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Nach verzweifelter Suche: Merkels Kronprinz heisst Winfried Kretschmann

Die Kanzlerin bringt den grünen Ministerpräsidenten als Bundespräsidenten ins Spiel.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Winfried Kretschmann und Angela Merkel: Sie loben sich gegenseitig. Getty Images

Winfried Kretschmann und Angela Merkel: Sie loben sich gegenseitig. Getty Images

Photothek via Getty Images

Baden-Württembergs Ministerpräsident Winfried Kretschmann ist ein grosser Anhänger von Kanzlerin Angela Merkel. Schon einmal bekundete der 68-Jährige, er halte die Kanzlerin für derart geeignet, dass er sie in sein Gebet einschliesse. Vorige Woche äusserte der gelernte Gymnasiallehrer unverhohlen den Wunsch, Merkel möge für eine vierte Amtszeit kandidieren. «Ich wüsste auch niemanden, der diesen Job besser machen könnte als sie.»

Nun hat sich Merkel auf ihre Art bei Kretschmann für die Lobhudelei bedankt – und den Chef der ersten bundesdeutschen grün-schwarzen Regierung als Nachfolger von Bundespräsident Joachim Gauck ins Spiel gebracht. Kretschmann zeigte sich ob des Interesses der Kanzlerin geehrt, verwies aber darauf, wie gerne er seinem Job in der Stuttgarter Staatskanzlei nachgehe. Eigentlich hatte Kretschmann nicht den Posten des Staatsoberhauptes im Schloss Bellevue im Visier, als er Merkel hochleben liess. Vielmehr wünscht sich der Ministerpräsident ein Bündnis aus Union und Grünen nach den Bundestagswahlen im kommenden September.

Merkels verzweifelte Suche

Bei der Suche nach einem geeigneten Gauck-Nachfolger tut sich die Kanzlerin offenkundig schwer. Ihr Lieblingskandidat, Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU), hat bereits mehrfach und zuletzt auch deutlich abgesagt. Ärgerlich für Merkel, denn der Bundestagspräsident wäre ideal gewesen: Ein Kandidat der Unionsparteien, weltgewandt, rhetorisch brillant, und beliebt bis weit ins Lager von SPD und Grünen. Eine sichere Bank für die Kanzlerin.

Dass Merkel nun also bei Winfried Kretschmann und offenbar auch bei der Grünen-Fraktionschefin Kathrin-Göring Eckhardt sondiert, lässt den Eindruck entstehen, die Kanzlerin sei kurz vor dem Verzweifeln. Denn vor zwei Wochen hat SPD-Chef Sigmar Gabriel die stille Übereinkunft gebrochen, wonach sich die Grosse Koalition auf einen Konsenskandidaten einigt und die Kanzlerin das Vorschlagsrecht in der Bundespräsidentensuche geniesst. Gabriel lancierte ohne Absprache mit den Koalitionspartnern CDU und CSU den im Volk äusserst beliebten Aussenminister Frank-Walter Steinmeier für die Wahl des Bundespräsidenten am 12. Februar. Gabriels Vorpreschen bringt Merkel in ein Dilemma: Würde sie den Weg für Steinmeier freimachen, entstünde der Eindruck, sie lasse sich von der in der Bundesversammlung weitaus schwächer vertretenen SPD den Kandidaten diktieren.

Am vergangenen Sonntag versuchte Merkel, Gabriel bei einem gemeinsamen Treffen im Kanzleramt, an dem auch CSU-Chef Horst Seehofer teilnahm, umzustimmen. Die Kanzlerin soll versucht haben, Gabriel für einen gemeinsamen Kandidaten, zum Beispiel aus den Reihen der Grünen, zu erwärmen – im Gegenzug solle er von der Kandidatur Steinmeier Abstand nehmen. Doch Gabriel liess sich nicht erweichen und verliess das Gespräch vorzeitig. Seither sucht Merkel weiter nach einem eigenen Kandidaten. Heute Freitag wollen sich Seehofer, Gabriel und Merkel erneut zu einer Unterredung treffen. Im Moment deutet einiges darauf hin, dass es im Februar zu einer riskanten Kampfwahl um das Amt des Bundespräsidenten kommen wird: Welche Seite auch immer diese Wahl verlieren wird, das Signal könnte im Hinblick auf die Bundestagswahl im Herbst 2017 ungünstig sein.

Merkel scheint mit Bundespräsidenten kein allzu glückliches Händchen zu haben. Horst Köhler, den Merkel zusammen mit dem damaligen FDP-Chef Guido Westerwelle noch aus der Opposition ins Schloss Bellevue gebracht hatte, trat 2010 zu Beginn seiner zweiten Amtszeit zurück, da er sich zu Unrecht medialer Kritik ausgesetzt gesehen hatte. Merkel entschied sich nach Köhlers Rücktritt gegen den schon damals aus dem linken Lager forcierten Joachim Gauck und für Christian Wulff von der CDU. Dieser musste dann 2012 wegen angeblicher Vorteilsnahme und Bestechlichkeit zurücktreten. Auch 2012 sperrte Merkel sich zunächst gegen eine Kandidatur von Gauck, den erneut SPD und Grüne ins Spiel gebracht hatten. Erst nachdem der damalige Koalitionspartner FDP dem Pastor aus Ros-
tock seine Unterstützung zugesagt hatte, schwenkte auch Merkel auf Gauck um.

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