Ehemaliger DDR-Bürgerrechtler: «Sachsen ticken eher wie Polen»

Ostdeutsche sind Osteuropäern politisch und kulturell näher als Westdeutschen, sagt der ehemalige DDR-Bürgerrechtler Frank Richter. Im Gespräch erklärt er, woher der Hass vieler Menschen auf die politischen Eliten kommt – und was dagegen zu tun ist.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Das Konzert «Wir sind mehr» sollte in Chemnitz ein Zeichen gegen rechte Gewalt setzen. Bild: Filip Singer/EPA (3. September 2018)

Das Konzert «Wir sind mehr» sollte in Chemnitz ein Zeichen gegen rechte Gewalt setzen. Bild: Filip Singer/EPA (3. September 2018)

Frank Richter (Bild: Getty)

Frank Richter (Bild: Getty)

Hitler-Grüsse und ausländerfeindliche Parolen – Frank Richter, zeigt der Deutsche in Chemnitz wieder sein hässliches Gesicht?

Wir haben hässliche Gesichter gesehen und keineswegs nur Gesichter, sondern Hass und Gewalt. Ob wir das unbedingt auf das Deutsch-Sein beschränken müssen, das will ich nicht behaupten. Hier haben sich Menschen in einer unglaublichen Weise unmenschlich gezeigt – und das ist, was uns Sorgen machen muss.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer sagt nun, es habe weder eine Hetzjagd auf Ausländer noch einen rechtsextremen Mob noch Pogrome gegeben. Und CSU-Innenminister Horst Seehofer meinte: «Die Mutter aller Probleme ist die Migration.» Werden sich Rechtsextreme durch solche Äusserungen in ihrer Haltung bestätigt fühlen?

Solche Aussagen sind nicht geeignet, die Gesellschaft endlich wachzurütteln. Solche Aussagen haben einen beschwichtigenden Charakter. Das hilft uns nicht weiter. Was wir brauchen, ist Klarheit, Wahrheit und eine tiefgreifende Ausein­andersetzung mit den Ursachen dieser Gewaltausbrüche und dieses Hasses.

Welche Ursachen haben Sie selbst ausgemacht?

Es gibt vordergründige und tiefgreifende Ursachen, die einer intensiveren Betrachtung unterzogen werden müssen. Vordergründig ist, dass wir es mit einer sehr breiten, mobilisierungsfähigen und gewaltbereiten Szene am rechten Rand des politischen Spektrums zu tun haben. Diese Gruppe wiederum zieht einen Teil an sogenannten Wutbürgern zu sich. Und das hat sich in Chemnitz gezeigt.

Wutbürger marschierten ungeniert mit Neonazis – zugleich scheinen die Rechtsextremen jegliche Hemmung verloren zu haben, ihre menschenverachtende Ideologie nach aussen zu tragen. Was ist passiert?

Wir müssen alles tun, um die Gruppe der Wutbürger für einen vernünftigen demokratischen Diskurs zu gewinnen. Ich spreche niemandem ab, Wut und Empörung zu empfinden. Es gibt Gründe für diese Gefühle. Gleichwohl: Jeder Mensch ist für seine Gefühle selbst verantwortlich und muss aufpassen, was die Wut mit ihm macht. Und wenn die Wut sich zu Hass und der Hass sich zu verbaler und tatsächlicher Gewalt entwickelt, dann spätestens sind Grenzen erreicht.

Diese Grenzen wurden in Chemnitz und anderswo schon vor längerer Zeit erreicht. Geändert hat sich kaum etwas.

Wir müssen klarer Grenzen ziehen und wir brauchen einen umfassenden Diskurs in der Gesellschaft darüber, woher diese Wut kommt, damit weitere Eskalationen vermieden werden können. Hier liegt auch die Ursache dafür, warum Menschen mit Wut und Empörung sich ohne Hemmungen erkennbaren Neonazis anschliessen können – weil sie keine andere Alternative für sich sehen, ihrer Wut Ausdruck zu verleihen. Das ist der Fehler dieser Wutbürger, die zu wenig genau hinsehen. Es liegt aber auch an der etablierten Politik und der Zivilgesellschaft, die nicht intensiv genug auf diese angestaute Empörung eingegangen sind.

Beschreiben Sie ein typisch ostdeutsches, gar ein sächsisches Problem?

Wir haben in ganz Europa bestimmte politische Verwerfungen, die mir grösste Sorgen machen. Im Osten Deutschlands kulminieren diese Dinge.

Inwiefern?

Nach wie vor muss man darauf hinweisen, dass die tiefgreifenden Veränderungen in der ostdeutschen Gesellschaft nach 1990 Erschöpfung und Frustration bewirkt haben. Die Wiedervereinigung war von einer Mehrheit der Ostdeutschen gewollt. Wie intensiv sich dies auf die Lebenswirklichkeit der Menschen auswirken würde, das haben die Ostdeutschen 1990 nicht wissen können.

Das ist bald 30 Jahre her. Zeit genug, um sich neuen Wirklichkeiten anzupassen.

Der Osten Deutschlands hat einen Verlust durch Wegzug in gigantischen Grössenordnungen erlitten – meistens haben sich die Jungen, Engagierten und Intellektuellen arbeits­marktkonform verhalten und sind in den Westen gegangen. Das heisst, uns fehlen viele engagierte junge Leute, viele politisch interessierte Leute. Zurückgebliebene fühlen sich oft wie die Zurückgelassenen. Hinzu kommt, dass die Ostdeutschen viele Jahre lang die Aussicht hatten, punkto Vermögenssituation auf den Stand der Westdeutschen zu kommen. Das war das Versprechen der Wiedervereinigung. Diese Aussicht ist weg, schon seit zehn Jahren. Viele Ostdeutsche haben sich auf den Gedanken eingerichtet, auf Dauer Deutsche zweiter Klasse zu bleiben. Ein weiterer Punkt ist, dass die ostdeutsche Gesellschaft eine überlagerte Gesellschaft ist.

Was bedeutet das?

In der ersten, der zweiten und der dritten Chefetage vieler wichtiger Bereiche in Wirtschaft, Politik, Kultur, Medien und Wissenschaften sind zwischen 70 und 80 Prozent Westdeutsche. Das darf man weder moralisieren noch personalisieren, das wäre unfair. Aber es hat die Konsequenz, dass viele Ostdeutsche den Eindruck haben, dass der Westen über ihr Schicksal entscheidet. Das Problem besteht darin, dass sich dieser Elitentransfer von West nach Ost perpetuiert hat.

Und das alles generiert die sogenannten Wutbürger?

Nein, Wut und Enttäuschung generiert die Summe der Probleme. Hinzu kommt der Aufstand der Sesshaften, den wir überall auf der Welt haben. Diese Mobilität und Internationalität vieler Prozesse wird von bestimmten Teilen in der Bevölkerung als bedrohlich empfunden.

Die Globalisierung schreitet unaufhaltsam voran – treffen Ihre Analysen zu, sieht es nicht danach aus, als könne sich die Spaltung der Gesellschaft aufhalten lassen. Wagen Sie eine Prognose?

Prognosen sind schwierig. Eines ist aber klar: Ein Problem, das so lange gewachsen ist, wird sich auch nicht auf die Schnelle lösen lassen. Aber lassen Sie mich noch etwas zum Identitäts- und Orientierungsverlust im Osten anfügen.

Bitte sehr.

Dieser hat einen weltanschaulichen Charakter. Der Osten Deutschlands ist die säkularste Region Europas. Bis zu 80 Prozent der Bevölkerung hat hier keinerlei Beziehung zur Religion. Der Marxismus-Leninismus hatte Religionsersatzcharakter, er begründete eine gedankliche Ordnung in den Köpfen dieser Menschen. Die DDR brauchte ein Jahr, bis sie verschwunden war, der Marxismus-Leninismus nur wenige Tage. Ich habe mich schon Anfang der 1990er-Jahre gefragt, was wohl übrig bleibt als Orientierungswissen in den Köpfen der Menschen, für die Religion als Ressource nicht zur Verfügung stand. Diese Lücke ist nach der Wende mit zwei gedanklichen Systemen gefüllt worden: Dem Neoliberalismus, der den Einzelnen auf sich selbst zurückgeworfen hat. Und dem Nationalismus, der Anerkennung und Zugehörigkeit versprach.

Die Alternative für Deutschland (AfD) ist gerade im Osten beliebt. Ist sie die Partei der Wutbürger?

Mit dieser Partei ist eine politische Kraft ins Parteienspektrum eingedrungen, die alle wichtigen Fragen sammelt und in einem Empörungsmodus an die Öffentlichkeit trägt. Das zwingt die anderen Parteien, vernünftige demokratische Antworten zu geben auf die drängenden Fragen der Menschen.

Die Medien haben Ihnen schon das Etikett des «Wutbrügerverstehers» verpasst. Ärgert Sie das?

Das stört mich mittlerweile nicht mehr. Ich habe mich entschieden, diese Etikettierungen als Komplimente aufzufassen. Gestatten Sie mir bitte noch eine Metapher: Die aktuellen politischen Verwerfungen im Osten Deutschlands ähneln dem Verhalten eines pubertierenden Jugendlichen, der sich gegen die übermächtig erscheinenden Eltern – die aus dem Westen Kommenden – auflehnt. Er muss seinen eigenen Weg finden, an dessen Ende er hoffentlich und wahrscheinlich dieselben Wertvorstellungen erworben hat, die ihm seine Eltern vermitteln wollten – aber eben auf seine Weise.

Das klingt nun sehr verharmlosend.

Es ist nur eine Metapher. Wir müssen den Rechtextremismus politisch bekämpfen und uns zugleich für die Ursachen interessieren. Dafür muss der Westen endlich auch realisieren, dass der Osten Europas in vielerlei Hinsicht anders tickt. Die Grenze zwischen Ost- und Westeuropa verläuft irgendwo mitten durch Deutschland. Im östlichen Teil Deutschlands sind die Menschen in vielerlei Hinsicht kulturell, politisch und soziologisch im Osten Europas. Dieser hat manche Liberalisierungs-, Pluralisierungs- und Amerikanisierungswellen nicht erlebt. Die Regierung in Berlin hat nicht verstanden, dass die Sachsen in vielerlei Hinsicht eher wie Polen oder Ungarn ticken denn als Westdeutsche.

Hinweis: Frank Richter (58) ist Theologe, ehemaliger DDR-Bürgerrechtler und Direktor der Sächsischen Landeszentrale für politische Bildung. Er stellt sich bei der morgigen Wahl zum Oberbürgermeister in der sächsischen Stadt Meissen als parteiloser Kandidat zur Wahl. In seinem 2018 erschienen Buch «Hört endlich zu: Weil Demokratie Auseinandersetzung bedeutet» widmet er sich der Problematik zwischen West- und Ostdeutschland.

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