Pandemie
So läuft es in Regionen, die (fast) alle Corona-Massnahmen aufgehoben haben

In England, Dänemark, Neuseeland und dem US-amerikanischen Staat Texas trifft man kaum noch auf Schutzmasken, sie alle haben die meisten Corona-Massnahmen aufgehoben. So ergeht es ihnen dabei.

Lea Senn / watson.ch
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Schon im April feierte man in Neuseeland wieder Grossevents – die Insel verzeichnet kaum noch Infektionen und hat entsprechend fast alle Massnahmen aufgehoben.

Schon im April feierte man in Neuseeland wieder Grossevents – die Insel verzeichnet kaum noch Infektionen und hat entsprechend fast alle Massnahmen aufgehoben.

Keystone

Impfvorreiter Israel hat gefeiert, als die Masken Anfang Juni fielen. Zwei Wochen später kam die Ernüchterung: Wegen steigenden Fallzahlen durch die Delta-Variante kamen die Masken zurück.

Die vier Regionen England, Dänemark, Neuseeland und Texas haben die Masken ebenfalls abgeschafft. Die Ergebnisse fallen unterschiedlich aus:

Texas, USA

Die Lage in Texas hat sich in den letzten Wochen zugespitzt: Im 29-Millionen-Staat werden aktuell rund 12'000 Neuinfektionen pro Tag gemeldet. Speziell besorgniserregend ist die Situation in den Spitälern: 9000 Covid-Patienten werden behandelt – nicht absolut notwendige medizinische Eingriffe wurden vorübergehend wieder eingestellt.

Der republikanische Gouverneur Greg Abbott hat sämtliche Schutzmassnahmen aufgehoben und will auch dabei bleiben, die Maskenpflicht bezeichnete er sogar als illegal: «Jeder Texaner hat das Recht, für sich und seine Kinder zu entscheiden, ob er Masken trägt, seine Geschäfte öffnet oder sich impfen lässt.» Rund 44 Prozent der Bevölkerung sind geimpft, der nationale Schnitt in den USA liegt bei 50 Prozent.

In Houston, Texas, baut man ein Zelt auf, um zusätzliche Covid-19-Patienten zu behandeln – die Spitalkapazitäten sind bald aufgebraucht.

In Houston, Texas, baut man ein Zelt auf, um zusätzliche Covid-19-Patienten zu behandeln – die Spitalkapazitäten sind bald aufgebraucht.

Keystone

Neuseeland

Neuseeland bekämpfte das Coronavirus mit dem Vorschlaghammer: Schon bei einzelnen Fällen wurden ganze Regionen in einen strikten Lockdown versetzt und die Grenze geschlossen. Dank diesen Massnahmen lebt man in Neuseeland allerdings ohne starke Einschränkungen: Einzig im öffentlichen Verkehr besteht noch Maskenpflicht.

Die Taktik mit geschlossenen Grenzen führte jedoch zu einem grösseren Arbeitskräftemangel in der neuseeländischen Wirtschaft, die sehr stark von internationalem Personal abhängig ist. Betroffen sind eine Vielzahl Branchen, unter anderem das Gesundheitswesen: «Wir sind auf international qualifiziertes Pflegepersonal angewiesen, aber da die Grenzen geschlossen sind, bekommen wir keines», sagte eine Mitarbeiterin der New Zealand Nurses Organization gegenüber swissinfo.

«Wir sind zu weit gekommen und haben zu viele Freiheiten gewonnen, um diesen nächsten Schritt zu überstürzen und rückwärtszugehen.»

Diesem Wunsch kommt die Strategie von Premierministerin Jacinda Ardern entgegen: Sie will eine quarantänefreie Einreise für Saisonarbeiter aus Samoa, Tonga und Vanuata – alles Länder ohne aktive Covid-Fälle – erlauben. Sie sind besonders im Gartenbau gefragt. Doch Ardern will vorsichtig vorgehen: «Wir sind zu weit gekommen und haben zu viele Freiheiten gewonnen, um diesen nächsten Schritt zu überstürzen und rückwärtszugehen.»

In Neuseeland ist bisher nur ein geringer Teil der Bevölkerung geimpft: Rund 15 Prozent sind vollständig geimpft, weitere 10 Prozent teilweise.

Dänemark

Dänemark will den Schulstart so «ungestört wie möglich» gestalten und hat deshalb die Maskenpflicht aufgehoben. Auch ausserhalb der Schulen müssen die Dänen kaum noch Masken tragen, einzig auf Stehplätzen im öffentlichen Verkehr. In Innenräumen von Restaurants oder Sporthallen muss der Corona-Pass vorgezeigt werden.

Doch ansonsten lebt es sich in Dänemark, als gäb es kein Corona mehr. Und dafür nimmt man in den kommenden Wochen auch wieder steigende Fallzahlen in Kauf, meinte Gesundheitsdirektor Søren Brostrøm: «Die Leute kommen aus den Ferien heim, haben mehr Kontakte und wir haben Schulanfang. Aber wir akzeptieren die höheren Infektionszahlen.»

In Sachen Impfung ist Dänemark in der europäischen Spitzengruppe: 60 Prozent der Bevölkerung ist doppelt, weitere 14 Prozent einfach geimpft.

Eine Gasse in Aarhus: In Dänemark nimmt man steigende Fallzahlen in Kauf – dafür gibt's mehr Normalität.

Eine Gasse in Aarhus: In Dänemark nimmt man steigende Fallzahlen in Kauf – dafür gibt's mehr Normalität.

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England

Der «Freedom Day», an dem alle Massnahmen in England fallen sollten, wurde im Juni um vier Wochen nach hinten verschoben – zu gefährlich schien die Situation mit den steigenden Fallzahlen. Am 19. Juli war es dann so weit: In Clubs und Restaurants feierte England das Ende der Pandemie.

Und gleichzeitig mit der neu zurückgewonnenen Freiheit begannen die Fallzahlen rapide zu sinken. Mithilfe leisteten das Ende der Europameisterschaft, das schöne Wetter und der Beginn der Ferienzeit. Auch zeigten die Bewegungsdaten, dass sich viele Engländer und Engländerinnen trotz Aufhebung der Massnahmen noch zurückhalten.

Drei Wochen nach dem «Freedom Day» scheint der Sinkflug vorerst beendet zu sein – und britische Gesundheitsexperten halten die Aufhebung aller Massnahmen noch immer für einen Fehler. Die Fallzahlen seien zu hoch, meinte beispielsweise Christina Pagel vom University College London gegenüber ZDF: «Ich möchte in keiner Welt leben, in der wir täglich Tausende Neuinfektionen haben. In Grossbritannien kommen jeden Tag 700 bis 800 Infizierte ins Spital. Das belastet das Gesundheitssystem und das Personal, das nach mehr als anderthalb Jahren Pandemie bereits erschöpft ist.»

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