New York
Rücktritt in 14 Tagen: Gouverneur Andrew Cuomo gibt dem Druck nach und zieht sich zurück

Der New Yorker Gouverneur beteuert immer noch, nie eine Frau gezielt sexuell belästigt zu haben. Am Dienstag aber hat sich Andrew Cuomo der politischen Realität gestellt: Der Demokrat gab seinen Rücktritt bekannt.

Renzo Ruf, Washington
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Der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo sieht sich als Opfer politischer Intrigen.

Der New Yorker Gouverneur Andrew Cuomo sieht sich als Opfer politischer Intrigen.

AP

Seine Stimme verriet, wie schwer ihm dieser Schritt fiel. Schliesslich ist Andrew Cuomo immer noch davon überzeugt, dass er nicht Täter ist — sondern Opfer einer Verschwörung politischer Gegner, die seine Schwäche für körperliche Nähe und lahme Witze eiskalt ausnutzten. Cuomo sagte am Dienstag, während einer kurzfristig anberaumten Fernsehansprache: «Ich bin überzeugt davon, dass die New Yorker mich verstehen würden», wenn sie Gelegenheit hätten, ihm zuzuhören.

Allein, der Wirbel um die Anschuldigungen, dass er als Gouverneur von New York elf Frauen sexuell belästigt habe, sei derart gross, dass es selbst ihm nicht gelingen könne, «die Fakten zu kommunizieren» — selbst ihm nicht, dem Mann, der für seine angeblich «meisterhaften» Pressekonferenzen in der Anfangsphase der Coronakrise mit dem renommierten Emmy-Fernsehpreis ausgezeichnet wurde.

Also entschied sich Cuomo am Dienstag zu einer halbherzigen Entschuldigung und zum Rücktritt, und überraschte damit Freund und Feind. Denn bis zuletzt hatten langjährige Begleiter des Gouverneurs damit gerechnet, dass Andrew weiterkämpfen werde. Denn derart handhabte Cuomo bisher jede Krise seit Amtsantritt im Jahr 2011. Er stritt ab, wies zurück oder ging zum Gegenangriff über.

Die Untergebenen mussten dem Gouverneur Lieder vorsingen

Doch in dieser Krise griff diese Strategie nicht — auch weil die Anschuldigungen gegen den Gouverneur einfach zu massiv waren. Die Justizministerin New Yorks, die Demokratin Letitia «Tish» James hatte in einem vorige Woche publizierten, minutiös recherchierten Untersuchungsbericht dargelegt, wie Cuomo seine Position als Gouverneur missbraucht hatte.

So belästigte er eine Staatspolizistin, die (auf seinen Wunsch hin) zu seinem Schutz abbestellt worden war. Auch hielt er seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter mit absurden Wünschen auf Trab. Eine Assistentin soll er beispielsweise dazu aufgefordert haben, die Worte der englischen Ballade «Danny Boy» zu lernen, damit sie ihm dieses Lied jederzeit vorsingen könne.

Zuletzt aber stand Cuomo mit dem Rücken zur Wand. Selbst Präsident Joe Biden, mit dem er schon lange freundschaftlich verbunden ist, forderte seinen sofortigen Rücktritt. Auch sah sich Cuomo mit einer ganzen Reihe von strafrechtlichen Ermittlungen konfrontiert, die nicht nur persönliche Verfehlungen sondern auch die Arbeit seiner Regierung in der Corona-Krise betreffen.

Zudem sandte das New Yorker Staatsparlament deutliche Signale aus, den Gouverneur noch vor Ablauf seiner Amtszeit im kommenden Jahr aus dem Amt entheben zu wollen. Ein Impeachment-Verfahren aber hätte den Staatsbetrieb monatelang gelähmt, was er nicht zulassen könne, sagte der 63 Jahre alte Gouverneur. «Der beste Weg, zu helfen, ist, wenn ich zur Seite trete.»

Also wird in 14 Tagen seine bisherige Stellvertreterin Kathy Hochul sein Amt übernehmen. Die 62 Jahre alte Politikerin, die nicht zum inneren Kreis Cuomos gehörte, wird ein Stück Geschichte schreiben, als erste Gouverneurin des viertgrössten US-Bundesstaates.

Der Mann fürs Grobe an der Seite von Vater Mario

Cuomo, dessen Grosseltern in den Zwanzigerjahren von Kampanien nach New York City ausgewandert waren, hatte seine politische Karriere in den frühen Achtzigerjahren an der Seite seines Vaters Mario begonnen.

Mario, 1982 erstmals zum New Yorker Gouverneur gewählt, galt damals als Lichtgestalt der Demokraten, als Gegengewicht zum republikanischen Präsidenten Ronald Reagan — obwohl er letztlich nie den ultimativen Schritt wagte, und selbst für das Weisse Haus kandidierte. Andrew wiederum war der Mann fürs Grobe, der abtrünnige Parteifreunde auf Linie brachte und Aktivisten bei Laune hielt.

Landesweit bekannt wurde Cuomo im Frühjahr 2020, als er in den düsteren ersten Wochen der Corona-Krise die Bevölkerung täglich über den Kampf gegen die Pandemie informierte. Dabei war der Gouverneur derart omnipräsent, dass Präsident Donald Trump ernsthaft behauptete, die Demokraten würden Cuomo in letzter Minute zum Präsidentschaftskandidaten erküren. Es kam bekanntlich ganz anders.

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