Nahostkonflikt
Die Gräben in Israels Gesellschaft? Alles ein Problem des speziellen Schulsystems, sagte dieses Ehepaar

Wer die Gräben in der Gesellschaft zuschütten will, muss das Bildungssystem verändern, glauben Ora und Ihab Balha. Sie haben grosse Pläne.

Win Schumacher, Tel Aviv
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Ora und Ihab Balha möchten Israels Schulsystem reformieren.

Ora und Ihab Balha möchten Israels Schulsystem reformieren.

Foto: Win Schumacher

«Es war schlicht Liebe», sagt Ora Balha und lacht. «Ich hatte keinerlei politische Agenda!» Alles begann vor sechzehn Jahren mit einem Urlaub auf der Sinai-Halbinsel. Sie verliebte sich auf Anhieb in Ihab. Eine Geschichte wie die von unzähligen Israelis – wäre Ora Balha nicht Jüdin und ihr Mann Ihab nicht Muslim. Die Balhas wohnen heute in Jaffa, dem historischen Stadtteil im Süden von Tel Aviv, in dem Juden und Araber seit vielen Generationen zusammenleben. Gemischte Familien wie die Balhas gibt es aber auch hier nur wenige.

Denn die Gräben zwischen den jüdischen und den muslimischen Bewohnern Israels sind tief. Das zeigte die jüngste Eskalation des Nahostkonflikts, die vor einer Woche mit einem Waffenstillstand endete. In Jaffa und anderen gemischtreligiösen Städten Israels wie Lod, Ramla oder Akko kam die oft unsichtbare Kluft zwischen Menschen, die nicht selten Tür an Tür nebeneinander leben, besonders schmerzhaft zum Vorschein. Es gab heftige Ausschreitungen und bürgerkriegsähnliche Zustände.

«Was hier passiert ist – das ist nicht Jaffa, wie wir es kennen», sagt Ora Balha.

«Wir haben Respekt vor unseren Nachbarn. Die Demonstranten kamen von ausserhalb, teils mit Bussen.»

Nur wenige Strassen von der Wohnung der Balhas im Ajami-Viertel stiessen rechtsextreme jüdische Demonstranten und Araber aufeinander. Autos und Müllcontainer wurden in Brand gesetzt, Fenster eingeworfen und Geschäfte verwüstet. Etliche Menschen auf beiden Seiten wurden verletzt.

Pilotprojekt mit 200 Kindern

Doch die Balhas setzen auf die Hoffnung – selbst in der aussichtslos erscheinenden Situation. Mit ihrer Organisation «Orchard of Abraham’s Children» setzen sie für das Zusammenleben von Juden, Christen und Muslimen ein. Ihren Ursprung hat die Organisation in einem Dilemma. Die Balhas suchten für ihren Sohn Noor einen Kita-Platz. «Gemischte Kindergärten gab es damals nicht», sagt Ora Balha. Traditionell ist das Erziehungssystem in Israel schon ab dem Kindergarten getrennt. Juden, Muslime und Christen haben ihre eigenen Einrichtungen. Also gründeten die Balhas eine neue Kita mit zwei Kindern, zwei Sprachen und zwei Religionen.

Heute betreibt die Organisation sieben gemischte Kindergärten mit 200 Kindern. «Etwa 50 Prozent sind jüdisch, 40 Prozent muslimisch und 10 Prozent christlich», sagt Balha. Als nächstes plant die Organisation eine gemischte Schule. «Bildung ist entscheidend. Die getrennte Erziehung hat so viel Hass erzeugt.»

Mag die Waffenruhe zwischen Israel und der Hamas auch für einige Monate oder Jahre anhalten, Israelis und Palästinensern ist bewusst, dass die Konfliktlinien im Nahen Osten längst nicht nur um die umkämpften Grenzen zwischen Israel, dem Westjordanland und Gaza verlaufen. Die Ausschreitungen haben deutlich gemacht, dass die Gräben mitten durch die Gesellschaft gehen. Eine gemeinsame Bildung, glauben die Balhas, ist der beste Weg, sie wieder zuzuschütten.

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