Spanien brennt
Die Wut der spanischen Jugend: «Wir haben keine Zukunft»

Die anhaltenden Krawalle in Barcelona und weiteren Städten werden zum Ventil für den Frust einer ganzen Generation. Die Verhaftung eines Rappers brachte das Fass zum Überlaufen.

Ralph Schulze aus Madrid
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Spanien brennt. Und das lichterloh.

Spanien brennt. Und das lichterloh.

Enric Fontcuberta / EPA

Erst kippt Laia mit anderen Demonstranten in der City Barcelonas einen Glascontainer um. Dann beginnt die junge Frau, Flaschen auf die Bereitschaftspolizisten zu schleudern. Diese antworten mit Gummigeschossen. Eine dieser Gummikugeln trifft Laias Freundin im Gesicht und zerschmettert deren rechtes Auge – eine Tragödie. Es ist der bisher schwerste Zwischenfall in den nächtlichen Krawallen, die Barcelona seit Tagen erschüttern und bei denen bislang Dutzende Menschen verletzt wurden.

«Ich fühle mich deswegen schuldig», sagt Laia wenig später dem Radiosender «Ser». Denn sie und nicht ihre 19-jährige Freundin habe die Beamten mit Flaschen beworfen. Aber Laia berichtet auch, warum sie und Tausende weitere junge Leute auf die Strasse gehen und nicht nur friedlich, sondern auch gewaltsam protestieren. «Wir wissen nicht mehr, was wir machen sollen, damit sie uns noch zuhören. Offenbar ist der einzige Weg, um wahrgenommen zu werden, alles zu zerstören.»

Umstrittene Verhaftung war der Auslöser

Die Randale begann am vergangenen Dienstag, als die Polizei in der nordspanischen Stadt Lleida den Rapper Pablo Hasél verhaftete. Die Festnahme war angeordnet worden, nachdem der 32-Jährige sich geweigert hatte, eine Geldstrafe zu zahlen und eine Haftstrafe wegen Beleidigung des Königshauses, aber ebenfalls wegen Gewalt- und Terrorverherrlichung anzutreten. Seitdem brennen jede Nacht Barrikaden in der katalanischen Regionalhauptstadt Barcelona, aber auch in Lleida, Valencia und anderen Städten.

Rapper Pablo Hasél wurd verhaftet.

Rapper Pablo Hasél wurd verhaftet.

Ramon Gabriel / EPA

Was als Protest für die Meinungsfreiheit begann, weitete sich zu einem Flächenbrand aus, der zunehmend chaotische Szenen produziert und ausser Kontrolle zu geraten droht: In Barcelona, dem Epizentrum der Krawalle, wurden am Wochenende Dutzende von Geschäften geplündert. Das spanische TV war noch vor der Polizei am Tatort und sendete live: Die ganze Nation konnte zusehen, wie vermummte Plünderer Waren aus den Geschäften schleppten.

Barcelonas alternative Bürgermeisterin Ada Colau, die ihr politisches Engagement in jungen Jahren als Hausbesetzerin begann und üblicherweise grosses Verständnis für Proteste der linken Szene hat, zeigte sich entsetzt. Gewalt sei kein Ausweg, erklärte sie. Und sie sei auch nicht hilfreich, um dem Rapper wieder zur Freiheit zu verhelfen.

Aber vielen Demonstranten, die sich Nacht für Nacht Strassenschlachten mit der Polizei liefern, geht es wohl gar nicht mehr um den Rapper Hasél und um die Meinungsfreiheit. «Die jungen Leute haben Angst», bekennt Laia. Die Gewalt sei für sie eine Art Selbstverteidigung gegenüber einem als ungerecht empfundenen Staat. «Wir haben keine Zukunft», sagt eine andere junge Demonstrantin. Die Verhaftung von Pablo Hasél sei nur der Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe.

Menschen plündern Geschäfte und liefern sich Strassenschlachten mit der Polizei.

Menschen plündern Geschäfte und liefern sich Strassenschlachten mit der Polizei.

Alejandro Garcia / EPA

Die Krise als Dauerzustand

Der Konfliktforscher Jordi Mir Garcia der Uni Barcelona spricht von «Frustration, Zorn und fehlenden Perspektiven» in der jungen Generation. «Die 20-Jährigen sind damit aufgewachsen, immer das Wort Krise zu hören», sagte er der Zeitung «Ara». Eine Armuts-, Einkommens- und Jobkrise, die bereits Hunderttausende junge Spanier in die Emigration trieb, weil sie im eigenen Land kein Auskommen mehr finden.

Spanien hat sich bis heute nicht vom grossen Finanzkollaps erholt, der 2008 mit einem Immobiliencrash begann, den Staat an den Rand der Pleite brachte und Hunderttausende von Familien in den Ruin trieb. Die wirtschaftlichen Auswirkungen der Coronapandemie haben das Elend noch verschärft. Die Arbeitslosenrate der unter 25-Jährigen liegt mittlerweile bei fast 40 Prozent.

Spaniens Regierungschef Pedro Sánchez kündigte an, hart gegen die Randalierer vorzugehen. Er räumte aber zugleich ein, dass in Spanien in Sachen Demokratie Reformbedarf bestehe, um künftig weitere Konflikte zwischen provokanten Künstlern wie Pablo Hasél und Staatsanwälten zu vermeiden.

Die Polizei geht hart gegen die Demonstrierenden vor.

Die Polizei geht hart gegen die Demonstrierenden vor.

Toni Albir / EPA

Ob dies allein aber schon ausreichen wird, um die Wut der jungen Generation in Spanien zu besänftigen, scheint derzeit eher fraglich.

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