Regionalwahlen Frankreich
Wenigstens die Milchkuh 1392 schleckte ihre Hand: Für Marine Le Pen könnte das ein grosser Sonntag werden

Die Rechtspolitikerin Marine Le Pen will nächstes Jahr in den Präsidentenpalast in Paris einziehen. Die morgigen Regionalwahlen werden zeigen, wie realistisch der Traum ist.

Stefan Brändle, Nesle-Hodeng
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Käse und Kalkül: Marine Le Pen auf Bauernhofbesuch in der Normandie.

Käse und Kalkül: Marine Le Pen auf Bauernhofbesuch in der Normandie.

Bild: Stefan Brändle (Nesle-Hodeng)

Wähnt sich Marine Le Pen bereits im Präsidentenpalast? «Nicht berühren», herrscht sie im Kühlraum einen Begleiter an. Dann zu einem Journalisten: «Schliessen Sie die Tür hinter sich!» Allerdings sind wir nicht in Paris und schon gar nicht im gold- und plüschverzierten Elysée. Hier ist tiefste Normandie, und im Nest namens Nesle-Hodeng riecht es leicht säuerlich nach Rohmilch.

Marine Le Pen nimmt an einer Laborführung teil und hätte an sich nichts zu bestimmen. Der Käser Eric Alleaume führt durch seine Produktion von Neufchâtel, einem der vier Normandie-Käsesorten neben Camembert, Livarot und Pont-L’Évêque. Und doch sagt die blonde Politikerin mit der Männerstimme, wo’s lang geht. «Allez les filles» («los, ihr Mädchen»), sagt sie im Stall zur Milchkuh 1395. Die schreckt vor der Populistin zurück. Zum Glück schleckt 1392 dann doch noch ihre Hand. Aufatmen in Le Pens Staff – schliesslich filmen die Kameras der Lokalmedien die Szene.

Am Sonntag findet in Frankreich der erste Durchgang der Regionalwahlen statt. Die Anführerin des Rassemblement National ist gekommen, um den Listenführer ihrer Partei zu unterstützen: Nicolas Bay liegt in den Umfragen bei knapp 30 Prozent und will zum Vorsteher der Region Normandie gewählt werden. Andernorts ist es ähnlich. Vor allem in den Regionen Côte d’Azur und Provence, aber auch im industriellen Norden könnten die Vertreter der am äussersten rechten Rand politisierenden Partei erstmals überhaupt einen Regionalrat erobern. Das würde Le Pen für ihre Präsidentschaftspläne im kommenden Jahr Schwung verleihen. Ihr Gegenspieler, der aktuelle Präsident Emmanuel Macron, muss hingegen mangels lokaler Verwurzelung seiner Partei La République en marche mit einer Schlappe bei den Regionalwahlen rechnen.

Gegen die EU ist Le Pen längst nicht mehr

Die moderate, bukolische Normandie (3,3 Millionen Einwohner) im Griff der Rechten? Marine Le Pen findet das normal: «Wir sind die einzige wirkliche Opposition zum amtierenden Präsidenten. Die Konservativen und Sozialisten gehen ortsweise sogar Listenverbindungen mit seiner Partei ein», sagt die 52-Jährige nach dem Käsereibesuch zu dieser Zeitung.

«Und es gehört nun einmal zum Spiel der Demokratie, dass sich Regierung und Opposition an der Macht ablösen, nicht wahr?»

In den Umfragen zu den Präsidentschaftswahlen 2022 liegt Le Pen heute nahezu gleichauf mit Macron, nachdem sie ihm 2017 noch klar unterlegen war.

Nächstes Jahr soll klappen, was 2017 noch schiefging: Marine Le Pen will Macron schlagen.

Nächstes Jahr soll klappen, was 2017 noch schiefging: Marine Le Pen will Macron schlagen.

Foto: EPA

Seither hat sich ihr Auftritt geändert: Hier auf dem Bauernhof in Nesle-Hodeng verliert die hochgewachsene Frau kein Wort über ihre Hauptthemen Immigration und Kriminalität. Lieber kritisiert sie die Windparks entlang der schönen Normandieküste. Vom «Frexit», dem Austritt ihres Landes aus der EU, ist sie abgekommen. Dafür will sie die Agrarpolitik der EU nach Frankreich zurückholen, also «renationalisieren».

Doch würden Frankreichs Bauern dadurch nicht verlieren? Schliesslich ist Frankreich heute der mit Abstand grösste Nettoempfänger europäischer Agrar­subventionen. Darauf hat die Chefin des Rassemblement National keine klare Antwort. Dann müsse Frankreich halt in die Bresche springen, sagt sie.

Rassisten werden rausgeworfen

Bei der Pressekonferenz im Anschluss an den Bauernhofbesuch will eine Journalistin wissen, was die Rassemblement-National-Chefin zu den diversen Rassisten auf den lokalen Wahllisten ihrer Partei zu sagen habe. Eine der zur Wahl stehenden Politikerinnen bezeichnete Juden als Diebe, einer fabulierte über «Hitlers angebliche Gaskammern». Le Pen deklamiert kategorisch, Antisemitismus, Rassismus und Xenophobie hätten bei ihr nichts zu suchen. Beide Bewerber seien sofort nach Bekanntwerden der Vorwürfe aus der Partei ausgeschlossen worden.

Das trifft zu. Die Präsidentschaftsanwärterin duldet keine Verbalexzesse mehr. Sie gibt sich betont staatstragend, persönlich geläutert. In Interviews spricht sie am liebsten über ihre drei Kinder und zwei Katzen, die sie alleine aufziehe. Auf dem Bauernhof zitiert sie Schopenhauer und räumt ein, bei ihrem ersten Präsidentschaftswahlkampf 2017 natürlich Fehler gemacht zu haben. «Man lernt aus der Erfahrung», sinniert sie. «Ich bin stärker geworden, abgehärteter.»

2017 trat Marine Le Pen noch mit einem deutlich radikaleren Programm an.

2017 trat Marine Le Pen noch mit einem deutlich radikaleren Programm an.

Foto: EPA

Die Blössen ihrer Wirtschaftspolitik, die Macron im Wahlkampf vor vier Jahren offengelegt hatte, hat sie allerdings nicht ausgemerzt. Stattdessen versucht sie, den Spiess umzudrehen, und wirft dem Präsidenten in einem Zug vor, er sei «ultraliberal» und lasse zugleich die horrende Staatsschuld aus dem Ruder laufen.

Gelangweilte Bodyguards, bedeckte Bauern

Überzeugt Le Pen damit neue Wähler? Nicht einmal der Käser Eric Alleaume lässt sich in die Karten blicken: Er sei einfach angefragt worden, ob er Le Pen durch seinen Betrieb führen könne und habe Ja gesagt. Das sei alles, sagt er lapidar, um anzufügen: «Ich habe nichts gegen niemanden.» Diesen chiffrierten Satz hört man in Frankreich neuerdings öfters. Meist von Leuten, die bereit sind, erstmals Le Pen zu wählen. Bereit zur grossen Wachablösung im Elysée.

Noch etwas fällt in Nesle-Hodeng auf, als die Veranstaltung zu Ende geht. Vor wenigen Jahren hätte Le Pens Anwesenheit in der Normandie zu Protestaktionen und Gegendemonstrationen geführt. Jetzt lümmeln ihre Bodyguards gelangweilt vor der Zufahrt zum Bauernhof herum. Kein Feind in Sicht? Einer mit Sonnenbrille und Bizeps, aber ohne Schutzmaske, schüttelt den Kopf: «Sehen Sie nicht? Marine hat hier nur noch Freunde.»

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