Seit 1972 im Bundestag
Wolfgang Schäuble – der Doyen der deutschen Politik verlässt die grosse Bühne

Fast 50 Jahre gehört er dem Parlament an. Zum Ende seiner Karriere wird Wolfgang Schäuble unfreiwillig zum Hinterbänkler. Für seinen letzten grossen Auftritt gab es stehende Ovation.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Geniesst den Beifall: Der abtretende Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble am Dienstag im Bundestag.

Geniesst den Beifall: Der abtretende Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble am Dienstag im Bundestag.

Keystone/Kay Nietfeld

Am Ende gab es stehende Ovation von den über 700 Mitglieder des grössten deutschen Bundestages der Geschichte. Sogar die Abgeordneten der AfD erhoben sich, nach anfänglichem Zögern, von ihren Sitzen.

Die Ehrerweisung galt dem dienstältesten Abgeordneten der deutschen Geschichte, Wolfgang Schäuble. Der 79-Jährige eröffnete als Alterspräsident die Sitzung des neu zusammengewürfelten Parlaments mit einer Rede, in der er an die Verantwortung der gewählten Volksvertreter appellierte. «Hier ist der Ort, an dem wir streiten dürfen und auch streiten sollen», sagte der seit einem Attentat 1990 an den Rollstuhl gebundene Schäuble. Der Politik sei in ihrem Handeln aber stets Grenzen gesetzt, mahnte der gebürtige Freiburger:

«Das Prinzip unserer freiheitlichen Ordnung ist eben, dass sie begrenzt ist.»

Es war einer der letzten grossen, vielleicht der letzte grosse Auftritt des Doyen der deutschen Politik. Seit 1972 ist der promovierte Jurist Mitglied des deutschen Parlaments, er war seit fast fünf Jahrzehnten eine der prägendsten Figuren der CDU, war Innenminister, Finanzminister und in sämtlichen Führungsgremien seiner Partei. 1990 handelte Schäuble an vorderster Front den Einigungsvertrag zwischen der BRD und der DDR aus.

Die letzten vier Jahre seit 2017 war Schäuble der protokollarisch zweithöchste Mann im Land, als Bundestagspräsident war er so etwas wie das moralische Gewissen des Parlaments. Nur zum Bundespräsidenten oder zum Bundeskanzler hat es Schäuble nicht gebracht, wenn Letzteres auch fast geschehen wäre, hätte der damalige Kanzler Helmut Kohl Ende der 1990er Jahre bloss nicht so stur an seinem Amt festgehalten.

September 2011: Die damalige Schweizer Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf im Gespräch mit Amtskollege Wolfgang Schäuble in Berlin. Dei beiden unterzeichneten damals das Doppelbesteuerungsabkommen zwischen den beiden Staaten.

September 2011: Die damalige Schweizer Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf im Gespräch mit Amtskollege Wolfgang Schäuble in Berlin. Dei beiden unterzeichneten damals das Doppelbesteuerungsabkommen zwischen den beiden Staaten.

Keystone/21. September 2011

Eigentlich hätte Schäuble auch die kommenden vier Jahre als Bundestagspräsident über das Parlament wachen wollen, doch das miese Abschneiden von CDU und CSU bei der Bundestagswahl Ende September führten dazu, dass die Union künftig - ziemlich sicher - ihren Platz auf der Oppositionsbank wiederfindet.

Der oberste Parlamentarier wird zwangsläufig zum normalen Abgeordneten, er rückt von der grossen Bühne für vier Jahre auf die Hinterbank. An seine Stelle wählte der Bundestag die 53-jährige SPD-Abgeordnete Bärbel Bas in das zweithöchste Staatsamt.

«Mir gibt Politik viel Befriedigung»

Schäuble scheint den perfekten Zeitpunkt für seinen Abgang verpasst zu haben - so, wie es etwa Kanzlerin Angela Merkel geglückt ist, die stets selbstbestimmt ihr Karriereende an der Regierungsspitze moderieren wollte. In einem Interview mit CH Media im vergangenen Mai meinte Schäuble auf die Frage, ob er einfach nicht loslassen könne, er sei von jüngeren Parteifreunden dazu animiert worden, abermals für das Parlament zu kandidieren. «Ich gebe allerdings zu», erklärte er, «ich tue das auch, weil ich es gerne mache.» Politik könne viel Freude machen und bereichernd sein: «Mir gibt Politik viel Befriedigung.»

Ein Bild aus vergangenen Tagen: Der ehemalige Kanzler Helmut Kohl diskutiert am 28. November 1997 mit dem damaligen Unions-Fraktionschef Wolfgang Schäuble im Bundestag von Bonn.

Ein Bild aus vergangenen Tagen: Der ehemalige Kanzler Helmut Kohl diskutiert am 28. November 1997 mit dem damaligen Unions-Fraktionschef Wolfgang Schäuble im Bundestag von Bonn.

Keystone/28. November 1997

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