Grosses Interview
«Mr. Brexit» Nigel Farage: «Glauben Sie mir, die Revolte ist in vollem Gang»

Brexit-Vordenker Nigel Farage (53) ist der personifizierte EU-Schreck. Der UKIP-Politiker spricht über seine Zerstörungswut, seinen Freund Donald Trump und den «Sterbeprozess» der EU.

Samuel Schumacher
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Nigel Farage
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Nigel Farage unterhält gute Beziehungen in die Schweiz. 2014 war der damalige UKIP-Parteipräsident bei der Aktion für eine unabhängige und neutrale Schweiz (Auns) und deren Präsident, SVP- Nationalrat Lukas Reimann (links im Bild), zu Gast.
Reizfigur: Nigel Farage.

Nigel Farage

Getty Images

Nigel Farage hat eine halbe Stunde Zeit. Überdeutlich spricht er ins Telefon, so, wie er das von Hunderten Interviews mit fremdsprachigen Journalisten gelernt hat. Überdeutlich sind auch seine Argumente. Von Zurückhaltung hält er wenig, der diplomatische Gestus liegt ihm nicht. Zwischendurch lacht er laut auf; ein langes, hauchendes Lachen. Wenn man Acht gibt, hört man in seinen Lachern den kratzenden Sound der Zigarren, die er sich hie und da gönnt und dank denen er streckenweise eher tönt wie ein Rockstar als wie ein Berufspolitiker.

Herr Farage, haben Sie immer noch diesen Sarg mit dem aufgemalten Euro- Zeichen in Ihrem Brüsseler Büro?

Nigel Farage: Aber natürlich. Der Euro hat Millionen von Menschen grosses Leid gebracht. Ich freue mich auf den Tag, an dem er wieder verschwindet.

Der Sarg symbolisiert Ihren Hass auf die EU. Woher kommt dieser Hass?

Die EU will uns zu einer politischen Provinz des europäischen Superstaats degradieren, der von Herrn Juncker und seiner Brüsseler Gang regiert wird. Die denken, Grossbritannien sei nicht fähig, sich um sich selbst zu kümmern. Dank dem Brexit werden uns diese alten Männer aber bald nicht mehr vorschreiben, wie wir unsere Zukunft zu gestalten haben.

Sie waren das Gesicht der Brexit-Kampagne, haben auf allen Kanälen für den EU-Austritt geweibelt. Jetzt aber sind Sie still geworden. Sie haben der britischen Regierung kein bisschen bei den Brexit-Verhandlungen geholfen. Warum nicht?

Ich bin jederzeit bereit, mitzuhelfen. Ich warte nur darauf, meine Ärmel hochkrempeln zu können. Die Regierung ist es, die mich nicht an Bord haben will. Die meisten Regierungsmitglieder möchten insgeheim in der EU bleiben und haben kein Ohr für meine Brexit-Ideen.

«Mr. Brexit» lebt den «American Dream»

Nigel Farage (53) ist wahrscheinlich der erfolgreichste Europapolitiker seiner Generation. Sein Wunsch, Grossbritannien aus der EU zu führen, wurde anfänglich von kaum jemandem ernst genommen. Als die Briten dem «Brexit» dann im Juni 2016 mit 53 Prozent Ja-Stimmen zustimmten, verschwand das bemitleidende Lächeln, das Farage nur allzu oft erdulden musste.

In den Monaten nach der Abstimmung wandte sich Farage immer mehr dem politischen Spielfeld Amerika zu.

Er trat an Trumps Wahlkampfveranstaltungen auf, schüttelte dem frischgewählten US-
Präsidenten noch am Abend seines Wahlsiegs in New York die Hand, akzeptierte ein Angebot des US-Fernsehsenders Fox News und könnte sich sogar vorstellen,
als britischer Botschafter nach Washington zu ziehen – so, wie Trump das in einem Tweet einst gefordert hatte. «Ich werde alles tun, um das Verhältnis zwischen meinem
Land und Amerika zu stabilisieren», sagt er im Gespräch mit der «Schweiz am Wochenende». (SAS)

Sie rühmen sich damit, die EU als Ratsmitglied seit 17 Jahren «von innen heraus zu zerstören». Welche Reformen bräuchte es, damit Sie sich eine Rückkehr Grossbritanniens in die EU vorstellen könnten?

Wenn die EU aus souveränen Staaten bestünde, die miteinander kooperieren und Handel betreiben, die gewisse Standards voneinander übernehmen und gemeinsam gegen Kriminalität vorgehen, dann wäre ich ein grosser Europa-Fan.

Das bietet die EU doch schon heute.

Sehen Sie, bei der EU geht es nur um eines: darum, in Brüssel politische Macht aufzubauen. Diese Macht liegt in den Händen von Menschen, die wir nicht wählen können und die wir auch nicht so einfach wieder loswerden. Die EU ist ein schlecht durchdachtes Projekt, das sich nicht darum kümmert, wie die Menschen funktionieren und was sie wollen.

Und was wollen die Menschen?

Sie wollen in erkennbaren Staaten leben, die auf Prinzipien aufgebaut sind, die ihrer Identität entsprechen. Die EU macht mit ihrer Flagge, ihrer Hymne und ihren Präsidenten nur eines: Sie fordert Menschen auf, falschen Göttern zu huldigen.

Wie lange gibt es die EU noch?

Die EU liegt im Sterben. Ob es noch fünf oder zehn Jahre dauert, das weiss ich nicht. Es ist wie bei der Sowjetunion: Die machte auch einen langen Sterbeprozess durch, bevor sie ganz in sich zusammenfiel. Die Mächtigen werden noch ein paar Jahre lang versuchen, das Projekt am Leben zu halten, egal, wie sehr die Leute darunter leiden. Die EU darf und wird aber nicht überleben.

Sie sagten schon 2011, dass alle EU-Parlamentarier gefeuert werden sollten. Sie selber sitzen aber immer noch in diesem Parlament.

Wenn ich nicht da wäre, dann würde eine andere Person mit viel EU-freundlicheren Ansichten meinen Platz einnehmen. Ohne meine Präsenz in diesem Parlament hätte es niemals so massive Kritik an der EU von innen heraus gegeben.

Naja, Sie sind nicht der einzige Skeptiker unter den EU-Parlamentariern.

Nein, aber die allermeisten Politiker lassen sich von der Atmosphäre einlullen und gewöhnen sich an die Limousinen und die Champagner-Partys. Auch die meisten EU-Gegner werden da weich und sind plötzlich ganz enthusiastisch, wenn es ums Projekt Europa geht.

Sie haben die EU mal als «Mafia» bezeichnet, werden als Parlamentarier aber seit Jahren gut von ihr bezahlt. Das macht Sie zum «Mafia-Profiteur».

Manchmal muss man sich vom Teufel zahlen lassen, um Gottes Werk zu vollbringen. (lacht) Mit der erfolgreichen Brexit-Kampagne habe ich meine Karriere jetzt ja aber faktisch selber beendet. Im Frühling 2019 werde ich aus dem EU-Parlament zurücktreten.

Macht es Ihnen eigentlich kein schlechtes Gewissen, dass Sie Ihren Landsleuten den Brexit mit falschen Versprechungen verkauft haben?

Meine Versprechungen waren alle wahr. Im Gegensatz zu jenen der britischen Regierungen, die uns 50 Jahre lang erzählt haben, wir würden einem gemeinsamen europäischen Markt beitreten, ohne politische Verpflichtungen einzugehen. Das war die grösste Lüge in der Geschichte Grossbritanniens.

Was ist mit den 350 Millionen Pfund, die Grossbritannien durch den Brexit angeblich jede Woche einspart und für das Gesundheitssystem brauchen kann? Das war reine Propaganda.

Dieses Versprechen war ein Fehler. Ich habe das aber nie selber gesagt. Da müssen Sie mit Boris Johnson (Anm. der Redaktion: britischer Aussenminister und Brexit-Befürworter) reden.

Ausgeblieben ist bis jetzt auch der wirtschaftliche Aufschwung. Das Wachstum hat sich verlangsamt, die Inflation ist angestiegen, rund 10 000 Finanzjobs werden wohl ins Ausland verschoben.

Wir haben schon in den vergangenen Jahren Zehntausende Finanzjobs verloren. Die sind jetzt in Zürich oder Genf. Schuld daran waren die EU-Gesetze. Wenn wir bald nicht mehr unter dem EU-Joch wirtschaften müssen, werden wir als Finanzzentrum weit attraktiver sein als etwa Paris oder Frankfurt.

Und was ist mit Firmen wie Microsoft, UBS oder HSBC, die ihren Abzug angekündigt haben?

Das macht doch nichts. Es werden viel mehr Firmen kommen als gehen. Jene, die jetzt mit Wegzug drohen, wollen nur unsere Regierung unter Druck setzen. Dieselben Drohungen gabs schon, als Grossbritannien sich damals weigerte, den Euro als Währung zu übernehmen. Man hat uns einen Massenexodus der internationalen Firmen prophezeit. Und was ist passiert? Das Gegenteil.

Wie verändert der «Brexit» die Beziehun- gen Grossbritanniens mit der Schweiz?

Grossbritannien muss den Fokus wegnehmen von den Nachbarn und in die weite Welt hinausschauen. Der US-Handelsminister sagte kürzlich in London, er wolle, dass wir Amerikas wichtigster Handelspartner werden. Die Japaner, die Inder, die Australier, die Kanadier: Die wollen das alle auch. Die ganze Welt steht an, um mit uns Handel betreiben zu dürfen. Wir werden uns aber selbstverständlich auch um gute Handelsbeziehungen mit der Schweiz bemühen.

Grossbritannien hat den Anfang gemacht. Welches Land verlässt die EU als nächstes?

Dänemark vielleicht, oder Katalonien. Schwierig zu sagen.

Apropos: Herr Puigdemont muss ein Held sein für Sie, ein Widerstandskämpfer, genau wie Sie.

Er stand hin und äusserte seine Meinung. Die spanische Regierung hat mit verbrecherischer Gewalt auf ihn reagiert. Und was macht die EU? Sie schaut tatenlos zu. Das sagt Ihnen eigentlich alles, was Sie über die EU wissen müssen.

Ihr Nachbarland Frankreich sieht das ein wenig anders und hat mit Herrn Macron einen klaren EU-Befürworter an die Spitze gewählt. Das muss Ihnen zu denken geben.

Glauben Sie mir, die Revolte von 2016, die sich im Brexit-Votum und in der Wahl Trumps niederschlug, ist immer noch in vollem Gang. Die Behauptung, das sei jetzt alles vorbei, nur weil Herr Macron in Frankreich gewonnen hat, die ist falsch.Der Widerstand gegen die EU wächst – und zwar in jedem einzelnen Mitgliedstaat.

2016 sagten Sie, Sie würden Trump wählen, wenn Sie Amerikaner wären. Was hat Trump denn Positives für Europa gebracht?

Er ist ein ausgesprochener EU-Skeptiker. Donald glaubt an Nationalstaaten und an Patriotismus.

Patriotismus scheint für Sie die Lösung aller Probleme zu sein, oder?

Wenn Sie nationalen Patriotismus mit einem demokratischen System verbinden, dann führt das immer zu Frieden, nie zu Krieg. So gesehen, ist er immer Teil der Lösung, ja.

Sie haben Donald Trump unmittelbar nach seiner Wahl in New York getroffen und ihm gratuliert. Die meisten Europäer lehnen Trumps Politik klar ab. Was sehen Sie in ihm, das ein Grossteil der Europäer nicht sieht?

Trump und die Europäer, die definieren die Extreme des politischen Spektrums. Trump ist – anders als Europa – bereit, schwierige Realitäten anzupacken und etwas zu tun. Zum Beispiel gegen den islamistischen Terrorismus: Den möchte man in Europa am liebsten totschweigen.

Trump will den Terrorismus bekämpfen, indem er Menschen aus mehrheitlich muslimischen Ländern die Einreise verwehrt. Sie äusserten sich kritisch zu dieser Idee ...

... weil sie klar in die falsche Richtung führte.

Wieso denn? All die Muslime, die Trump nicht reinlässt, können in den USA keine Attentate mehr ausüben. Leuchtet doch ein, oder?

Es gibt einen Unterschied zwischen dem Kampf gegen hochgefährliche Individuen und der Kriegserklärung an eine gesamte Religionsgemeinschaft. Mit seiner Reise nach Saudi-Arabien und seinem Versprechen, mit den muslimischen Führern in Sachen Terrorbekämpfung zusammenzuarbeiten, hat Trump inzwischen aber die richtige Balance gefunden.

Was kann denn Europa tun, um sich gegen die wachsende terroristische Bedrohung zu wehren?

Nach dem, was Frau Merkel angerichtet hat, ist es wahrscheinlich zu spät, um überhaupt etwas tun zu können. Wie viele IS-Aktivisten sie mit ihrer Willkommenskultur nach Europa gelockt hat, das weiss ich nicht. Wohl aber ziemlich viele. Frau Merkel hat uns da ein Problem eingebrockt, an dem wir noch Jahrzehnte zu nagen haben werden.

Neuerdings arbeiten Sie als Kommentator für den konservativen US-Fernsehsender Fox News. Wie kam es dazu?

Ich wurde immer wieder von allen möglichen amerikanischen Sendern für Kommentare und Analysen angefragt: CNN, MSNBC, Fox. Fox hat mir dann als erster Sender ein exklusives Angebot gemacht.

Für mich sieht das fast ein bisschen nach einer Flucht aus.

Wie meinen Sie das?

Sie haben in Europa mit dem «Ja« zum Brexit alles erreicht, was Sie wollten. Anstatt jetzt bei der Umsetzung mitzuhelfen, lassen Sie sich lieber in Übersee als Befreier und Selbstbestimmungskämpfer feiern.

Ich sage Ihnen jetzt mal was: Kommen Sie doch nächste Woche nach Strassburg und schauen Sie mir zu, wie ich im Europaparlament hart arbeite. Ich bin überhaupt nicht auf der Flucht.

Sie haben einen zweiten neuen Nebenjob, als Radio-Journalist beim britischen Privatradio LBC. Jetzt, wo Sie diese Perspektive kennen: Was macht der Journalist Nigel Farage besser als die «liberalen Medien», die er so gerne kritisiert?

Was ich als Radio-Moderator zu bieten habe, ist meine politische Front-Erfahrung. Ich kann durch meine Arbeit als Politiker Einblicke in bestimmte Themen gewähren, die anderen Journalisten verwehrt bleiben.

Sollten gute Journalisten eine politische Karriere durchlaufen, bevor Sie sich als Berichterstatter profilieren?

Ich finde, dass es – wie überall im Leben – dem Journalismus guttut, wenn Menschen mit verschiedensten Hintergründen mitwirken.

Im Frühling 2019 treten Sie aus dem Europaparlament aus. Was machen Sie danach? Helfen Sie Ihrem Freund Donald Trump bei dessen Wiederwahl-Kampagne?

Puh, keine Ahnung. Bis jetzt bin ich einfach immer optimistisch durchs Leben gegangen und habe auf das Beste gehofft. Es dauerte zwar eine Weile, aber schliesslich kam es doch ganz gut (lacht).

In Ihrem Leben schrammten Sie aber auch mehrmals knapp am Tod vorbei. Sie haben den Krebs besiegt, überlebten 2010 nur mit viel Glück den Absturz eines Kleinflugzeuges und vorletztes Jahr einen Anschlag auf Ihr Auto. All diese Dinge haben Sie nie ausgebremst. Lassen Sie sich eigentlich von gar nichts stoppen?

Wir werden alle genug Zeit zum Ausruhen haben, wenn wir tot sind. Bis dahin werde ich rasant durchs Leben gehen, solange ich kann.

Nigel Farage tritt am 21. November um 17.30 Uhr im SAL am Lindenplatz in Schaan (Liechtenstein) auf. Der Anlass ist öffentlich. Infos: www.wirtschaftswunder.li

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