Frankreich
Terrorprozess in Frankreich: Schweizer zu 15 Jahren Haft verurteilt

Ein 31-jährige Schweizer stand diese Woche in Paris wegen terroristischer Umtriebe vor Gericht. Er verteidigte sich, er sei nie zur Tat geschritten. Am Freitag ist das Urteil gefallen.

Stefan Brändle aus Paris
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Der Justizpalast in Paris: Hier fällt heute das Urteil gegen den Halb-Schweizer Milutin J.

Der Justizpalast in Paris: Hier fällt heute das Urteil gegen den Halb-Schweizer Milutin J.

CH Media

Hinter der Plexiglasscheibe steht kein Bartträger, der «Allahu Akbar» ruft und die Richter zur Hölle wünscht. Milutin J., halb Schweizer, halb Bosnier, präsentiert sich im Pariser Justizpalast im adretten Hemd und mit Kurzhaarschnitt; er spricht leise und überlegt – anders als die fünf jüngeren Mitangeklagten, die zum Teil kaum einen geraden Satz zustande bringen.

Milutin, 31, war nicht von ungefähr ihr «Emir», ihr Chef. Der in Bosnien geborene Serbokroat war mit Mutter und Bruder im Alter von drei Jahren in die Schweiz gekommen; in Yverdon trat er zum Islam über und radikalisierte sich rasch. Er verbreitete die Propaganda der Terrormiliz IS und stiftete via die App Telegram junge Franzosen zu Attentaten in Paris und Nizza an.

So steht es in der Anklageschrift der französischen Behörden, die 2017 zehn Verdächtige verhaftet hatten. Abdal Muhaymin Al-Bosnie, wie sich J. nannte, verteidigt sich vor Gericht, er habe seine grossspurigen Terrorpläne nie wirklich in die Tat umsetzen wollen. Ja, er sei «IS-Sympathisant gewesen», räumte er am Dienstag in seiner mehrstündigen Vernehmung ein. Aber eigentlich habe er sich damit nur vor seiner Frau aufspielen wollen, um ihre geschwundene Liebe zurückzugewinnen.

Anschläge in der Schweiz geplant?

Mit dieser Kolumbianerin, welche die Schweiz mittlerweile in ihr Heimatland ausgewiesen hat, besprach J. laut Abhörprotokoll diverse Attentate. In Lausanne wollten sie einen Anschlag auf eine Homosexuellendisko verüben. Die Rede war auch davon, eine Bombe in einem Kaufhaus hochgehen zu lassen oder einen Schnellzug zum Entgleisen zu bringen.

Verhaftet wurde J. alias Al-Bosnie, als seine Projekte konkreter und damit noch bedrohlicher wurden. Einmal teilte er mit: «Zwölf Soldaten aus dem Shâm (Syrien, Anm. der Redaktion) sind nach Europa unterwegs.»

Das sei «blosses Geschwätz gewesen», sucht sich der Bosnier-Schweizer vor Gericht herauszureden. Generell habe er solche Sprüche losgelassen, um zu spüren, dass er «existierte». Gegenfrage des Gerichtspräsidenten, warum er dann auch 400 IS-Videos und 50 000 Fotos heruntergeladen habe. Darunter waren Enthauptungen, in Zeitlupe gefilmte Erschiessungen.

Dreijähriger Sohn mit IS-Mütze

«Ich habe diese Szenen nicht einmal angeschaut», behauptet J. Seinen dreijährigen Sohn fotografierte er allerdings selber mit IS-Mütze, im Kinderzimmer hing eine schwarze Jihad-Flagge. Ein Video zeigte Kinder von IS-Schergen, wie sie Ungläubigen mit Enthauptungen drohen. «Ich fand das lustig», windet sich J., zunehmend in die Enge getrieben.

Auf Telegram hielt er 2017 fest: «Früher hätte ich es nicht geschafft, aber heute kann ich Zivilisten töten.» Vor Gericht sagt er, solche Dialoge mit Jihadisten in Syrien seien ihm wie eine «Fiktion» vorgekommen, weit entfernt und irgendwie virtuell. Immerhin seien es richtige Mörder gewesen, wendet der oberste Richter ein. «Ich bewunderte sie, und zugleich machten sie mir Angst», sagt der Westschweizer. Er habe nie nach Syrien reisen wollen. «Aber ich traute mich nicht, das den anderen zu sagen.»

Vor Gericht gibt sich der junge Mann mit dem sauberen Look reumütig. Der Richter zweifelt: So habe J. sich schon bei seiner ersten Polizeieinvernahme im Jahr 2015 gegeben – um kurz darauf erneut IS-Machenschaften an den Tag zu legen. «Das tat ich nur, um meine zunehmend distanzierte Frau zu beeindrucken und ihr zu gefallen», beteuert Ex-Al-Bosnie.

Der Terrorexperte glaubt ihm nicht

Im Gerichtssaal überzeugt er nicht alle. «Auf diese Weise versuchen sich die meisten IS-Vertreter herauszureden», sagt der bekannte Terrorexperte Jean-Charles Brisard, der im Publikum sitzt. All diese Jihadisten betrieben gegenüber der Polizei die «Taqiyya», die Kunst des Verschweigens und Verheimlichens. Zugleich wirke J. aber auch sehr unreif und labil, findet Brisard.

Ein Profi war J. nicht. Er betrieb zwar Experimente mit Sprengpulver. «Das waren doch nur Knallkörper für den 1. August, den Schweizer Nationalfeiertag!», ruft J. aus. «Jihadisten haben noch nie Schwarzpulver eingesetzt.»

Was unbestreitbar ist: J. hatte noch nie ein Attentat verübt, er hat kein Blut an den Händen. Aber er trug sich mit erschreckenden Terrorplänen, er unterhielt eine IS-Zelle und er hatte Kontakt mit Syrienkämpfern – sowie jenem Islamisten, der im September in Morges den wohl ersten tödlichen Jihad-Anschlag der Schweiz verübt hat.

Terrorexperte Brisard hält die Beweislage gegen J. für erdrückend. Das Strafmass für terroristische Unternehmungen – und seien sie nicht realisiert worden - reicht in Frankreich bis zu lebenslänglicher Haft. Am Freitag wurde er zu 15 Jahren Haft verurteilt. Und jetzt will ihn auch die Schweiz vor Gericht bringen.