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«Dann umarmte er mich innig», ein letztes Mal: Was die Tochter eines getöteten US-Soldaten zu den Bildern aus Afghanistan sagt

Kelly McHugh-Stewart verlor im Jahr 2010 ihren Vater, einen Oberst der US-Streitkräfte. Er starb in der afghanischen Hauptstadt, als Opfer eines Taliban-Selbstmordanschlages. Nach dem Fall von Kabul fragt sich die 30-Jährige: War alles vergeblich?

Renzo Ruf, Washington
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Im Arlington National Cemetery bei Washington sind Hunderte von Gefallenen des Krieges in Afghanistan begraben.

Im Arlington National Cemetery bei Washington sind Hunderte von Gefallenen des Krieges in Afghanistan begraben.

Bild: Carolyn Kaster / AP

Einfach zu finden ist das Grab von Johnny Spann nicht. Auf dem Militärfriedhof Arlington National Cemetery bei Washington ist es fernab der letzten Ruhestätte prominenter Amerikaner wie John F. Kennedy und damit abseits der Touristenströme. Dabei markiert Spann, begraben im Abschnitt 34, auf der Parzelle 2359, eine Wegmarke in der Geschichte seines Landes: Er war das erste von etwas mehr als 2200 amerikanischen Opfern der «Operation Enduring Freedom», wie der Krieg in Afghanistan anfänglich genannt wurde. Der damals 32 Jahre alte CIA-Paramilitär wurde am 25. November 2001 während eines Gefangenenaufstandes im Norden Afghanistans von Taliban-Kämpfern getötet.

Der Grabstein von Mike Spann, dem ersten US-Opfer im Afghanistan-Krieg.

Der Grabstein von Mike Spann, dem ersten US-Opfer im Afghanistan-Krieg.

Bild: Renzo Ruf

Geschmückt ist der Grabstein von Spann, den alle «Mike» nannten, mit einem Uniform-Patch, der die US-Flagge zeigt. Und mit einem Stein, der wohl symbolisieren soll, dass seine Angehörigen nicht vergessen haben, welches Opfer der Familienvater vor fast 20 Jahren erbrachte.

Gerade in den «Gold Star Families», wie die Familien gefallener Mitglieder der US-Streitkräfte im offiziellen Sprachgebrauch heissen, gehen derzeit die Emotionen hoch. Angesichts der dramatischen Bilder aus Kabul und dem demütigenden Ende der amerikanischen Intervention in Afghanistan fragen sich viele Hinterbliebene, ob der Krieg seinen Preis wert war. So sagt Kelly McHugh-Stewart im Gespräch, die Machtübernahme der Taliban habe sie «wütend» zurückgelassen — auch weil sie schon lange frustriert darüber gewesen sei, wie wenig sich der Rest des Landes für den Konflikt in Afghanistan interessiere.

Das war ein Luxus, den sich McHugh-Stewart seit dem 18. Mai 2010 nicht mehr leisten konnte. An diesem Tag starb in Kabul ihr Vater, Oberst John McHugh, 46 Jahre alt, verheiratet, hingebungsvoller Vater dreier Töchter und zweier Söhne. Der hochrangige Offizier, einem Ausbildungsprogramm für Kampftruppen der Streitkräfte zugeteilt, wurde Opfer eines Taliban-Selbstmordattentäters. Der Täter sprengte einen amerikanischen Militär-Konvoi in die Luft, und tötete dabei insgesamt 6 Soldaten und 12 Zivilisten. McHugh war erst wenige Tage zuvor in Kabul eingetroffen, auch um die geplante massive Truppenaufstockung vorzubereiten, zu der sich Präsident Barack Obama durchgerungen hatte.

Letzte Begegnung mit ihrem Dad

Ein offizielles Bild von Colonel John McHugh, der nach seinem Abschluss an der Military Academy in West Point (New York) in der U.S. Army diente.

Ein offizielles Bild von Colonel John McHugh, der nach seinem Abschluss an der Military Academy in West Point (New York) in der U.S. Army diente.

Bild: ZVG

McHugh-Stewart erinnert sich noch gut an ihre letzte Begegnung mit ihrem Vater. Es sei ein Freitag gewesen, und die Familie habe auf dem Stützpunkt Fort Leavenworth in Kansas gewohnt. Sie, 18 Jahre alt und seit kurzem College-Studentin, hatte Pläne für den Abend, und befand sich auf dem Sprung. Da habe ihre Mutter ihr nachgerufen: «Vielleicht möchtest du noch deinem Vater auf Wiedersehen sagen, er geht nach Afghanistan.»

Zuerst habe sie sich nichts dabei gedacht, weil ihr Vater, der sein ganzes erwachsenes Leben lang im Heer gedient hatte, ständig unterwegs gewesen sei. «Es war also nicht aussergewöhnlich, dass er einige Tage lang unterwegs war. Aber dann, und vielleicht spielt mir hier meine Erinnerung einen Trick, überkam mich ein seltsames Gefühl und ich ging nach oben, in sein Schlafzimmer, wo er seine Koffer packte. Wir sprachen ein wenig über dies und das, und ich fragte ihn, ob er zu Beginn der Fussball-Weltmeisterschaft wieder zu Hause sein werde», weil ihr Vater ein Fussball-Fan gewesen sei. «Dann umarmte er mich innig», ein letztes Mal.

Kelly McHugh-Stewart und John McHugh während Familienferien in Colorado, im August 2009.

Kelly McHugh-Stewart und John McHugh während Familienferien in Colorado, im August 2009.

Bild: ZVG

Und noch heute, sagt McHugh-Stewart, mache sie sich Vorwürfe, weil sie sich an diesem Abend fast nicht von ihrem Vater verabschiedete. Obwohl sie doch in einer Militär-Familie aufgewachsen sei, und innig mit dem Risiko vertraut war, dem US-Berufssoldaten ständig ausgesetzt sind, «verhielt ich mich gleich wie der Rest des Landes». Der Krieg in Afghanistan war abstrakte Ereignis, das sich fernab vom Heimatland abspielte, «für das sich aber niemand mehr so richtig interessierte» — und zwar zu einem Zeitpunkt, als der Konflikt noch als der «gerechte Krieg» galt.

Dieser Gedanke liess McHugh-Stewart nicht los. Also begann sie, nachdem sich der Schock über den Tod ihres Vaters etwas gelegt hatte, sich über die Geschichte des Krieges in Afghanistan zu informieren. Sie las Bücher. Sie sprach mit Dienstkollegen ihres Vaters, auch weil die Journalismus-Studentin den Plan fasste, ein Buch über ihn zu schreiben. Und sie sprach mit unwissenden Alterskollegen, die keine Ahnung hatten, dass sich auch Jahre nach den Terroranschlägen des 11. September 2001 immer noch US-Kampftruppen in Afghanistan befanden.

«Wir wusste nicht, was wir tun»

Und je länger sie recherchierte, desto schwerer sei es ihr gefallen, den Durchblick zu behalten, sagt McHugh-Stewart. Erst als sie «The Afghanistan Papers» las, eine Zusammenstellung interner Regierungsdokumente, die ab 2019 von der «Washington Post» veröffentlicht wurde, hatte sie einen Aha-Moment. Denn die Dokumente zeigten, dass selbst hochrangige Befehlshaber schon lange nicht mehr wussten, warum sich immer noch amerikanische Soldaten in Afghanistan befanden. Sie zitiert einen Dreisternegeneral, der mit der Familie McHugh befreundet gewesen war, mit den Worten: «Wir wusste nicht, was wir tun.» Und, so absurd dies vielleicht klingen mag, diese Erkenntnis sei irgendwie tröstlich gewesen, sagt sie. Erstmals hatte McHugh-Stewart das Gefühl, dass sie nicht die einzige war, die nicht verstand, warum Amerikanerinnen und Amerikaner derart lange in Afghanistan kämpften und starben.

Die vergangenen Tage waren dennoch äusserst schwierig für die Halb-Waise. Es fühle sich an, als sei alles vergeblich gewesen, sagt McHugh-Stewart — auch wenn sie auch froh darüber ist, dass der Krieg zu Ende geht. Frustrierend findet sie, dass Kommentatoren auf den amerikanischen Nachrichtensender die chaotischen Szenen aus Kabul dazu nutzten, um der Regierung von Präsident Joe Biden aus politischen Gründen ans Bein zu pinkeln. «Wo waren diese Menschen in den vergangenen Jahren?», als sich in der amerikanischen Öffentlichkeit niemand für den Konflikt interessiert habe und die Politiker sich weigerten, Verantwortung zu übernehmen.

Bittersüss ist das abrupte Ende des Konfliktes in Afghanistan für McHugh-Stewart auch, weil sie hochschwanger ist — und ihr erstes Kind vielleicht ausgerechnet an 9/11 auf die Welt kommen könnte. «Zufall», sagt sie und lacht, «aber es passt halt irgendwie auch». Der Vorname des Kindes steht übrigens bereits fest. Der Knabe soll John heissen.

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