Mexikos Drogenkrieg
Von «Narcobarbies» zu gefürchteten Mafia-Managerinnen: Wie Frauen die Kartelle erobern

Die Emanzipation erreicht auch das organisierte Verbrechen: In den Kartellen in Mexiko und Kolumbien übernehmen Frauen das Sagen. Sie sind nicht weniger brutal als ihre männlichen Kollegen.

Klaus Ehringfeld, Mexiko-Stadt
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Emma Coronel Aispuro, die Ehefrau des gestürzten mexikanischen Drogenbarons «El Chapo», nach der Urteilsverkündung gegen ihren Mann in New York City 2019.

Emma Coronel Aispuro, die Ehefrau des gestürzten mexikanischen Drogenbarons «El Chapo», nach der Urteilsverkündung gegen ihren Mann in New York City 2019.

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Sie war überall. Im Gerichtssaal, in den Medien, in den sozialen Netzwerken. Emma Coronel Aispuro fühlte sich anscheinend unangreifbar. Die Gattin des Ex-Drogenbosses Joaquín «El Chapo» Guzmán war sich sicher, dass ihr von der US-Justiz keine Gefahr drohte. Während ihrem Mann, dem mächtigen Ex-Chef des Sinaloa-Kartells in New York der Prozess gemacht wurde, sprach die 31-jährige ehemalige Schönheitskönigin in Interviews über ihre Gefühle, die gemeinsamen Zwillinge, trat in Reality-Shows auf und wollte gar eine eigene Modemarke mit den Initialen von Guzmán («JGL») gründen. Nur über das Geschäft ihres Mannes verlor die amerikanisch-mexikanische Doppelbürgerin Coronel nie ein Wort.

Emma Coronel Aispuro droht in den USA eine langjährige Haftstrafe.

Emma Coronel Aispuro droht in den USA eine langjährige Haftstrafe.

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Die junge Frau, die selbst aus einer Familie von Drogenhändlern stammt, war das, was in Mexiko viele abschätzig als «Narcobarbie» bezeichnen: eine durchgestylte, schönheitsoperierte Frau, mit der sich die grossen Kartellbosse gerne schmücken. Coronel aber wollte mehr sein als das und betätigte sich zusehends als Unternehmerin im Kartell ihres Mannes. Genau deshalb wurde sie jetzt von amerikanischen Drogenermittlern festgenommen. Sie soll aktiv in den Rauschgifthandel involviert gewesen sein. Ihr droht in den USA eine langjährige Haftstrafe.

Die Frauengefängnisse sind längst überfüllt

Die Guzmán-Gattin steht für einen Trend, der sich in den vergangenen Jahren deutlich verstärkt hat: Frauen rücken in den brutalen Kartellen Lateinamerikas zusehends an die Spitze auf und entwachsen in dem Macho-Mafia-Milieu immer mehr ihrer ursprünglichen Rolle als hübsche Begleiterinnen. Das gilt besonders für Mexiko und Kolumbien.

Weibliche Mitglieder übernähmen in den Syndikaten heute «eine Vielzahl von Rollen», heisst es in einer Untersuchung der Universidad del Rosario in Bogotá und des Nachrichtenportals Insight Crime. In Kolumbien arbeiten Frauen längst nicht nur mehr in der Saat und Ernte der Kokapflanzen oder in den Kokainküchen, sondern übernehmen immer häufiger Aufgaben des mittleren Management wie etwa die Organisation von Drogentransporten, Buchhaltung oder Geldwäsche.

Verstärkt sind Frauen auch im Menschenhandel tätig: als Anwerberinnen, Schlepperinnen und Bandenchefinnen. Entsprechend stark stieg die Zahl der in Lateinamerika inhaftierten weiblichen Häftlinge, die im Zusammenhang mit dem organisierten Verbrechen verhaftet worden sind. Zwischen 2009 und 2019 nahm ihre Zahl um 52 Prozent zu.

Der eigene Antrieb, der Wunsch nach Anerkennung ist aber oft nicht der Hauptgrund für die kriminellen Karrieren der Latinas. In vielen Fällen sind sie langsam in die Rollen reingewachsen, nachdem ihre Männer oder Söhne festgenommen oder getötet wurden.

Joaquín «El Chapo» Guzmán nach seiner Verhaftung 2017.

Joaquín «El Chapo» Guzmán nach seiner Verhaftung 2017.

AP

Gewissermassen als Vorbild dient in Mexiko noch immer Enedina Arellano Félix. Die 59-Jährige führt seit vielen Jahren das einst mächtige Tijuana-Kartell, das ihre Brüder Ramón und Benjamín Arellano Félix Ende der Achtzigerjahre gegründet hatten. Nachdem ihre Brüder getötet beziehungsweise verhaftet worden waren, übernahm «La Jefa» die Geschäfte und entscheidet nun über Leben und Tod, bringt Rauschgiftladungen auf den Weg und versteckt und wäscht Drogengelder.

Ein anderes Beispiel ist Clara Elena Laborín. Drogenfahnder führen «La Señora» als Chefin des Beltrán-Leyva-Kartells. Laborín hat die Leitung der Organisation nach dem Tod ihres Mannes Ende 2018 übernommen und dominiert den Drogenmarkt im Bundesstaat Guerrero.

Die «Puppe» kann das Töten nicht lassen

Selbst einige der gefürchteten Killerkommandos werden inzwischen von Frauen angeführt. «Las Cachorras» (Die Welpinnen) etwa töten im Auftrag des Zeta-Kartells vor allem an der Golfküste. Gegen ihre Chefin Leticia Jiménez, «La Muñe» (die Puppe) liegen fünf Haftbefehle wegen Mordes vor.

Nach Angaben der Generalstaatsanwaltschaft sind es vor allem drei Syndikate, die viele weibliche Mitglieder beschäftigen: das Kartell Jalisco Nueva Generación, das Sinaloa-Kartell und die Beltrán-Leyva-Bande. Von den sechs- bis achttausend Mitgliedern dieser sind rund acht Prozent Frauen.

Im Vergleich zu anderen Bereichen der Gesellschaft sei der Anteil der Frauen im organisierten Verbrechen damit doch noch immer gering, gibt der Schriftsteller Antonio Ortunõ zu bedenken. Die organisierte Kriminalität sei immer schon ein von Gewalt bestimmtes Milieu gewesen – «und das ist nun mal vor allem Männersache», erzählt der Autor, der in seinen Büchern immer wieder über die Facetten des Kartellterrors schreibt. Was Mexiko jetzt brauche, das seien nicht mehr Verbrecherinnen, sondern mehr Polizistinnen, Richterinnen und Anwältinnen.

Nachgefragt (von Sandra Weiss) beim kolumbianischen Mafiajäger Ivan Velásquez: «Die Pandemie ist ein idealer Nährboden für die organisierte Kriminalität»

Der Kolumbianer Ivan Velásquez, 65, ist einer der gefürchtetsten Mafiajäger Lateinamerikas. Die Kartelle gehören zu den Pandemie-Gewinnern, sagt er.

Wie ist es derzeit um Lateinamerika bestellt?

Ivan Velásquez: In vielen Ländern ist der Staat in Geiselhaft mafiöser Gruppen. Unternehmer, Politiker und Kriminelle bilden mächtige Netzwerke. Für ihre Korruption brauchen sie Straffreiheit. Deshalb ist es für sie so wichtig, den Justizapparat zu kontrollieren. In Kolumbien etwa hat gerade die Staatsanwaltschaft Ermittlungen gegen Ex-Präsident Alvaro Uribe eingestellt. Verantwortlich dafür ist ein Staatsanwalt, von dem ganz Kolumbien wusste, dass er gezielt dafür eingesetzt worden war, um Uribes Probleme aus dem Weg zu räumen.

Wie soll die internationale Gemeinschaft reagieren?

Man sollte die Entwicklungshilfe konditionieren. Zum Beispiel, indem man die Auszahlung von Hilfsgeldern an den Respekt und die Stärkung des Rechtsstaates bindet. Man kann nicht mit jeder Regierung kooperieren unter dem Vorwand, dass es dort Hilfsbedürftige gibt. Damit stärkt man Kleptokratien.

Eröffnet die Pandemie der organisierten Kriminalität neue Möglichkeiten?

In zahlreichen Ländern hat die Pandemie den Autoritarismus verstärkt und die Transparenz geschwächt. Das ist ein idealer Nährboden für die organisierte Kriminalität. Je weniger Transparenz, desto grösser der Spielraum für kriminelle Akteure.