Versorgung
Ägypten, Jemen und Libanon bekunden Nahrungsmittelengpässe: Diese Folgen hat der Krieg für die arabischen Länder

Der Krieg in der Ukraine, der «Kornkammer Europas», könnte in weiten Teilen der arabischen Welt Unruhen und Hungersnöte auslösen. Bereits jetzt spitzt sich die Lage in Nordafrika sowie im Mittleren Osten wegen der grossen Abhängigkeit von ukrainischem Getreide dramatisch zu.

Michael Wrase, Kairo
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Zu wenig Essen für alle: Im Jemen wird die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln vom Welternährungsprogramm WEF versorgt.

Zu wenig Essen für alle: Im Jemen wird die Bevölkerung mit Nahrungsmitteln vom Welternährungsprogramm WEF versorgt.

Bild: AP / Hani Mohammed

«Brot, Freiheit und soziale Gerechtigkeit» hatten Millionen von Ägyptern während des «Arabischen Frühlings» im Jahr 2011 skandiert. Vor allem der Brotpreis hat am Nil eine enorme politische Sprengkraft. Das weiss auch Staatspräsident Abdelfattah Sissi. Der Nachfolger des vor acht Jahren gestürzten Mohammed Mursi hatte im August letzten Jahres unter lauten Protestrufen den Abbau von Subventionen für Brot angekündigt, die Massnahme bisher aber nicht umgesetzt.

Nach dem Überfall auf die Ukraine, befürchten Analysten in Kairo, bleibe ihm vermutlich nichts anderes übrig. Die Nilrepublik bezieht über 50 Prozent ihres Weizens aus Russland, das seine Getreideexporte vergangene Woche gestoppt hatte, sowie aus der Ukraine, dessen Häfen von der russischen Kriegsflotte blockiert werden. Die Folge war ein Preisanstieg für Weizen um 65 Prozent. Dieser wird nun an die Bevölkerung weitergegeben.

Subventionierung von Brot, Öl und Zucker reduziert Armut

Anstatt fünf Fladen «Aish» (Brot) am Tag sollen die Ägypter künftig nur noch drei Brotfladen zum subventionierten Preis von 20 Piastern oder 1.2 €-Cent erhalten. Wer mehr möchte, muss auf dem freien Markt das Fünfzehnfache bezahlen. In einem Land, in dem das ägyptische «Aish» nicht nur Brot, sondern Leben bedeutet, wird dies nicht ohne Folgen bleiben.

Nach einer Studie der Weltbank trägt die Subventionierung von Grundnahrungsmitteln wie Brot, Speiseöl und Zucker dazu bei, die Armutsrate zu reduzieren. Gleichzeitig würde so der Lebensstandard der betroffenen Menschen gesichert. Im über 100 Millionen Einwohner zählenden Ägypten leben mehr als 60 Prozent der Bevölkerung an der Armutsgrenze.

Im Libanon sind es inzwischen sogar 70 Prozent. Die Zedernrepublik bezog zwischen 2010 und 2019 bis zu 95 Prozent ihres Getreides aus der Schwarzmeerregion. Gedanken, wie die Lieferausfälle kompensiert werden sollen, hat sich die korrupte Beiruter Regierung noch nicht gemacht. Vor Hungerrevolten stehen womöglich auch Marokko, Tunesien, der Irak sowie Jordanien, wenn dort die exorbitant gestiegenen Getreidepreise von der Bevölkerung «kompensiert» werden sollen.

UNO-Organisation rechnet mit massiven Ausfällen

Noch dramatischer ist die Lage im Jemen. Die Bevölkerung des Bürgerkriegslandes wird von Hilfsorganisationen mit Lebensmitteln versorgt. Bezahlt wurde die Überlebenshilfe von der internationalen Staatengemeinschaft, die angesichts des Kriegshorrors in der Ukraine die bittere Not von 32 Millionen Jemeniten offenbar vergessen hat. Auf einer von der UNO veranstalteten Geberkonferenz in Genf kamen am vergangenen Mittwoch lediglich 1,3 Milliarden Euro zusammen.

Benötigt wird das Dreifache. In einem Land, in dem weite Teile der Bevölkerung schon jetzt von Unterernährung betroffen sind, «ist das eine Katastrophe», sagt David Beasley, Direktor der Welternährungsprogramms (WFP). Die UNO-Organisation bezog bisher 50 Prozent ihres Getreides aus der Ukraine.

Auch die EU könnte mehr exportieren

Sollte der Krieg dort noch länger andauern, würden in diesem Jahr rund sieben Millionen Tonnen Weizen auf dem Weltmarkt fehlen. Zumindest teilweise kompensiert werden könnten die Ausfälle durch Importe aus Australien und Argentinien, glaubt die Agrarexpertin Verena Laquai vom Braunschweiger Thünen-Institut für Regionalentwicklung. Auch die EU könnte durch gute Ernten mehr exportieren. Fallende Preise für Getreide, Sonnenblumenöl und Zucker sind allerdings nicht zu erwarten.

«Wir wissen nicht, ob und unter welchen Bedingungen die Aussaat in der Ukraine in diesem Jahr stattfinden wird», betont Wilfried Bommert vom Institut für Welternährung in Berlin. Nach Angaben des ukrainischen Landwirtschaftsministers Taras Wysotskiyi hat in Teilen der Ukraine in dieser Woche die Getreideaussaat begonnen. Es handle sich aber nicht um eine Massenaussaat. Wann dies möglich ist, sei gegenwärtig nicht absehbar.

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