Privilegien-Strategie
Geimpfte dürfen feiern gehen: Israel setzt ab Sonntag um, worüber wir noch lange diskutieren werden

Kein Land macht puncto Covid-Impfungen rascher vorwärts als Israel. Der «Grüne Pass» ist ein weltweites Novum.

Win Schumacher
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Ein ultraorthodoxer Israeli hält sich nach der Covid-Impfung den Arm.

Ein ultraorthodoxer Israeli hält sich nach der Covid-Impfung den Arm.

EPA

Auf diesen Tag haben viele fast ein Jahr lang gewartet. Am Sonntag macht Israel einen grossen Schritt zurück Richtung Normalität. Dann sollen nicht nur viele Geschäfte, Märkte, Einkaufszentren, Museen und Bibliotheken wieder öffnen. Auch Fitnesstudios, Schwimmbäder, Hotels, Theater und andere Kultur- und Freizeiteinrichtungen dürfen wieder aufmachen –allerdings nur für Geimpfte.

«So wird euer erster Schritt auf dem Weg in ein normales Leben aussehen», verkündete Gesundheitsminister Juli Edelstein auf einer Pressekonferenz am Donnerstag. Er stellte den «Grünen Pass» vor, der allen, die zwei Impfdosen erhalten haben, in Zukunft weitreichende Privilegien einräumen soll.

Gratis-Pizza und «Free Drinks» für Impfwillige

Weltweit kann kein Land eine höhere Impfrate vorweisen als Israel. Mehr als die Hälfte der über 30-jährigen Israelis sind inzwischen erstgeimpft. Um bei den zuletzt rückläufigen Impfzahlen auch nachlässige und impfskeptischere jüngere Israelis zu gewinnen, ist man mittlerweile sehr kreativ. Vor Impfzentren wurden Impfwilligen zuletzt kostenlos Pizza und Hummus gereicht, in Städten mit ultraorthodoxer Mehrheit auch Tschulent, ein klassisches Schabbat-Gericht aschkenasischer Juden. Seit Donnerstag gibt es in Tel Aviv auch Impfungen für Spontanentschlossene ab 16 Jahren vor Bars und an belebten Plätzen – und einen kostenlosen Drink zum Dank.

Israels Gesundheitsminister Juli Edelstein.

Israels Gesundheitsminister Juli Edelstein.

Wikipedia

Fast ein Drittel der Israelis hat bereits beide Impfdosen erhalten. Jüngsten Studien der Krankenkassen zufolge hat der in Israel verwendete Biontech-Pfizer-Impfstoff eine Woche nach der zweiten Impfung eine Wirksamkeit von 95 Prozent. Nur einer von 1000 Geimpften übertrage das Virus weiter.

Gesundheitsminister Edelstein stellte den Grünen Pass als sicheres Impfzertifikat vor, das einen QR-Code verwende, um allen Einrichtungen eine Überprüfung der Authentizität zu ermöglichen. Ungeimpfte, die ungültige Zertifikate verwenden, drohte er harsche Konsequenzen an. „Wir werden Fälscher fassen. Solch ein Spiel könnte im Gefängnis enden“, sagte Edelstein am Donnerstag.

Israelis reisen bald wieder wie zu Vor-Coronazeiten

In den nächsten zwei Wochen soll zunächst eine Pilotphase beginnen. Falls alles klappt wie geplant, soll der Grüne Pass danach Zugang zu Restaurants, Bars und bald auch zu internationalen Reisen gewähren. Mit Zypern und Griechenland wurden bereits Vereinbarungen über gesonderte Einreisegenehmigungen für Geimpfte getroffen. Weitere Länder sollen folgen.

Israel führt die weltweite Impfstatistik noch immer an.

Israel führt die weltweite Impfstatistik noch immer an.

AP

Kritiker werfen der Regierung vor, die Öffnung sei vorschnell und fahrlässig. Regierungschef Benjamin Netanjahu wolle mit den neuen Privilegien für Geimpfte nur von seinem Korruptionsverfahren ablenken und seine Wiederwahl in den im März anstehenden Neuwahlen sichern. Anfang des Jahres waren etliche Krankenhäuser und Aufnahmestationen an ihre Grenzen geraten. Die Zahl der Neuinfektionen in Israel ist weiter vergleichsweise hoch. Während zuletzt weniger alte Menschen auf den Intensivstationen behandelt wurden, nahm die Zahl schwerer Verläufe bei jungen Patienten und auch bei Schwangeren und Kindern zu.

Nachdem Israel im Frühjahr recht glimpflich durch die Pandemie gekommen war, traf die zweite Coronawelle im September und vor allem die dritte im Dezember das Land mit voller Wucht. Israel verzeichnet bisher etwa 750'000 bestätigte Covid-19-Fälle, eine der höchsten Zahlen pro Einwohner im weltweiten Vergleich. Mehr als 5500 Menschen sind an den Folgen einer Viruserkrankung verstorben.

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