Putin-Kritiker
Nawalny tritt in den Hungerstreik - wie Häftlinge in Russlands Gefängnissen erniedrigt und gequält werden

Russlands Oppositionspolitiker Alexej Nawalny klagt in der Strafkolonie über starke Schmerzen. Russlands Strafvollzug aber ist geübt darin, den Gefangenen medizinische Hilfe zu verwehren.

Inna Hartwich, Moskau
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Hungerstreik für medizinische Versorgung: Das russische Gefängnissystem quält den Kremlkritiker Alexej Nawalny.

Hungerstreik für medizinische Versorgung: Das russische Gefängnissystem quält den Kremlkritiker Alexej Nawalny.

Alexander Zemlianichenko / AP

Das Wichtigste, sagen Menschen, die russische Strafkolonien hinter sich haben, ist vor allem eines: nicht krank zu werden hinter Gittern. Das hat vor seiner Haft wohl auch Russlands bekanntester Häftling Alexej Nawalny gesagt bekommen.

Und zwar von einem, der es wissen muss: Michail Chodorkowski, einst Oligarch, dann Polit-Gefangener, nun Kämpfer für die Demokratie, hat zehn Jahre in russischen Strafkolonien abgesessen. In Haft, so Chodorkowski, «wird dich niemand behandeln. Wirst du ernsthaft krank, stirbst du.» Diese Worte lässt der Oppositionspolitiker seine Anwälte in seinem Namen über Instagram verbreiten.

Nawalny, der seit bald einem Monat in der «Besserungskolonie Nummer 2» in Pokrow, etwa 100 Kilometer von Moskau entfernt, seine zweieinhalbjährige Haftstrafe absitzt, ist nun offenbar krank. Er habe Rückenschmerzen, sein rechtes Bein sei taub, lässt er die Welt über die sozialen Netzwerke wissen. Bis er ärztliche Hilfe bekomme, trete er nun in den Hungerstreik, liess er via Instagram verbreiten:

«Ich habe den Hungerstreik erklärt mit der Forderung, das Gesetz einzuhalten und den eingeladenen Arzt zu mir zu lassen.»

Seine Anwälte fürchten eine dauerhafte Behinderung, werde er nicht behandelt. Sie schreiben Beschwerden, sie organisieren einen Arzt in Zivil, der bereit ist, in die Kolonie zu fahren und Nawalny zu untersuchen. Es passiert das, was häufig passiert hinter den Mauern des geschlossenen, noch an die Traditionen des Zarenreiches und des stalinistischen Gulag anknüpfenden Mikrokosmos: nicht viel. «So langsam mache ich mir Sorgen», heisst es in den Aufzeichnungen in Nawalnys Namen. «Hallo, es tut sehr weh. Lasst einen Arzt hierher oder gebt mir Medikamente.»

Beide Ärzte Nawalnys sind tot

Nawalny zu behandeln, kann gefährlich werden, wie der Blick nach Omsk in Sibirien zeigt, wo der Oppositionspolitiker im August vergangenen Jahres mit Vergiftungserscheinungen eingeliefert worden war. Sergej Maximischin, der stellvertretende Chefarzt für Anästhesie und Reanimation, und Rustam Agischew, der Leiter für Traumatologie im Omsker Krankenhaus Nummer 1, gehörten zu den ersten, die Nawalny nach seinem Zusammenbruch im Flugzeug nach Moskau behandelten. Beide sind mittlerweile tot, mit 55 und 63 Jahren.

Todesursachen: Herzinfarkt bei Maximischin, Folgen eines Schlaganfalls bei Agischew. Nawalnys Anhänger vermuten einen direkten Zusammenhang zwischen der Behandlung des Putin-Kritikers und dem Ableben der Ärzte. Vieles aber bleibt Spekulation. In Omsk redet ohnehin niemand. Dass Ärzte im Alter von Maximischin und Agischew stürben, sei nicht ungewöhnlich in einem Land, in dem vor allem in der Provinz eine sehr schlechte medizinische Versorgung herrsche, sagen russische Menschenrechtler.

Folter durch Schlafentzug

Nawalny hat derweil auch eine Beschwerde wegen Folter durch Schlafentzug eingereicht. Da der 44-Jährige von den Behörden als «fluchtgefährdet» eingestuft wurde, wird er nachts jede Stunde geweckt, damit ein Strafvollzugsmitarbeiter seinen Verbleib vor Ort mit einer Videokamera dokumentiert. Kreml-Sprecher Dmitri Peskow nannte ein solches Vorgehen «normal». In ausländischen Haftanstalten gehe es weit strenger zu, behauptete er.

Laut Gesetz hat in Russland jeder Häftling das Recht auf Behandlung von einem Arzt, dem er vertraut. Nawalnys Angehörige sagen, sie hätten längst einen solchen Arzt organisiert. Die Strafvollzugsbürokratie legt einem solchen Vorhaben jedoch etliche Steine in den Weg: Beglaubigungen, Kontrollen, interne Vorgaben. «Das System hat mehrere Methoden, niemanden zum Häftling vorzulassen», sagt Xenia Runowa vom Institut für Rechtspflege-Probleme (IPP) an der Europäischen Universität in Sankt Petersburg. «Und Häftlinge, die ständig Beschwerden schreiben, mag man in der Strafkolonie so gar nicht.»

Nawalny hat innerhalb von zwei Wochen in Pokrow bereits sechs Verweise kassiert. Einmal war er zehn Minuten vor dem Aufstehbefehl aufgestanden, einmal habe er beim Treffen mit seinen Anwälten ein T-Shirt getragen, einmal habe er die Teilnahme an einem Videovortrag verweigert. Bereits ab zwei Verweisen könnte ein Häftling in einen Strafisolator kommen. Eine Schreckenskammer mit noch unmenschlicheren Bedingungen.

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