TERRORISMUS
Am Monsterprozess gegen den «Staatsfeind Nummer eins» erinnert sich Frankreich schmerzvoll an das Bataclan-Blutbad

Sechs Jahre nach den Anschlägen auf das Pariser Konzertlokal beginnt der Prozess gegen die überlebenden Attentäter. Im Mittelpunkt steht der einst meistgesuchte Verbrecher Frankreichs, Salah Abdeslam. Doch hat er überhaupt etwas zu sagen?

Stefan Brändle, Paris
Drucken
Teilen
Gedenken an die Blutnacht des 13. Novembers 2015.

Gedenken an die Blutnacht des 13. Novembers 2015.

Bild: Thibault Camus / AP

«Es geht los, wir beginnen», tippte einer der Attentäter am 13. November 2015 um 21.42 Uhr in sein Handy. Dann stürmte das Trio mit AK-Gewehren in das Konzertlokal, wo gerade die amerikanische Band «Eagles of Metal Death» spielte, und begann seine systematische Massenexekution. Die furchtbare Bilanz nach Mitternacht: 130 Tote und 413 Verletzte. Weitere Opfer waren vor dem Stade de France und auf mehreren Bistroterrassen in Paris zu beklagen. Frankreich stand unter Schock.

Jährlich zeugen die Leuchtinschriften des Eiffel-Turms von der anhaltenden Emotion.

Die Medien stellen unbequeme Fragen: Vor dem Bataclan waren acht Soldaten. Warum griffen sie nicht ein? Warum hatte erst ein einzelner Polizeikommissar den Mut, in das Konzertlokal vorzudringen und das Massaker mit seinen Schüssen auf einen Terroristen zu stoppen? Diese Fragen wirft nun eine arte-Dokumentation von neuem auf:

Erst jetzt, sechs Jahre später, hat die Nation genug Distanz, um jene Blutnacht aufzuarbeiten. Die Dimensionen des Prozesses sind gewaltig. In einem eigens gezimmerten Saal beginnt am Mittwoch die Gerichtsverhandlung gegen 20 Angeklagte, zumeist Komplizen (die Schützen sind alle tot). 1800 Zivilkläger und Zeugen sind eingeschrieben. Die Prozessdauer ist auf neun Monate, das Urteil auf Mai 2022 angesetzt.

Der eigens für den Bataclan-Prozess erstellte Gerichtssaal im Pariser Justizpalast

Der eigens für den Bataclan-Prozess erstellte Gerichtssaal im Pariser Justizpalast

Bild: Yoan Valat / EPA

Die Staatsanwaltschaft verlangt für zwölf der zwanzig Angeklagten lebenslänglich. Einer war am Abend des 13. November aktiv: Salah Abdeslam. Der heute 31-jährige Franzose marokkanischer Abstammung mietete, soviel ist sicher, die Autos und Hotelzimmer und fuhr die Schützen an die Tatorte. Und darüber hinaus? Warum trug er auch einen Selbstmordgurt? Und warum sprengte er sich nicht in die Luft? Nur weil der Zünder nicht funktionierte – oder glaubte Abdeslam seinen «Brüdern» doch nicht so recht, dass ihm das Paradies winke?

Salah Abdeslam

Salah Abdeslam

Bild: Belg. Polizei / EPA

Auf jeden Fall gilt in dem Prozess Abdeslam das Hauptaugenmerk. Nach dem Bataclan-Angriff war er 125 Tage lang der meistgesuchte Verbrecher Frankreichs; TV-Sender nannten ihn bis zur Verhaftung in Brüssel «Staatsfeind Nummer eins». Abdeslam ist zudem der erste bekannte Terrorist, den Frankreich lebend fasste. Alle anderen starben unter den Polizeischüssen – Khaled Kelkal 1995, Mohamed Merah 2012 in Toulouse, die Kouachi-Brüder 2015 nach der Charlie Hebdo-Attacke, der Nizza-Terrorist Mohamed Lahouaiej-Bouhlel 2016.

Zudem ist Abdeslam ein Prototyp des Schnellkurs-Salafisten, der noch ein Jahr vor den Anschlägen lieber mit einer Playstation gespielt hatte, als auch nur einmal den Koran aufzuschlagen. Ein halbstarker Vorstadtbengel, der fast über Nacht der Hetzpropaganda des «Islamischen Staates» (IS) anheimfiel und den Joystick durch das Sturmgewehr ersetzte.

Rasante Radikalisierung

Bis 2015 finden sich in seinem Vorleben keinerlei Indizien einer Radikalisierung. Er wechselte seine Freundinnen wie sein Streetwear, arbeitete wie sein Vater in den Brüsseler Verkehrsbetrieben; er trank Alkohol, kannte die Moscheen nur von aussen und beging kleinere Delikte. Nicht gerade das Profil eines religiösen Fanatikers.

Blumen für die Opfer des Bataclan-Anschlags

Blumen für die Opfer des Bataclan-Anschlags

Bild: Lempin / EPA

Abdeslams spärliche Erklärungen für seine rasante Radikalisierung klingen aufgesetzt, hohl. In einer Einvernahme in Belgien rezitierte der unscheinbare Franko-Marokkaner mit dem Bubengesicht die viel gehörte Standarderklärung, die westliche Mission im «Sham», dem heiligen Syrien, habe gerächt werden sollen. Sonst schwieg er. Dann schwieg er.

Seit 2016 belegt Abdeslam in Fleury-Mérogis, dem grössten Gefängnis Europas, eine Isolierzelle ohne direkte Nachbarn. Er pflegt Briefverkehr mit vier islamistischen Frauen, darunter einer Deutschen. Heute rezitiert er, der mit dem Islam nichts am Hut hatte, bei seinen Verhören nur sein Shahada (Glaubensbekenntnis), wenn er überhaupt den Mund öffnet.

Auch im Knast spielt er nun gerne den Gläubigen. Aber nicht immer. Afrikanische Wärter beschimpft er als «Affen», anderen schreit er zu: «Ich bin Muslim, ihr seid nur Ungläubige, Hunde, ihr werdet mit noch die Füsse küssen.» Sind Radikalisierte bessere Rassisten?

Am aufschlussreichsten ist vielleicht ein Zellengespräch mit einem anderen Jihadisten, Mohamed Bakkali, das die Polizei verdeckt aufnahm. Halb Französisch, halb Arabisch berichtet Abdeslam, wie er das Tätertrio vor das Bataclan-Lokal gefahren und sich dann mit der Metro in den Pariser Vorort Châtillon abgesetzt habe. Übernachtet habe er in einem Treppenhaus, verköstigt habe er sich im McDonald’s, als wäre nichts. Er habe im «Drive» ein «Menu Fish» bestellt, präzisiert er lachend. «Du bist ein richtiger Killer», zieht ihn der andere auf.

Nach dem Massaker in den McDonald's: Abdeslam, zweiter von links, auf einem Polizeibild.

Nach dem Massaker in den McDonald's: Abdeslam, zweiter von links, auf einem Polizeibild.

Bild: AP Tvbrussels

Das Erschreckende an diesem abgehörten Dialog ist gerade der scherzende Tonfall. Sogar der Zynismus abgebrühter Gangster klänge menschlicher. Hunderte von Menschen umzubringen, das ist für Abdeslam weniger erwähnenswert als die Wahl des Fastfoodmenus. Ist das Verrohung oder Indoktrinierung, verkappte Bösartigkeit oder schiere Dummheit? Jedenfalls eine unfassbare Gleichgültigkeit gegenüber dem menschlichen Leben, dem Leben anderer.

In Abdeslams Schädel herrsche eine «bodenlose Leere», sagte sein belgischer Ex-Anwalt Sven Mary, und mit Anspielung auf das Hobby des Terroristen: «Er ist das perfekte Beispiel der Generation GTA (Grand Theft Auto, die Red.), die in einem Video zu leben glaubt.»

Kann so ein Mensch den Prozess weiterbringen? In Frankreich wird zudem seit fünf Jahren debattiert, ob Abdeslam Straferleichterungen zugestanden werden sollten oder nicht. Der Terrorist darf nun immerhin Besuch empfangen. Viele finden das falsch, wie eine TV-Debatte zeigte:

Das Strafmass für den Häftling mit der Nummer 444806 ist auf Lebenslänglich – ohne die Möglichkeit frühzeitiger Entlassung – beschränkt. Das sind in Frankreich dreissig Jahre. Der Cheflogistiker des 13. November käme also 2046 frei, mit 57 Jahren.

Aktuelle Nachrichten