Reportage
Ein Gallierdorf kämpft gegen Elon Musk: Die Internet-Satelliten sind im Nordwesten Frankreichs unerwünscht

Der Unternehmer Elon Musk will den ganzen Planeten mit seinen Internet-Satelliten überziehen. Den ganzen Planeten? Nein, im Nordwesten Frankreichs leistet ein kleines Dorf Widerstand gegen das Megaprojekt.

Stefan Brändle aus Saint-Senier-de-Beuvron
Drucken
Teilen
Ein Landwirt gegen einen der reichsten Männer der Welt: Jean-Marc Belloir in seinem Stall in Nordfrankreich. Sein jüngstes Kälbchen hat er «SpaceX» getauft.

Ein Landwirt gegen einen der reichsten Männer der Welt: Jean-Marc Belloir in seinem Stall in Nordfrankreich. Sein jüngstes Kälbchen hat er «SpaceX» getauft.

Bild: brä

Niemand soll sagen, Jean-Marc Belloir sei ein humorloser Hinterwäldler. Sein jüngstes, fünf Tage altes Kälbchen hat er «SpaceX» getauft, wie die Firma des US-Milliardärs Elon Musk, die Satelliten in die Erdumlaufbahn schiesst. Ehrerbietend ist der Taufname nicht gemeint. Eher als «clin d’oeil», als Augenzwinkern, präzisiert der 57-jährige Milchproduzent, ohne im Geringsten mit den Augen zu zwinkern. «Der Name soll ausdrücken, dass wir auch hier in der Normandie ins Zeitalter SpaceX eingetreten sind.»

Weltall X – der Begriff passt schlecht zur bukolischen, immergrünen Gegend zwanzig Kilometer östlich der berühmten Sehenswürdigkeit Mont Saint-Michel. Die Wiesen riechen feucht, und die Stille des «bocage», der normannischen Heckenlandschaft, wird nur gestört von Muhen und dem Geplätscher unkanalisierter Bäche. Man würde nicht staunen, wenn die alten Holzhäuser mit den eingesunkenen Dächern aus einem Märchen stammten, oder aus einem uralten gallischen Dorf.

In Saint-Senier-de-Beuvron haben die 356 Einwohner jedenfalls gerade das Gefühl, dass ihnen das Weltall auf den Kopf fällt. Ausgerechnet in ihrem Nest lässt Elon Musk über eine französische Firma Brachland aufkaufen, um eine Relaisstation für sein kosmisches Telekom-System zu bauen.

900 Satelliten befinden sich bereits im Orbit

Die Himmelskonstellation namens «Starlink» besteht aus insgesamt 12'000 Satelliten, die den Planeten umspannen und durch Laserstrahlen miteinander verlinkt sind. Was nach Science-Fiction klingt, hat einen irdischen Zweck: Starlink liefert Breitbandinternet bis in abgelegenste Gegenden und macht terrestrische Standleitungen überflüssig. Rund 900 Kleinsatelliten sind von Musks SpaceX-Raketen bereits im niedrigen Orbit von rund 400 Kilometer Höhe ausgesetzt worden; in den USA und Grossbritannien laufen erste Betatests.

Starlink in der Schweiz

So kommen Sie an Musks Internet

In der Schweiz kann man sich seit Februar über die Webseite von Starlink für einen Internetzugang voranmelden. Garantiert ist er nicht. Ein Monatsabonnement kosten etwas über 90 Franken; die Materialkosten dürften sich inklusive Lieferung auf 500 Franken belaufen. Die Internetverbindung soll laut der Webseite in der zweiten Jahreshälfte funktionieren. Die Datengeschwindigkeit soll gleich schnell sein wie bei herkömmlichen Kabelverbindungen. (brä)

Jean-Marc Belloir ist allerdings nur halb beeindruckt. Er denkt an seine 80 Kühe. Von verschiedener Seite hat er gehört, dass sie wegen der elektromagnetischen Strahlen weniger Milch produzieren könnten. Sicher ist nichts. «Ich habe nie etwas von Starlink gehört, nie eine Studien erhalten. Nichts. Ich weiss nur», sagt der Landwirt und zeigt nach Südwesten, «dass in 700 Meter Entfernung ein massives Magnetfeld entsteht».

Noch näher dran lebt Anne-Laure Falguières, 40, mit ihrem Mann, zwei Kindern, zwei Eseln und einem Dutzend Hühner. Die Distanz ihres Gutes zur geplanten Relaisstation betrage 60 Meter, schätzt die Reiseleiterin, die Fusstouren durch die Bucht des Mont Saint-Michel organisiert. Das Ganze komme ihr eher wie eine Mondstation vor, sagt sie: Neun weisse, drei Meter hohe Kugeln sollten sich je nach Satellitenstand über eine 400 Quadratmeter grosse Asphaltfläche bewegen.

Nur 60 Meter bis zur Relaisstation: Anne-Laure Falguières auf ihrem Land in der Nähe des Mont Saint-Michel.

Nur 60 Meter bis zur Relaisstation: Anne-Laure Falguières auf ihrem Land in der Nähe des Mont Saint-Michel.

brä

Das hat Falguières jedenfalls im Internet recherchiert. «Ende letzten Jahres kam an einem Sonntag unser Bürgermeister vorbei, um uns über ein etwas spezielles Baugesuch namens Starlink zu informieren», erzählt die resolute Frau. «Sehr viel wusste er allerdings auch nicht.»

Starlink ist hier unerwünscht

Der Gemeinderat, der keinen medialen Staub aufwirbeln will und keine Journalisten empfängt, verweigerte die Baubewilligung nach Absprache mit der Einwohnerschaft. Starlink ist hier unerwünscht. Elon Musks wird den Entscheid zweifellos auf höherer Instanz anfechten. Wegen ein paar widerspenstigen Galliern verzichtet der reichste Mann der Welt nicht auf sein erdumspannendes Internetnetz, das bereits Form annimmt.

Anne-Laure Falguières betont, sie habe nichts gegen Elon Musk. «Wir achten seine technologischen Erfolge, seine Elektroautos und wiederverwertbaren Trägerraketen.» Starlink sei aber eine Ausnahme: «Dieses Netz ist überrissen, und es macht ökologisch keinen Sinn.»

Bei Starlink ist niemand für Auskünfte erreichbar. In Frankreich hat die nationale Telekom-Agentur Arcep Musks Unternehmung bereits das Plazet erteilt.

«Je mehr Fragen man stellt, desto weniger Antworten kriegt man»

Im Beuvron-Tal schimpft der grüne Regionalpolitiker François Dufour, dass wieder einmal vollendete Tatsachen geschaffen würden, bevor die gesundheitlichen Folgen klar seien. „Wir wollen wissen, ob die neue Technologie Auswirkungen auf Mensch und Tier hat. Aber je mehr Fragen man stellt, desto weniger Antworten kriegt man.“

Dufour geht es mit seiner Kritik nicht nur um Starlink. In Frankreich steige die Zahl der Krebskranken seit fünf Jahren kontinuierlich an, sagt der pensionierte Landwirt, der in der Nähe von Saint-Senier tätig war. «Aber wir machen in der Pandemie weiter, als wäre nichts, während die Normandie mit mobilen Antennen roboterisiert wird.» Dass weitere Satellitennetze wie Amazon, OneWeb oder Telesat an den Start gehen, sagt Dufour gar nicht.

Doch kann das Örtchen Saint-Senier-de-Beuvron den Lauf der Dinge aufhalten? «Die Satellitenbetreiber werden Wege und Umwege suchen, um sich darüber hinwegzusetzen», sagt Dufour voraus. «Immerhin, ein Sandkorn im Getriebe dieses verrückten Megaprojektes ist dieses Dorf allemal.»

Aktuelle Nachrichten