Ostukraine
Wie die Zivilbevölkerung unter dem Krieg im Donbass leidet

Knapp zwei Millionen Ukrainer sind Flüchtlinge im eigenen Land. Willkommen sind sie nicht überall.

Inna Hartwich, Charkow/Kiew
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Sie wissen nicht, was die Zukunft bringt: Binnenflüchtlinge in der Ukraine.

Sie wissen nicht, was die Zukunft bringt: Binnenflüchtlinge in der Ukraine.

imago/Eastnews

Der Kühlschrank – er geht Viktoria* nicht aus dem Kopf. Sie hatte doch erst eingekauft. Das Geld fehlte oft, und die Sicherheitslage auf den Strassen, nun ja, die war auch schon einmal besser. Ohne Artilleriebeschuss, ohne Männer mit Kalaschnikows auf den Schultern. Nun ist Viktoria hier, und ihr Kühlschrank ist dort. Seit bald sechs Monaten.

«Dort» – das ist Lugansk in der sogenannten Volksrepublik im Osten der Ukraine, derer sich «inadäquate Menschen, die wer weiss woher kommen und uns das Zuhause nehmen», bemächtigt hätten, wie Viktoria sagt. «Hier» – das ist ein Containerdorf nicht weit vom Charkower Flughafen entfernt. Die Frontlinie in der Ostukraine – inzwischen «Waffenstillstandslinie» genannt – ist 200 Kilometer weit weg.

Weg ist auch Viktorias früheres Leben. Wie ihr neues aussehen soll, das weiss die schmächtige Frau mit dünnem blondem Haar und einem rosafarbenen Trägertop nicht so recht. Das weiss niemand in den 13 Containern, die sich in den sandigen Boden im Süden Charkows stemmen. «Es ist ein Leben im Schwebezustand», sagt Viktoria.

Misstrauen und Hilfsbereitschaft

1,3 Millionen Binnenflüchtlinge zählt das ukrainische Sozialministerium in Kiew. Freiwillige Hilfsorganisationen sprechen von knapp zwei Millionen Menschen. Allein im Charkower Gebiet sollen es 500 000 Männer, Frauen und Kinder sein. Politisch sind die Menschen, die aus dem Donbass kommen, nur wenig erwünscht. Die Lokalpolitiker in Charkow wehren sich gegen einen möglichen politischen Einfluss der «Umsiedler», wie sie in der Ukraine heissen. Im Herbst stehen Lokalwahlen an. Ob die Binnenflüchtlinge ihre Stimme abgeben dürfen, ist nicht geklärt. «Sollen sie unsere Situation hier destabilisieren?», fragt Nadija Sawinska von der Partei Demokratische Allianz in Charkow. Das Misstrauen der angestammten Bevölkerung gegenüber den Geflohenen ist gross. Die Bereitschaft aber, den Flüchtlingen mit dem Allernötigsten zu helfen, ist ebenso riesig.

«Im Februar standen 400 Menschen am Tag an unserem Aufnahmetisch», erzählt Nadeschda Ryndina von «Station Charkow». Hier bekommen die Gestrandeten einen Teller warme Suppe, die richtigen Papiere, vielleicht ein Wohnungsangebot. Ryndina war früher Beraterin in einem Spielzeugladen – bis sie den Job verlor und nun in der Karl-Marx-Strasse im Zentrum der Stadt für die Kinderecke der Freiwilligenorganisation zuständig ist.

Abzug schwerer Waffen vereinbart

Seit dem Abkommen von Minsk, das im vergangenen Februar vereinbart wurde, gilt in der Ostukraine eine Feuerpause. Theoretisch. Auch sollen die schweren Waffen abgezogen werden. Doch auch das ist Wunschdenken. Tatsächlich ist die Lage in der Region äusserst labil. Immer wieder kommt es zu Gefechten, die Separatisten haben in den vergangenen Monaten trotz offizieller Waffenruhe rund ein Dutzend Ortschaften in ihre Gewalt gebracht. Dabei wurden immer wieder auch schwere Waffen eingesetzt. Gestern nun hat der ukrainische Präsident Petro Poroschenko der Schaffung einer 30 Kilometer breiten entmilitarisierten Zone im Kriegsgebiet Donbass zugestimmt. Aus dieser Pufferzone sollten alle Panzer sowie Artillerie abgezogen werden. Der Schritt solle den «dauerhaften Beschuss» beenden. Ob die Abmachung umgesetzt wird, steht in den
Sternen.

Etwa 70 Freiwillige kümmern sich bei «Station Charkow» um die Neuankömmlinge; viele von ihnen waren selbst vor einigen Monaten geflohen. Das Geld kommt meist von Spenden aus dem In- und Ausland, mittlerweile auch von internationalen Stiftungen und Organisationen wie USAid und Unicef. Der ukrainische Staat greift nur selten unter die Arme. «Wir sind nicht erstaunt, dass Kiew nicht hilft, es hat andere Sorgen», sagt Ryndina. In Kiew, vier Zugstunden von Charkow entfernt, klingen die Worte harscher. «Unsere Regierung vernachlässigt das Problem der Binnenflüchtlinge bewusst», sagt Swetlana Tarabanowa von «WostokSOS» (OstenSOS). Erst wenn das zentralistische System sich ändere, ändere sich auch das Interesse für den fast verlorenen Osten des Landes, sagen Tarabanowa und ihre Mitstreiter.

Ohne Selbsthilfe geht es nicht

Vor einem Jahr noch war Smeljanski Vize-Direktor am Institut für Wirtschaft und Verwaltung an der Universität für Geisteswissenschaften in Jalta. Dann aber tauchten sogenannte «grüne Männchen» auf, sorgten für ein umstrittenes Referendum, die Krim wurde russisch und Smeljanski mit all seiner Kritik über die Annexion unerwünscht. «Die, die von der Krim flohen, flohen aus politischen Gründen, sie waren Andersdenkende. Die, die aus der Ostukraine fliehen, fliehen vor den Bomben. Ihre politische Einstellung haben sie zum Teil behalten. Das kommt nicht gut an», sagt Smeljanski. Die Konkurrenz auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt sei hart, die wirtschaftliche Lage der Ukraine an der Grenze. Viele strampelten sich ab, um zu überleben.

Erschöpft von Krieg und Flucht

«Es kämpft jeder für sich, und wenn er noch die Kraft hat, kämpft er, damit es anderen besser geht», sagt Ewelina Argefowa. Auch die Krim-Tatarin ist eine Geflohene. «Unsere ganze Geschichte ist die Geschichte einer Flucht», sagt sie in einem tatarischen Restaurant im Zentrum Kiews, wo sie manchmal aushilft. Im Mai 1944 wurde Argefowas Familie von der Krim nach Zentralasien vertrieben, wie hunderttausend krim-tatarische Familien. Erst in den 1990ern kehrten sie zurück. Nun sei man wieder auf die Hilfe von Freiwilligen angewiesen. Argefowa sammelt Geld für ukrainische Soldaten, kocht dafür tatarische Speisen. Ihren zwei Söhnen, bei der Grossmutter in Simferopol gelassen, hat die 32-Jährige versprochen, sie bald nachzuholen. Bald, wenn das Geld da ist, eine Wohnung. Zurück auf die Krim will sie nicht, kann sie nicht, solange die Halbinsel unter russischer Führung sei. «Ich weiss noch nicht, wo ich heute Nacht schlafen soll. Aber es finden sich Bekannte, die mich aufnehmen», sagt sie – erschöpft wie so viele in der Ukraine, geschwächt durch Krieg, Flucht und fehlende Zukunft.

Name geändert

Notbewtten aus der Schweiz für Flüchtlinge in der Ukraine

Seit gut einem Jahr gilt die Ukraine nicht mehr als verfolgungssicherer Staat. Asylgesuche von Ukrainern werden seither wieder inhaltlich geprüft, vorher waren die Anträge praktisch chancenlos. Dennoch blieb die Zahl der ukrainischen Asylbewerber in der Schweiz niedrig, in den vergangen vier Quartalen schwankte sie zwischen 59 und 114 Personen.
Für die mehr als 1,3 Millionen Binnenflüchtlinge innerhalb der Ukraine gibt es aber Hilfe aus der Schweiz. Heute wird in Meiringen der letzte von drei Camions beladen, der Zivilschutzbetten aus dem ehemaligen Notspital ins nordukrainische Sumy bringt. Seit zehn Jahren leistet der Verein Help-Point Sumy aus dem aargauischen Wohlen dort humanitäre Hilfe. «Ich wurde vom Gouverneur der Region angefragt, ob wir Notbetten nach Sumy bringen könnten», sagt Vereinspräsidentin Marianne Piffaretti. Sie wandte sich mit dem Anliegen an die Logistikbasis der Schweizer Armee in Bern. «Dort erhielt ich die Zusage, dass 600 Notbetten aus dem aufgehobenen unterirdischen Notspital Meiringen zur Verfügung stehen.» Diese wurden von freiwilligen Helfern des Vereins demontiert, mit Matratzen und Kissen auf Paletten verladen und für den Transport in die Ukraine bereit gemacht. «Es sind einfache Betten, wie sie in unterirdischen Militäranlagen üblich sind, aber sie erfüllen ihren Zweck.» In der Nordukraine sind die Betten aus der Schweiz für Flüchtlingsheime vorgesehen. «Obwohl die Stadt Sumy rund 500 Kilometer vom Kriegsgebiet im Osten entfernt ist, gibt es auch dort zahlreiche Flüchtlinge», sagt Piffaretti. Sie war dieses Jahr schon zweimal in der Ukraine, um Hilfskonvois vorzubereiten. Ein dritter Transport mit Spitalbetten, medizinischen Geräten, Ausrüstung für Feuerwehr, Ambulanz und Zivilschutz sowie Mobiliar für Schulen und Kindergärten ist im Herbst geplant. (fha)

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