Deutschland
Papst Benedikt XVI ist im deutschen Bundestag unerwünscht

Heute heisst es für nicht wenige Berliner Fenster zu. Aus Sicherheitsgründen müssen alle Fenster entlang der Papstroute zwischen 17 und 21 Uhr geschlossen bleiben. Doch darüber regen sich die Berliner nicht auf.

Helmut Uwer, Berlin
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«Bild» empfängt den Papst mit ihrer Frontseite von 2005. keystone

«Bild» empfängt den Papst mit ihrer Frontseite von 2005. keystone

Für heftige Diskussionen sorgte dagegen die Kritik von rund hundert Abgeordneten von SPD, Grünen und Links-Partei. Sie alle wollen dem Bundestag fernbleiben, wenn dort heute Nachmittag der Papst ans Rednerpult tritt. Dieser Auftritt sei nicht mit der religiösen Neutralität des Staates vereinbar.

Papst-Kritiker an Demonstration

Die leeren Plätze wurden ehemaligen Abgeordneten angeboten. Gebrauch machen wird davon Winfried Kretschmann, der erste grüne Ministerpräsident von Baden-Württemberg und bekennender Katholik. Die Kritiker wollen an einer Demonstration teilnehmen. 67 Organisationen haben sich zusammengeschlossen, um gegen die «menschenfeindliche Geschlechter- und Sexualpolitik des Papstes» zu protestieren.

In ihren eigenen Parteien sind die Papst-Kritiker nur bedingt auf Verständnis gestossen. Bundestags-Vizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) zeigte sich besorgt: «Mich bekümmert der aggressive Unterton und die öffentliche Aufregung, mit der das inszeniert wird.» SPD-Generalsekretärin Andrea Nahles forderte mehr Respekt gegenüber dem Papst: «Wir haben auch George W. Bush und Waldimir Putin im Bundestag angehört.»

Der SPD-Politiker Thomas Oppermann freut sich auf den Papst. Auch die katholische Kirche vertrete die Meinung, dass der Markt Regeln brauche und sich nicht das Recht des Stärkeren durchsetzen dürfe. Linken-Fraktionschef Gregor Gysi hofft, dass der «Papst die Gier von Reichen und Spekulanten geisselt».

«Hochmut und Kleingeist»

Innenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) warf den Kritikern vor, ihr Fernbleiben zeige eine «Mischung aus Hochmut und Kleingeist, aus Provinzialität und Überheblichkeit». Bildungsministerin Annette Schavan bezeichnete den Papst als «einen der grössten Denker unserer Zeit». CDU-Fraktionschef Volker Kauder erwartet durch den Deutschlandbesuch neue Impulse für das christliche Leben.

Allerdings ist das Verhältnis zwischen Papst und CDU nicht ungetrübt. So monierte unlängst der frühere baden-württembergische Ministerpräsident Erwin Teufel (CDU), er könne das C im Parteinamen nicht mehr erkennen. Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel, eine Protestantin, ging vor zwei Jahren auf Distanz zum Papst, als sie ihn öffentlich wegen seines Umgangs mit dem Holocaust-Leugner Richard Williamson kritisierte. Nun wird sie heute mit dem Heiligen Vater zusammentreffen. Auch der frühere Bundeskanzler Helmut Kohl wird dem Papst am Wochenende in Freiburg begegnen.

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