Manchester
Nach Terroranschlag: Britische Wahlkampfpause ist spektakulär zu Ende gegangen

Nach dem Anschlag in Manchester ist in Grossbritannien wieder Wahlkampf angesagt. Labour-Chef Corbyn stellt einen Zusammenhang zwischen Terror und britischer Aussenpolitik her – und erntet dafür heftigen Widerspruch.

Sebastian Borger, London
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Während Premierministerin Theresa May am G7-Gipfel auf Sizilien weilt, hat in ihrer Heimat der Wahlkampf von Neuem begonnen.

Während Premierministerin Theresa May am G7-Gipfel auf Sizilien weilt, hat in ihrer Heimat der Wahlkampf von Neuem begonnen.

Keystone/EPA/NIGEL RODDIS

Mit einem frontalen Angriff auf die Sicherheitspolitik der konservativen Regierung hat Jeremy Corbyn am Freitag den britischen Wahlkampf wieder aufgenommen. Sein Land müsse sich stark zeigen gegenüber dem islamistischen Terrorismus, aber auch dessen Ursachen genau analysieren, sagte der Labour-Chef und Oppositionsführer in London. Zu Letzteren zählte der Politiker den sogenannten Krieg gegen den Terror, mitsamt der britischen Beteiligung am Irak-Krieg und am Sturz des libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi. Darauf hinzuweisen reduziere «in keiner Weise die Schuld jener, die unsere Kinder angreifen».

Am Ausgang der Arena-Konzerthalle seiner Heimatstadt Manchester hatte der Attentäter Salman Abedi am Montagabend 22 Menschen mit in den Tod gerissen, mehrere Dutzend erlitten teilweise lebensgefährliche Verletzungen.

Unter den Toten sind sieben Mädchen unter 18 sowie zahlreiche Mütter und Väter, die ihre Kinder vom Konzert der US-Popsängerin Ariana Grande abholen wollten. In Absprache mit Premierministerin Theresa May hatte Corbyn wenige Stunden nach dem Bombenanschlag den Wahlkampf für den Urnengang am 8. Juni bis Freitag unterbrochen.

Selbstmord-Anschlag in Manchester (22.05.2017)
15 Bilder
Die USA verraten britische Geheimdienstinformationen: Das gefällt May gar nicht.
Salman Abedi sprengte sich in Manchester in die Luft und riss 22 Menschen mit in den Tod.
Die britischen Sicherheitskräfte sind in höchster Alarmbereitschaft.
Nach dem schweren Anschlag in Manchester rief Premierministerin Theresa May die höchste Terrorwarnstufe aus.
Der Attentäter riss mindestens 22 Menschen in den Tod. Die achtjährige Saffie Rose Roussos ist ein Todesopfer.
Terror-Anschlag in Manchester Ein Bild aus dem Innern der Manchester Arena. Ein mutmasslich islamistischer Selbstmordattentäter zündete im Eingang der Konzerthalle eine Bombe und riss mindestens 22 Menschen mit in den Tod.
Den Rettungskräften zufolge waren unter den Verletzten zwölf Kinder und Jugendliche unter 16. Die Polizei betreut Konzertbesucher. Die Konzerthalle in Manchester bietet bis zu 21'000 Besuchern Platz.
Zum Anschlag kam es am Ende des Konzerts von US-Sängerin Ariana Grande (23). Sie zeigte sich auf Twitter tief bestürzt. (Archivbild)
Der Schock sitzt tief nach dem Terrorangriff.
Polizeichef Ian Hopkins bestätigt, dass der Attentäter unter den Toten ist.
Forensiker an der Arbeit.
Zahlreiche Ambulanzen fuhren am Montagabend vor der Manchester Arena vor.
Die Polizei sicherte die Gegend um den Tatort ab.
Bilder vom Tatort.

Selbstmord-Anschlag in Manchester (22.05.2017)

AP

Zorn über Politik des Westens

Corbyn stützte sich in seiner Rede auf Fachleute wie die frühere Chefin des Inland-Geheimdienstes MI5, Eliza Manningham-Buller. Sie hatte zu Protokoll gegeben, die Bedrohung durch den islamistischen Terrorismus habe durch den Irak-Krieg «erheblich» zugenommen. Die unabhängige Irak-Untersuchungskommission kam zum Schluss: Erst nach dem Sturz von Diktator Saddam Hussein 2003 habe al-Kaida im Zweistromland Fuss fassen können. Es sei «offensichtlich», teilte Kommissionsmitglied Lawrence Freedman am Freitag mit, «dass der Zorn über die Politik des Westens im Nahen Osten einen – aber nicht den einzigen – Faktor für den islamistischen Terror darstellt».

Von Mays Ministern – die Chefin selbst weilte auf dem G-7-Gipfel auf Sizilien in Taormina – musste sich der Oppositionsführer schwere Vorwürfe gefallen lassen. «Er entschuldigt Terrorismus», sagte Verteidigungsminister Michael Fallon. Dschihadisten würden «nicht unsere Aussenpolitik angreifen, sondern die Werte unserer Gesellschaft», sekundierte der Sicherheits-Staatssekretär Ben Wallace. Die Liberaldemokraten, die 2003 als einzige grosse Partei gegen den Krieg gestimmt hatten, kritisierten Corbyns Timing. Jetzt, vor der Bestattung der Todesopfer, sei «nicht die Zeit», teilte Parteichef Tim Farron mit.

Umfrage sieht Labour aufholen

Die nervöse Reaktion der Konservativen dürfte mit einer Umfrage zusammenhängen, wonach der lange Zeit komfortable zweistellige Abstand zwischen den Torys (43) und Labour (38) stark zusammengeschrumpft ist. Vor dem Bombenanschlag stand Premier May unter Druck, weil sie Vorschläge zur Neuordnung der Pflegeversicherung in ihrem Wahlprogramm binnen weniger Tage widerrufen hatte. Die Bluttat selbst bringt die langjährige Innenministerin ebenfalls in Schwierigkeiten, denn unter ihrer Ägide wurde der Polizei das Budget massiv gekürzt. Darum würden Streifenbeamte in Problembezirken nun fehlen, argumentieren die Kritiker.

Hingegen erhielt der Inlandgeheimdienst MI5 zuletzt 2000 zusätzliche Mitarbeiter, hatte auch Abedi kurzzeitig im Visier, verlor aber das Interesse an dem halbwüchsigen Extremisten. Der Uni-Abbrecher Abedi muss den bisher bekannt gewordenen Ermittlungsergebnissen zufolge seine mit Nägeln und Schrauben angereicherte Bombe mindestens ein Jahr lang geplant haben. Zum Zusammenbau mietete er eigens eine Wohnung im Stadtkern von Manchester. Die dort hinterlassenen Spuren deuten offenbar darauf hin, dass Abedi mindestens eine weitere Bombe konstruiert haben könnte.

Die Kripo war auch am Freitag damit beschäftigt, Abedis Umfeld auf den Kopf zu stellen. Acht Männer zwischen 18 und 38 Jahren befanden sich noch in Polizeihaft. Über das verlängerte Wochenende – auf der Insel ist am Montag Feiertag – bleibt die Terror-Alarmstufe «kritisch», die Behörden rechnen mit einem unmittelbar bevorstehenden weiteren Anschlag.

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