Russland
Nawalnys Arzt sagt: «Er kann jede Minute sterben»

Nicht einmal die Poulet-Folter der Wärter konnte Alexej Nawalnys Hungerstreik brechen. Sogar Hollywood-Grössen setzen sich jetzt für ihn ein – bislang ohne Erfolg.

Inna Hartwich, Moskau
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Ein Bild der Überwachungskamera im Straflager IK-2 zeigt den kahlen Nawalny Anfang April.

Ein Bild der Überwachungskamera im Straflager IK-2 zeigt den kahlen Nawalny Anfang April.

Reuters

«Alexej Anatoljewitsch Nawalny, Kreatinin 152 (80-114), Kalium 7,1 (3,6-5,5)» steht auf dem Laborbericht, den die oppositionsnahe russische Gewerkschaft Allianz der Ärzte veröffentlicht hat. Die Werte des Oppositionspolitikers, der seit zwei Wochen mit einem Hungerstreik gegen seine Haftbedingungen in der Strafkolonie IK-2 in Pokrow östlich von Moskau protestiert, sind besorgniserregend hoch.

«Unser Patient kann jede Minute sterben», sagt Nawalnys Hausarzt Jaroslaw Aschichmin. Nawalny droht der plötzliche Herzstillstand.

«Ein Patient mit einem solchen Kaliumwert muss auf der Intensivstation überwacht werden.»

Das sagte Aschichmin in einem Interview mit dem Internetportal «Meduza». Nawalny klagt seit Wochen über Schmerzen im Rücken, die in seine Beine ausstrahlten. Behandelt wird er mit Schmerztabletten und Salben.

Nawalny hat 17 Kilogramm abgenommen

Die Behandlung durch einen Arzt, die nach russischem Recht jedem Strafgefangenen zusteht, wird dem 44-Jährigen nach wie vor verwehrt. Der Hungerstreik hat den Oppositionspolitiker, der einen Giftanschlag mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok im vergangenen August nur knapp überlebt hat, weiter geschwächt. Mittlerweile wiege ihr 1,89 Meter grosser Mann nur noch 76 Kilogramm, teilte Nawalnys Frau Julia Nawalnaja auf Instagram mit. Das seien 17 Kilogramm weniger als vor seiner Verlegung ins Straflager.

Er gebe sich betont witzig, klage aber über Schwindel und Müdigkeit, sagte Nawalnaja nach dem kürzlichen Treffen mit ihrem Mann in der Strafkolonie. Seinen Hungerstreik beenden werde er aber nicht. Selbst, als die Gefängniswärter vor Nawalnys Augen Poulet braten liessen, blieb der prominente Gefangene standhaft.

Anzeichen, dass Nawalny die dringend benötigte medizinische Behandlung bald erhalten könnte, gibt es keine. Eine staatliche Kommission für die Rechte von Inhaftierten behauptete, er simuliere. Auf Briefe von Nawalnys Ärzten und deren Bitte, ihren Patienten behandeln zu dürfen, reagierte die Behörde bislang nicht.

Derweil haben mehr als 70 bekannte Kulturschaffende, darunter die Literatur-Nobelpreisträgerinnen Herta Müller, Swetlana Alexijewitsch und Louise Glück, die Historiker Niall Ferguson und Anne Applebaum oder Schauspieler wie Kristin Scott Thomas und Benedict Cumberbatch in einem Brief an Russlands Präsidenten Wladimir Putin die Verlegung von Nawalny gefordert. Auch einige Abgeordnete russischer Regionalparlamente schrieben an Putin – mit der gleichen Forderung wie die Prominenten.

Oppositionstätigkeit soll verboten werden

An den Behörden prallen die Appelle ab. Sie ermitteln indessen gegen Nawalnys Organisationen wegen Extremismus. Die Staatsanwaltschaft der Stadt Moskau hat Klage eingereicht. Russlands willfährige Gerichte dürften sich kaum dagegen auflehnen.

Die Einstufung als extremistische Organisation wäre das Ende für die Antikorruptionsrecherchen von Nawalnys Team wie auch für dessen politische Aktivitäten in den Regionen. Oppositionelle Tätigkeiten wären damit in Zukunft in Russland automatisch kriminell und würden strafrechtlich geahndet.

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