Russland
Was hat Putin mit der Ukraine vor? 9 Antworten zu den wichtigsten Fragen

Die Welt rätselt über die Pläne des russischen Präsidenten: Welche Ziele verfolgt der Kreml-Chef? Träumt er davon, Russland wieder zu alter Grösse zu führen?

Dagmar Heuberger
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Die Welt rätselt über die Pläne des russischen Präsidenten: Welche Ziele verfolgt der Kreml-Chef? Das Bild zeigt Wladimir Putin bei einem Treffen mit Jugendlichen vom 29. August.

Die Welt rätselt über die Pläne des russischen Präsidenten: Welche Ziele verfolgt der Kreml-Chef? Das Bild zeigt Wladimir Putin bei einem Treffen mit Jugendlichen vom 29. August.

Keystone

1. In der Ostukraine tobt der Krieg und aus dem Kreml in Moskau kommen martialische Töne. Was will Wladimir Putin?
Putin denkt in den Kategorien von Einflusssphären und Macht und begründet das mit dem Sicherheitsinteresse an den eigenen Grenzen. Deshalb hat er den Untergang der Sowjetunion einmal als die «grösste geostrategische Katastrophe des 20. Jahrhunderts» bezeichnet. So intensiv wie keiner seiner Vorgänger setzt Putin alles daran, Russland wieder gross und mächtig zu machen. Die Ukraine – einst die Kornkammer, aber auch das Zentrum der Rüstungsindustrie der Sowjetunion – ist der wichtigste Eckstein dieser Strategie.

2. Bedeutet das, dass Putin die Ukraine erobern will?
«Wenn ich will, kann ich Kiew in zwei Wochen einnehmen», soll Putin gemäss der Internetseite der italienischen Zeitung «La Repubblica» gesagt haben. Und zwar in Anwesenheit des scheidenden EU-Kommissions-Präsidenten José Manuel Barroso. Auch wenn die russischen Streitkräfte dazu vermutlich in der Lage wären: So weit dürfte Putin nicht gehen, denn er weiss, dass ihn das international auch noch den letzten Rest seines Ansehens kosten würde. Aber er will die Ukraine destabilisieren, aufteilen und zumindest den Osten in seinen Einflussbereich bringen.

3. Was verspricht er sich denn davon?
Putin argumentiert, dass in der Ostukraine – wie auch auf der Krim – mehrheitlich Russen leben, die nicht unter ukrainischer Herrschaft leben wollten. Es gehe darum, die Interessen und die Sicherheit dieser Russen zu gewährleisten. Doch das ist nur vorgeschoben. In Wirklichkeit will Putin verhindern, dass die Ukraine sich nach Westen orientiert.

4. Tut sie das nicht bereits? Sie will Mitglied der EU und nun auch Nato-Mitglied werden.
Kiew hat mit der EU ein Assoziierungsabkommen geschlossen und strebt den Beitritt zur EU an. Letzteres kann der Kreml nicht akzeptieren. Putin will mit der im vergangenen Mai gegründeten Eurasischen Union eine Konkurrenzorganisation zur EU schaffen. Bislang gehören neben Russland noch Weissrussland und Kasachstan zu dieser Organisation. Russland braucht das grosse Land an seiner südlichen Flanke, wenn die Eurasische Union funktionieren soll.

5. Und wie sieht es mit einer Aufnahme in die Nato aus?
Der Wunsch hat im Nato-Hauptquartier nicht gerade Begeisterungsstürme ausgelöst. Aber die Allianz schlägt die Türe auch nicht gleich zu. Nato-Generalsekretär Anders Fogh Rasmussen erklärte: «Wir werden die Entscheidung der Ukraine über das Verlassen ihrer Neutralität voll respektieren und auch den Wunsch, Nato-Mitglied zu werden.» Für Putin kommt hingegen der Nato-Beitritt der Ukraine überhaupt nicht infrage. Die Ausdehnung der westlichen Militärallianz bis an die Grenzen Russlands ist für den Kreml Affront genug. Und obwohl es historisch falsch ist, behauptet Moskau immer noch, die Nato habe mit der Aufnahme der ehemaligen Ostblockstaaten ein Versprechen gebrochen.

6. Neuerdings spricht Putin von «Neurussland». Was meint er damit?
Als «Neurussland» – «Noworossija» bezeichnen die prorussischen Separatisten in der Ostukraine den Zusammenschluss der beiden selbst ernannten «Volksrepubliken» Donezk und Lugansk. Pawel Gubarew, der selbst ernannte «Volksgouverneur» von Donezk, hatte am 24. Mai die Gründung des «neuen Staates» bekannt gegeben – einen Tag vor der Präsidentschaftswahl in der Ukraine. Nach den Vorstellungen der Separatisten und der russischen Nationalisten soll dazu jedoch eines Tages viel mehr gehören als die Gebiete im Südosten der Ukraine, die sie heute kontrollieren. Sie träumen von einem Staat, der sich von der Ostukraine Richtung Südwesten womöglich bis nach Transnistrien ziehen könnte. Wie sich nun zeigt, ist das offenbar auch Putins Wunsch.

7. Hat Putin das ausdrücklich gesagt?
Nicht wörtlich. Aber er hat sich in einem Aufruf auf der Website des Kremls «an die Volkswehr von Neurussland» gewandt. Und er forderte Verhandlungen über die «Staatlichkeit» der Südostukraine. Das geht weiter als die bisherige offizielle Linie des Kremls, der die «Volksrepubliken» Donezk und Lugansk bislang nicht anerkannt hatte.

8. Bedeutet das, dass die Ukraine über kurz oder lang aufgespalten wird?
Danach sieht es im Moment aus. Die Ostukraine scheint für Kiew genauso verloren zu sein wie die Krim.

9. Russland will also sein Nachbarland militärisch zerschlagen. Wie reagiert der Westen?
Der Westen hat nicht viele Optionen. Eine militärische Intervention kommt nicht infrage. Sterben für Kiew? Sicher nicht! Bleiben Sanktionen. Bisher waren diese eher milde. Wenn sie Russland wehtun sollen, dann gilt es, die Wirtschaftsbeziehungen zu kappen. Doch das wird auch den Westen schmerzen. Etwa wenn kein russisches Gas mehr nach Europa fliesst. Frieren für Kiew?

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