. Die Pariser Medien führen nun das «Schweizer Modell» als Ausweg ins Feld. Die Zeitung «Le Monde» etwa schrieb kürzlich über die Evakuierung der Zürcher Drogenszene vom «Platzspitz» im Jahr 1992, die zu einem Umdenken in der Schweiz geführt hat. Seither fusst die Schweizer Drogenpolitik auf den Säulen Prävention, Therapie, Schadensbegrenzung und Repression.

Die Leiterin des einzigen Fixerraums in Paris, Elisabeth Avril, weist darauf hin, dass Zürich im Unterschied zu Paris auch die nötigen Finanzmittel bereitgestellt habe. Die Limmatstadt zähle vier «salles de shoot» (Fixerräume), der zehnmal so bevölkerungsreiche Grossraum Paris aber nur einen einzigen.

Die Covidkrise hat das Drogenproblem in Paris nur noch verschärft. Die Zahl der Crack-Konsumenten wurde vom Drogenzentrum CSAPA bereits 2019 auf 13000 geschätzt. Ein Fünftel ist obdachlos.

Deshalb folgt Bürgermeisterin Hidalgo nun dem Schweizer Exempel: Vor wenigen Tagen hat sie angekündigt, Paris werde «noch in diesem Sommer» den ersten Auffangraum allein für Crack-Konsumenten erhalten. Wo, wagt sie aus Angst vor Bewohnerprotesten nicht zu sagen. Der Widerstand ist gross: Die Einwohner betuchter Quartiere wollen nicht zulassen, dass ihre teuren Wohnungen durch einen Fixerraum in der Nachbarschaft an Wert verlieren. Auch in den ärmeren Vierteln um Stalingrad wehren sich die Eltern dagegen, dass sie nach den improvisierten Migrantenlagern der letzten Jahre nun auch noch Drogenkonsumenten beherbergen sollen.

Und schliesslich hat das Problem auch eine politische Komponente: Bürgermeisterin Hidalgo will bei den Präsidentschaftswahlen 2022 gegen Emmanuel Macron antreten. Dessen Innenminister macht im Auftrag des Chefs Stimmung gegen die Einrichtung solcher Auffangräume. Solange der politische Wettkampf zwischen den beiden Seiten offen ist, bleibt die dramatische Lage in «Stalincrack» daher wohl ungelöst.

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