Taliban
Islamisten vor dem Durchmarsch – waren 20 Jahre Militäreinsatz in Afghanistan umsonst?

Mit dem Vorrücken der Taliban steht die erkämpfte Freiheit auf dem Spiel. Besuch in Kabul – einer Stadt, die noch nicht aufgeben will.

Thore Schröder, Kabul
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Blick auf Kabul: Wann fällt die Hauptstadt Afghanistan in die Hände der Taliban?

Blick auf Kabul: Wann fällt die Hauptstadt Afghanistan in die Hände der Taliban?

Thore Schröder

Sie werden kommen, das ist in Kabul bereits Gewissheit. Die Taliban, die vor 20 Jahren von den Truppen der Nordallianz und amerikanischen Bombern gestürzt wurden, sind wieder auf dem Vormarsch. Erst nahmen sie die dünn besiedelten Distrikte ein.

Dann näherten sie sich den Provinzzentren. Nun führt die fundamentalistische Miliz Attacken auf die Städte Herat, Laschkar Gah, Kandahar, Mazar-i-Sharif. Zuletzt eroberte sie Kundus. Der Fall der 350'000-Einwohner-Stadt im Norden ist ein Schock, aber längst keine Überraschung mehr in diesem Krieg.

Irgendwann in den nächsten Monaten werden die Taliban auch auf Kabul vorrücken. Sie müssten die Stadt gar nicht sofort einnehmen, sie könnten sie erst einmal durch Anschläge und gezielte Tötungen weiter ins Chaos stürzen, sagt ein Experte bei einem Briefing tief in der sogenannten «Grünen Zone». Dann plötzlich ein Feuerschein am Himmel, ein gewaltiger Knall und Sirenen. Eine Attacke, ein paar hundert Meter entfernt nur. Als hätte es der Mann bestellt zur Untermalung seines Szenarios.

Vieles in Kabul vermittelt in diesen Tagen Dringlichkeit und Verzweiflung. Das muss nicht mal eine Explosion sein oder das ploppende Geräusch automatischer Waffen. Man spürt es auch im Stadtteil Wazir Akbar Khan auf einer Party der intellektuellen Elite. Hier feiern Kabulis, die noch die Jahre der Taliban-Herrschaft erlebt haben, als wäre der Weg zurück in die dunkle Vergangenheit bereits vorbestimmt.

Beschwingt von den Trommelschlägen einer im Schneidersitz aufspielenden Band, berauscht von Whisky und Schwarzem Afghanen drehen sich Männer und Frauen tanzend im Kreis, die Augen geschlossen, die Köpfe in den Nacken geworfen. Eine Auflehnung gegen das Schicksal: Noch sind wir hier.

Unter Präsident Joe Biden wurde es noch schlimmer

Im Februar 2020 hatten die USA noch unter Donald Trump mit den Taliban ein Abkommen geschlossen, das den Abzug ihrer Truppen postulierte. Joe Biden bestätigte im Frühjahr diesen Deal. Bis Ende August sollen die letzten US-Soldaten das Land verlassen haben. «Wir hätten nicht gedacht, dass die Afghanistan-Politik der Amerikaner noch schlimmer werden könnte», sagt eine NGO-Mitarbeiterin. Aber Joe Bidens Ankündigung hat die Taliban weiter ermutigt – und die an chronischer Unterversorgung leidenden Regierungstruppen verschreckt. Tausende ergaben sich, viele, ohne einen einzigen Schuss abgefeuert zu haben.

Wie konnte es so weit kommen, dass die Taliban, die für die Entrechtung von Frauen und öffentliche Exekutionen stehen, wieder die Oberhand gewinnen? Gegen eine Regierung, die knapp 20 Jahre lang mit Milliarden Dollars bedacht wurde und wird. Daran bereicherte sich vor allem eine kleine Führungsschicht, darunter viele Doppelstaatsangehörige. Sie bauten sich von den Hilfsgeldern in Dubai oder in Europa Paläste.

Dass die US-Armee nun tatsächlich fast alle Truppen aus dem Land zurückgeholt hat und auch nur noch sehr dosiert Taliban-Stellungen bombardiert, kam für die meisten Politiker und Militärs überraschend. Eine Strategie, um die eigenen afghanischen Kräfte zu bündeln, existiert nicht. So kommt es, dass Nationalarmee, Polizeikräfte und Milizen mehr neben- als miteinander kämpfen – wenn sie denn überhaupt ihre Waffen erheben. Präsident Aschraf Ghani wirkt hilflos und isoliert.

«Wir haben eine korrupte Regierung», sagt der politische Analyst Nadschib Scharifi. Er hat zu einem Wochenendbrunch in einen Wohntower im Stadtteil Schahr-e-Now eingeladen. Die Gäste dort wirken merkwürdig entrückt, starren alle wie gebannt auf ihre Handys. «Bitte entschuldigen Sie, wir haben gerade einen engen Freund verloren.

Der politische Analyst Nadschib Scharifi in seiner Wohnung in Kabul, die Gebetskette in der rechten Hand.

Der politische Analyst Nadschib Scharifi in seiner Wohnung in Kabul, die Gebetskette in der rechten Hand.

Thore Schröder

Er war Leiter des Medienzentrums der Regierung», erklärt Scharifi und wischt sich mit der linken Hand über das Gesicht, während er durch die Finger der rechten Hand die Kugeln einer Gebetskette wandern lässt. Dann zündet er sich eine Zigarette an und beginnt eine Kampfesrede, die zur Anklage wird: «Wir dürfen nicht zulassen, dass unser Land zurück in die Steinzeit gestürzt wird! Ihr seid hierhergekommen mit euren ganzen Ideen: freie Meinungsäusserung, Frauenrechte und so weiter. Waren das denn nur Slogans?»

«Das sind Fabriken für terroristische Zombies»

Die Amerikaner hätten gewusst, dass die Taliban nie besiegt werden können, solange der pakistanische Geheimdienst sie finanziert und sie dort unerschöpflich rekrutieren können aus den Koranschulen, wirft ein Gast ein: «Das sind Fabriken für terroristische Zombies.»

Aussicht vom Balkon in Nadschib Scharifis Wohnung: 2001 arbeitete er für die «New York Times».

Aussicht vom Balkon in Nadschib Scharifis Wohnung: 2001 arbeitete er für die «New York Times».

Thore Schröder

Auf dem Balkon der Wohnung steht der rauchende Gastgeber mit einem Freund. Der Ausblick ist fantastisch: rechts vom Nordwesten der Stadt bis links hinüber zum alten Zentrum. Von dort oben sei er mit den US-Reportern nach Kabul hineingekommen, zeigt der Freund Richtung Intercontinental Hotel, ein weisser Flachbau auf einem Hügel. Kaum 20-jährig, hatte er 2001 für die «New York Times» gearbeitet.

«All das», sagt der Mann und breitet die Hände aus über seiner Stadt, «ist danach zu einem Symbol für die Befreiung der Menschen geworden.» Und jetzt werde es wieder zu einem Symbol: «Für den Verrat an uns Afghanen.»

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