Wie aus einem eisernen Regimegegner ein Fusssoldat Putins wurde

Lange war der Schriftsteller Sachar Prilepin ein eiserner Gegner des russischen Regimes. Dann kippte er – und stürzte sich als «Fusssoldat Putins» in den Donbass-Krieg.

Stefan Scholl, Moskau
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Schriftsteller Sachar Prilepin bei einer Präsentation seines Buches «Der Zug» im russischen Wolgograd. (Dmitry Rogulin\Getty, 15. Februar 2017)

Schriftsteller Sachar Prilepin bei einer Präsentation seines Buches «Der Zug» im russischen Wolgograd. (Dmitry Rogulin\Getty, 15. Februar 2017)

Auf einem Acker im Donbass posiert Sachar Prilepin mit einem auf Papier gemalten Friedensstern vor der Kamera: «Alle Schriftsteller der Welt treten für den Frieden ein», sagt er. «Shakespeare, Dante und Andrei Makarewitsch (ein liberaler russischer Rockmusiker; Anmerkung der Redaktion). Auch ich bin für Frieden.» Er zerknüllt sein Friedenszeichen, wirft es weg und kommandiert: «Los!» Aus einem automatischen Geschütz hinter ihm krachen Feuerstösse.

Heute befehligt Prilepin, Kriegsveteran, TV-Moderator und vor allem Schriftsteller, kein Kanonenfeuer mehr im ostukrainischen Kriegsgebiet. Der stellvertretende Kommandeur eines von ihm gegründeten Freiwilligenbataillons in Donezk wurde stellvertretender Leiter des Moskauer Gorki-Kunsttheaters. Aber auch auf der Bühne wird Prilepin weiter Front gegen seinen Lieblingsfeind machen: Russlands liberale Intelligenz.

In einem offenen Brief attackierte er Russlands Liberale böse: Sie hätten es Stalin zu verdanken, dass sie im Krieg nicht alle in deutschen Gaskammern gelandet seien.

Der 43-Jährige hat einen fulminanten Lebenslauf hinter sich. Ein Lehrersohn, der als Einsatzpolizist in den ersten Tschetschenien-Krieg zog, dann national-bolschewistischer Regimegegner wurde, Strassendemos anführte, Putins Sturz forderte. Auch seine ersten Bücher waren fulminant: Der Roman «Patologija» schildert Kampf und Untergang einer Truppe russischer Einsatzpolizisten in Tschetschenien. Die Mühsale, die moralischen Nöte und vor allem die Angst seines Helden im Partisanenkrieg sind beklemmend echt. Der Schriftsteller selbst gestand unserem Korrespondenten einmal freimütig, er hätte in Tschetschenien zwar immer dorthin geschossen, woher das feindliche Feuer kam. Aber er sei keineswegs sicher, irgend­jemanden getötet zu haben – im Gegensatz zu seinen Helden.

Prilepins Erzählungen und Romane stellten aufrichtige Fragen und gaben oft grausame Antworten: Wie behält man als Rausschmeisser einer Provinzdisco seine Selbstachtung und sein Gebiss, wenn viel stärkere Banditen aufkreuzen? Was tun, wenn man mit dem toten Vater im Sarg nachts im Schneesturm auf einem einsamen Waldweg landet? Kritiker verglichen ihn mit dem jungen Bulgakow. Aber irgendwann kippte der Schriftsteller Prilepin. Er schrieb weiter wie am Fliessband, aber es wurde klar, dass die echten, starken Stoffe seines früheren Abenteurerlebens zu Ende gingen. Szenen und Figuren verblassten, auch wenn seine Banditen jetzt häufig braune, kaukasische Gesichter hatten.

Vielleicht lag es auch daran, dass Prilepin immer nationalistischer wurde und politisch immer weniger opponierte. Bei den grossen Anti-Putin-Demos 2011/12 tauchte er nicht mehr auf, kurz darauf attackierte er Russlands Liberale in einem offenen Brief böse: Sie hätten es Stalin zu verdanken, dass sie im Krieg nicht alle in deutschen Gaskammern gelandet seien. Den Anschluss der Krim 2014 ­feierte er, danach stürzte er sich in den Donbass-Krieg, wurde Berater von Rebellenchef Alexander Sachartschenko. Aber neue starke Stoffe fand er dort nicht. Dafür schrieb er Bücher mit pseudophilosophischen, wodkagetränkten Dialogen mit Feldkommandeuren und über die Tapferkeit ihrer Krieger, die er als «Fusssoldaten Putins» rühmte.

Inzwischen hat Prilepin den Dienst im Donbass ganz quittiert. 2017 gründete er mit weiteren Gleichgesinnten eine «Russische Kunstunion». Ihr erklärtes Ziel: mit Hilfe des Staates mehr Raum für traditionalistische künstlerische Projekte schaffen, die gegen die liberale Kultur opponieren. Es wird sich zeigen, ob Prilepin sein Talent auf der Bühne des Moskauer Gorki-Kunsttheaters wiederfindet.

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