Fall Khashoggi: Erdogan will am Dienstag Details veröffentlichen

Die Türkei ist vermutlich in Besitz von Ton- und Bildmaterial von der Ermordung des saudischen Regimekritikers. Präsident Erdogan hat für Dienstag Details angekündigt.

Gerd Höhler, Athen
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Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. (Bild: EPA (Istanbul, 21. Oktober 2018))

Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan. (Bild: EPA (Istanbul, 21. Oktober 2018))

Lange hat Recep Tayyip Erdogan zum Tod des saudischen Regimekritikers Jamal Khashoggi geschwiegen – ungewöhnlich lange für einen Präsidenten, der sonst kein Blatt vor den Mund nimmt, sich zu allen möglichen Themen zu Wort meldet und dabei auf diplomatische Verwicklungen keine Rücksicht nimmt. Jetzt will der Staatschef auspacken: Am Dienstag werde er in der wöchentlichen Fraktionssitzung seiner Regierungspartei AKP aufdecken, was man über den Tod Khashoggis wisse. «Wir suchen Gerechtigkeit, und wir werden die ganze nackte Wahrheit enthüllen», kündigte Erdogan an.

Khashoggi, der unter anderem Kolumnen für die «Washington Post» schrieb, hatte am 2. Oktober das saudische Konsulat in Istanbul betreten, um dort Papiere für seine am nächsten Tag geplante Hochzeit mit einer Türkin abzuholen. Seither wurde der 59-Jährige nicht mehr gesehen. Regierungsnahe türkische Zeitungen berichteten bereits kurz nach Khashoggis Verschwinden unter Berufung auf Geheimdienstmaterial, der Regimekritiker sei im saudischen Konsulat gefoltert und ermordet worden. Anfänglich behauptete die saudische Regierung in Riad, Kha­shoggi habe das Konsulat wohlbehalten verlassen. Erst fast drei Wochen später räumte die Regierung ein, der Journalist sei «bei einem Faustkampf» im Konsulat versehentlich getötet worden.

Double in Khashoggis Kleidern?

Dieses Eingeständnis kam nicht zuletzt unter dem Druck der immer neuen Veröffentlichungen zustande, die zu dem Fall über Tage hinweg in regierungsnahen türkischen Medien erschienen. Dazu gehörten auch Fotos von Mitgliedern eines 15-köpfigen mutmasslichen Killerkommandos, das aus Saudi-Arabien nach Istanbul geflogen sein soll, um Khashoggi zu töten und seine Leiche zu beseitigen. Diese Veröffentlichungen werden offenbar aus türkischen Regierungskreisen gesteuert. Die jüngste Enthüllung kam am Sonntag in der Zeitung «Yeni Safak»: Danach hat der Chef des mutmasslichen Killerkommandos an Khashoggis Todestag aus Istanbul viermal mit der Privatsekretärin des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman telefoniert. Ein weiteres bizarres Detail berichtete am Montag der Sender CNN Türk: Danach zeigen Überwachungskameras einen Mann, der nach der Ermordung Khashoggis in dessen Kleidung in Istanbul herumläuft. Das Double soll dem saudischen Killerteam angehört haben.

Nach Berichten regierungsnaher Medien verfügen die türkischen Behörden über Ton- und Videoaufzeichnungen mit allen grausigen Details der Ermordung des Regimekritikers. Möglich, dass Erdogan sich bei seinen für Dienstag angekündigten Enthüllungen darauf beziehen wird.

Dass Erdogan sich lange mit öffentlichen Äusserungen zurückhielt, hängt wohl mit den brisanten geopolitischen Dimensionen dieses Verbrechens zusammen. Die Türkei rivalisiert mit Saudi-Arabien um Einfluss im Nahen Osten. Mit den Informationen über den Mord, die zu regierungsnahen Medien durchgedrungen waren, bringt die Türkei nicht nur die Herrscher in Riad unter Druck. Sie treibt damit auch einen Keil zwischen Saudi-Arabien und die USA, dessen wichtigsten Verbündeten. Sollte sich herausstellen, dass der saudische Kronprinz entgegen der offiziellen Darstellung von dem Mordkomplott wusste oder die Beseitigung Khashoggis sogar angeordnet hat, müsste sich auch Präsident Donald Trump deutlich distanzieren. Damit beginnt das Weisse Haus bereits: Hatte Trump anfangs die Erklärungen aus Riad noch als «glaubwürdig» akzeptiert, rudert er inzwischen zurück. Jetzt spricht Trump von «Täuschung» und «Lügen».

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