Russland
Alexej Nawalny ist derzeit in aller Munde: Das ist der Mann, den Putin mehr fürchtet als alles andere

Wer ist Alexej Nawalny? Ein Held - oder gar ein Rassist? Vor allem ist der 44-jährige Moskauer eine riesige Projektionsfläche.

Inna Hartwich aus Moskau
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Held der Demonstranten: Alexej Nawalny brachte am letzten Samstag Hunderttausende dazu, auf die Strasse zu gehen.

Held der Demonstranten: Alexej Nawalny brachte am letzten Samstag Hunderttausende dazu, auf die Strasse zu gehen.

Peter Foley / EPA

Fragt man Menschen auf der Strasse, die für ihre Anliegen quer durch Russland protestieren, wer denn Alexej Nawalny für sie sei, sagen sie: «Ein normaler Kerl» oder «Ein guter Mann» oder auch «Ein klasse Typ». Sie haben ihn nicht getroffen, haben kein Wort mit ihm geredet, und doch wissen sie: «Nur mit ihm geht es voran in Russland.»

Im Staatsfernsehen poltert der Scharfmacher Dmitri Kisseljow, der Generaldirektor des Medienstaatsunternehmens «Rossija segodnja», über Nawalny als «Politiker vom Niveau einer Klobürste» und beschuldigt ihn, ein «politischer Pädophiler» zu sein, weil dieser ja so viele Jugendliche in die Politik ziehe. Der Kreml gibt ohnehin stets vor, der 44-Jährige sei ein «Niemand» und widmet diesem Niemand doch immer wieder etliche Zeit, um umständlich darauf zu verweisen, alles, was Nawalny über die russische Elite enthülle, sei falsch.

Super-Demokrat oder Rassist?

Im Westen sehen viele in Nawalny den Super-Demokraten oder einen Rassisten. Wer ist der Mann, in dem nicht nur ein Entweder-Oder steckt, sondern ein Sowohl-Als-Auch?

Der Sohn eines Militärs – er war 15, als die Sowjetunion zu Grunde ging – ist vor allem ein Suchender. Seine politische Karriere begann Nawalny in liberalen Kreisen, bei der linksliberalen Partei «Jabloko». Nachdem er sich nationalistischen Ideen zugewandt hatte – sie sind in Russland allgegenwärtig –, schmiss ihn die Jabloko-Führung wieder raus.

Bleibt vorerst in Haft: Alexej Nawalny bei seiner Gerichtsanhörung in Moskau an diesem Donnerstag.

Bleibt vorerst in Haft: Alexej Nawalny bei seiner Gerichtsanhörung in Moskau an diesem Donnerstag.

Pavel Golovkin / AP

Vor einem Jahrzehnt marschierte er bei den sogenannten Russischen Märschen mit, bezeichnete Kaukasier als «Kakerlaken», nannte Zentralasiaten «Kriminelle». Bis heute hat er sich für solche Auftritte nicht entschuldigt. Von den Positionen ist er allerdings längst abgerückt, sein Programm ist eher konservativ geprägt. Die früheren rassistischen Äusserungen halten ihm vor allem die moskautreuen linken Kreise immer wieder vor und scheinen dabei auszublenden, wie sehr auch der Kreml mit rechtsradikalen Politikern kooperiert.

Schon früh setzt Nawalny aufs Internet, macht die grassierende Korruption im Land zu seinem Thema. Bis heute drehen sich seine Enthüllungen, ein gut gemachtes Stück Infotainment, um die sich bereichernde Elite des Landes.

Knapp 100 Millionen Aufrufe hat Nawalnys Enthüllungsvideo über Putins angeblichen Luxuspalast bereits.

Nawalny ist längst sein eigenes Leitmedium, Journalisten hält er oft für überflüssig und zeigt ihnen gern seine Verachtung. Lieber sucht er die direkte Ansprache. Auch als Politiker. In einem Land, in dem Minister, Senatoren oder Stadtpräsidenten darauf beharren, keine politische Tätigkeit auszuüben, macht Nawalny genau das: Politik, auch wenn er nach zwei Vorstrafen in politisch motivierten Verfahren von allen politischen Ämtern ausgeschlossen ist.

Menschen bewundern ihn für seinen Mut

Die Bewunderung der Menschen für Nawalnys Mut, nach dem überlebten Giftanschlag zurückgekehrt zu sein in das Land des Mordversuchs, wie er sagt, bringt ihm auch Sympathien von denen ein, die mit dem sperrigen Menschen Nawalny bislang wenig anfangen konnten. Der Oppositionspolitiker hat sich für seine Überzeugung entschieden, allen Gefahren zum Trotz Politik in Russland zu machen. Das imponiert vielen im Land und auch ausserhalb des Landes, mögen sie ihn auch für rechthaberisch, arrogant oder polemisch halten.

Selbst aus seiner Einzelzelle in der Moskauer «Matrosenstille» heraus, in der er trotz Berufung am Donnerstag weiter einsitzen muss, arbeitet er weiter am Kontrollverlust der Macht. Ein Albtraum für die Präsidialverwaltung, die aus der Vergangenheit eigentlich wissen müsste: Je öfter Nawalny Zeit in Arrestzellen verbrachte, desto grösser wurde seine Popularität. Eine Popularität, die freilich auf Populismus basiert. Nawalny nimmt oft Ansichten an, die ihm die meiste Unterstützung garantieren. Deshalb finden viele in ihm das, was sie für sich selbst suchen.

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