Angst vor Nebenwirkungen
Vakzin statt Kokain: In Mexiko blüht der Handel mit gefälschten Impfungen

In Mexiko entdecken Zollbeamte Fake-Impfdosen aus Russland. Hunderte sollen damit immunisiert worden sein. Ihre Angst ist gross.

Sandra Weiss aus Puebla, chm
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Die Impfkampagne in Mexiko ist harzig angelaufen.

Die Impfkampagne in Mexiko ist harzig angelaufen.

(Mexico City/ EPA)

Der Cessna-Privatjet kam aus San Pedro Sula in Honduras und sollte in der mexikanischen Karibikstadt Campeche ein paar reiche Geschäftsmänner abholen. Einer Zollbeamtin fielen mehrere Kühlbehälter auf. Unter Eiswürfeln und Erfrischungsgetränken fand sie über 5700 Glasampullen mit der Aufschrift «Sputnik V» – der russische Corona-Impfstoff. Die russischen Behörden schalteten sich umgehend ein und erklärten, die Ampullen seien gefälscht. Als Beweis stellten sie Fotos ins Netz, die Unterschiede in Verpackung und Aufschrift zwischen dem Original und dem in Mexiko sichergestellten Material dokumentierten.

Es sah alles nach einem dubiosen Geschäft der Mafia aus, die in Mexiko seit Wochen gefälschte Impfstoffe anbietet. Doch dann nahm die Geschichte eine unvorhergesehene Wendung. Importiert hatte die Ampullen nicht irgendeine Scheinfirma, sondern einer der reichsten Männer der Region: der pakistanisch-honduranische Geschäftsmann Yusuf Amdani. Der viertreichste Mann Mittelamerikas geriet schon vor längerem ins Visier US-amerikanischer Geheimdienste, weil er zwei der grössten Moscheen Mittelamerikas finanzierte.

Särge von verstorbenen Covid-19-Patienten werden in Mexiko-City aus Sicherheitsgründen verbrannt.

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AP

Amdani war rasch mit einer Erklärung zur Stelle. Die Impfstoffe seien original. Er habe sie importiert, um damit die Arbeiter seiner Fabriken zu impfen. Wie er an den Impfstoff kam und wer ihm die begehrten Ampullen verkauft hatte, liess er freilich offen. Illegal ist die private Impfstoffbeschaffung in Honduras nicht. Geld und gute Beziehungen hat Amdani zur Genüge. Er gilt als Schattenmann hinter dem honduranischen Präsidenten Juan Orlando Hernández.

USA schicken Astrazeneca-Impfstoff in Nachbarländer

Kaum war der Fall aufgeflogen, wandten sich mehrere erschrockene Arbeiter aus Amdanis Fabriken an die Medien. Sie seien schon Mitte März geimpft worden und hätten ein Papier unterschrieben, das ihren Arbeitgeber von aller Verantwortung für allfällige Nebenwirkungen freispreche, sagten sie. Davon betroffen sind rund 1000 Arbeiter, die nun beunruhigt sind, was ihnen da gespritzt wurde.

Der Vorfall wirft ein Schlaglicht auf die verzweifelte Situation in vielen Ländern Lateinamerikas. Die Unruhe in der Region wächst angesichts des schleppenden Impftempos. In Venezuela und Brasilien wenden sich Unternehmer inzwischen direkt an die Labore, um Vakzine zu ersteigern.

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EPA

Mexiko hat derweil die erste Lieferung der insgesamt 2,7 Millionen Dosen des Astrazeneca-Impfstoffs aus den USA erhalten. In Amerika ist der Impfstoff des schwedisch-britischen Herstellers nach wie vor nicht zugelassen. Deshalb schickt die US-Regierung die bestellten Dosen in die Nachbarländer unter der Voraussetzung, dass Mexiko und Kanada dieselbe Anzahl Impfdosen von anderen Herstellern in möglichst naher Zukunft in die USA zurückschicken.

Die Impfkampagne in Mexiko verläuft bislang äusserst harzig. Nur gerade 5,4 Dosen pro 100 Einwohner hat das Land seit Kampagnen-beginn verabreicht. Das Land hat nach den USA (550'000) und Brasilien (313'000) die drittmeisten Toten (202'000) weltweit zu verzeichnen.

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