Nahost
Die Christen im Irak haben viel Leid erfahren – was sie sich vom anstehenden Besuch des Papstes erhoffen

Seit dem Sturz von Saddam Hussein ist die Zahl der irakischen Christen von 1,5 Millionen auf rund 250'000 gesunken. Für sie bedeutet der Besuch von Papst Franziskus zumindest ein kleines Zeichen der Hoffnung.

Michael Wrase aus Limassol
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Reist am Freitag in den Irak: Papst Franziskus.

Reist am Freitag in den Irak: Papst Franziskus.

Christian Iglesias/Citypress24

«Sie gaben uns eine Stunde zum Packen», erinnert sich Pater Behnan Lallo an den Überfall des sogenannten «Islamischen Staats» (IS) im August 2014. «Bevor wir unsere Dörfer verliessen, nahmen sie uns unser Gold und Geld ab. Wer sich weigerte, wurde verprügelt oder gar erschossen». Der chaldäische Priester lebte damals mit seinen Schutzbefohlenen in Bartella, eine halbe Autostunde von Mossul entfernt.

Die drittgrösste Stadt des Irak hatte der IS bereits einen Monat zuvor für «Christen-rein» erklärt. Wie in Bartella waren auch die 25'000 chaldäisch-katholischen Christen von Mossul vor die Wahl gestellt worden, ihre Häuser zu verlassen oder eine Sondersteuer für «Abweichler» zu bezahlen, also den Status eines Sklaven zu akzeptieren. «Die Gläubigen wurden zudem gezwungen, ihre Holzkreuze zu verbrennen», berichtet Pater Lallo, der heute in Ankawa, einem Viertel von Erbil, der Hauptstadt der kurdischen Autonomieregion im Nordirak, als Seelsorger arbeitet.

Die Millionenstadt gehört zusammen mit Mossul, dem Dorf Karakosch sowie Nadschaf und Ur, der Heimat des Erzvaters Abraham, zu den Stationen von Papst Franziskus während seines dreitägigen Irak-Besuchs. «Wir hoffen, dass mit seinem Besuch das Bewusstsein dafür zunimmt, dass wir Christen im Irak keine Gäste sind, sondern die ursprünglichen Einwohner dieses Landes», betont Baschar Warda, der chaldäische Erzbischof von Erbil.

Christen leben seit Jahrhunderten in der Region

Der Irak gehört zu den Ursprungsregionen des Christentums. Bereits im zweiten Jahrhundert nach Christus gründeten die babylonischen Chaldäer im alten Mesopotamien ihre ersten Gemeinden. Sie sprachen Assyrisch, das mit dem Aramäischen, der Sprache Jesu, verwandt ist. «Als Saddam Hussein noch an der Macht war», erzählt Yousif Agoub, «förderte der Staat noch die Pflege der assyrischen Sprache».

Viele Berater und Minister des Diktators, unter ihnen der langjährige Aussenminister Tarik el Asis, der eigentlich Mikhail Youhanna hiess, seien chaldäische Christen gewesen. «Saddams Sturz vor 18 Jahren, der nachfolgende Bürgerkrieg mit dem so verheerenden Aufstieg des IS sowie die Machtergreifung der Schiiten waren für uns Christen eine Katastrophe», glaubt Yousif, der heute im jordanischen Amman ein Restaurant führt. Seit Saddams Tod gehe es «mit dem Irak nur noch bergab».

Unter Saddam Hussein noch weitgehend gleichgestellt oder - als Minderheit - sogar privilegiert – wurden sie fortan zur Zielscheibe von Terroristen. Über 400 Christen wurden allein in den ersten zwei Jahren nach dem Einmarsch der US-Armee im Frühling 2003 ermordet. Fast 50 Kirchen und Klöster waren das Ziel von Bombenanschlägen islamischer Extremisten. Schützen konnten die Amerikaner weder die Gotteshäuser noch ihre Besucher.

Eine Million Christen mussten flüchten

«Uns blieb deshalb keine andere Wahl als das Land zu verlassen», sagt Yousif. Mehr als eine Million Christen taten es ihm gleich. Die Wohlhabenden unter ihnen gingen nach Kanada, in die USA oder nach Schweden. Wer sich die teure Reise nicht leisten konnte, flüchtete nach Jordanien, Syrien, den Libanon oder fand in den kurdischen Autonomiegebieten im Nord-Irak Zuflucht.

«In ihrer Heimat bleiben, um auf den Tod zu warten, wollen nur die Alten», weiss der chaldäische Pater Lallo aus Gesprächen mit Gemeindemitgliedern. Auswanderung kommt für ihn nicht in Frage. Es wäre das falsche Signal. «Wenn auch die Hirten gehen, wird sich die Herde endgültig zerstreuen», zitiert Lallo aus dem Matthäusevangelium.

Pater Lallo: «Bleiben wollen nur die Alten»

Pater Lallo: «Bleiben wollen nur die Alten»

Michael Wrase

Das wisse auch Papst Franziskus, betont der katholische Bischof der nordirakischen Diözese Zakho, Pater Felix Dawood Al-Shabi, im Gespräch mit Journalisten. Der Heilige Vater habe sich auch deshalb zu seiner Irak-Reise entschlossen, um die im Zweistromland verbliebenen Gläubigen darin zu bestärken, in ihrer Heimat zu bleiben.

Leicht wird dies nicht. Wegen der Coronapandemie hat sich zwar der Exodus der Christen aus dem Irak und dem angrenzenden Syrien im letzten Jahr zwar etwas verlangsamt. Gleichzeitig verschärfte die Lungenseuche jedoch die Armut in den Staaten des Nahen Ostens, was extremistischen Gruppierungen wie dem IS in die Hände spielen könnte. «Für sie ist der Papst noch immer der König der Kreuzritter», sagt der chaldäische Bischof von Erbil, Baschar Warda.

In den sozialen Medien würden islamische Fundamentalisten bereits «feindselige Botschaften» verbreiten. Vor allem der bevorstehende Besuch des Heiligen Vaters in Mossul, das drei Jahre lang die «Hauptstadt» des «Islamischen Staats» war, ist aus ihrer Sicht eine Provokation. Trotzdem – oder gerade deshalb - betont Bischof Warda, habe der Papst «ein vom Krieg gezeichnetes Land gewählt, um seine Botschaft des Friedens zu überbringen».

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