Pakistan
Wie eine schüchterne 15-Jährige zum tapfersten Mädchen der Welt wurde

Die 15-jährige Pakistanerin Malala Yousafzai gilt als die grosse Favoritin für den Friedensnobelpreis, der morgen verliehen wird. Vor einem Jahr noch hätten die Taliban die Teenagerin fast getötet. Als «tapferstes Mädchen der Welt» wurde sie gefeiert

Christine Möllhoff, Neu-Delhi
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Malala erhält eine Auszeichnung der Clinton Global Initiative
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Malala spricht vor der UNO
In «Ich bin Malala» erzählt sie ihre Geschichte
Malala im Spital, nachdem sie angeschossen wurde
Für ihren Mut wurde sie mit Auszeichnungen überschüttet. Hier aus den Händen von Fussballer David Beckham
Pressefoto mit U2
Malala Yousafzai – das tapferste Mädchen der Welt

Malala erhält eine Auszeichnung der Clinton Global Initiative

Keystone

Die Hand des Attentäters soll gezittert haben, als er abdrückte und sie in den Kopf schoss.

Ein Jahr ist es her, dass die Taliban versuchten, die damals 15-jährige Pakistanerin Malala Yousafzai zu töten.

Weil sie für den Schulbesuch von Mädchen kämpfte. Weil sie die Extremisten kritisierte. Sie überlebte schwer verletzt.

Als «tapferstes Mädchen der Welt» feiern die Medien sie. Nun wird sie sogar als Favoritin für den Friedensnobelpreis gehandelt. Sie wäre die jüngste Preisträgerin der Geschichte.

Rekord bei Nominierungen

Morgen Freitag wird in Oslo der diesjährige Friedensnobelpreisträger bekannt gegeben. Und wie immer wird davor fleissig spekuliert. Dieses Jahr gibt es 259 Nominierungen - ein Rekord. Die Liste wird vom Komitee streng geheim gehalten. Neben Malala Yousafzai wird auch Bradley (Chelsea) Manning, der Wikileaks-Informant, hoch gehandelt. Der Analyst der US-Armee wurde im August in den USA zu 35 Jahren Haft verurteilt. Weniger bekannt ist der kongolesische Gynäkologe Denis Mukwege. Er hilft vergewaltigten Frauen und prangert die Straflosigkeit der Täter an. Der Arzt musste nach einem Attentat Ende 2012 aus der Demokratischen Republik Kongo flüchten, kehrte aber ein Vierteljahr später zurück, um seine Arbeit fortzusetzen. In der «religiösen» Kategorie ist vor allem von Kardinal John Olorunfemi Onaiyekan die Rede. Er wird für seine Rolle beim demokratischen Übergang in Nigeria vorgeschlagen. Man spricht aber auch von der Mutter Teresa von Kairo, «Mama Maggie» Gobran. Die koptische Ordensschwester gründete eine Wohltätigkeitsorganisation, die sich für die Bewohner der Kairoer Slums einsetzt. Die meisten Nominierungen kommen dieses Jahr aus Russland. Unter anderem sind drei Menschenrechtsaktivistinnen im Gespräch: Lyudmila Alexeyeva, Svetlanna Gannushkina und Lilya Shibanova.(nch)

Soeben erschien ihre Biografie «I am Malala» («Ich bin Malala»), die sie mit der britischen Journalistin Christina Lamb schrieb.

Malala liebt die US-Serie «Ugly Betty» und die Vampir-Saga «Twilight».

Doch sonst hat ihr Leben wenig gemein mit dem eines normalen Teenagers. Sie rast von Termin zu Termin, von Interview zu Interview, trifft sich mit Ban Ki Moon, Bono oder Gordon Brown und sagt Sätze wie «Stifte und Bücher sind unsere mächtigsten Waffen».

Es begann 2009

Das Phänomen Malala ist ohne ihren Vater, den Lehrer Ziauddin Yousafzai, kaum denkbar.

Er ist die treibende Kraft hinter ihrer Karriere zur Aktivistin.

Die Geschichte beginnt 2009, als Malala erst elf Jahre alt ist. Damals haben die Taliban ihre Heimat, das Swat-Tal, besetzt und ein Schreckensregime errichtet.

In den Strassen liegen Leichen, Angst herrscht. Die Fanatiker sprengen Schulen, DVD- und Coiffeurgeschäfte in die Luft. Und sie verbieten Mädchen, zur Schule zu gehen.

Für die Familie von Malala geht es um die Existenz. Ihr Vater ist nicht nur ein leidenschaftlicher Verfechter von Bildung, er betreibt auch die Privatschule, an die Malala geht.

Anfang 2009 sucht der britische Sender BBC ein Mädchen, das bereit ist, über das Leben unter den Taliban einen Blog zu schreiben – und bittet Schulbesitzer Yousafzai um Hilfe. Als ein anderes, älteres Mädchen abspringt, weil die Eltern Angst um deren Leben haben, bietet Malalas Vater seine elfjährige Tochter an.

Pseudonym gelüftet

Die BBC stimmt zu, besteht aber laut Medien darauf, dass sie unter Pseudonym schreibt, um ihr Leben nicht zu gefährden. Doch nur wenig später wird Malalas Identität – mit dem Segen des Vaters – in einer Filmdokumentation der «New York Times» gelüftet.

Schnell bitten auch andere Medien um Interviews mit der Elfjährigen. Malala wird berühmt. Dass der Medienrummel sie zur Zielscheibe machen könnte, scheint niemanden gross zu sorgen.

Zu schön ist die Geschichte von dem schüchternen, kleinen Mädchen, das das wagt, was sich kein erwachsener Politiker traut: Den Taliban die Stirn zu bieten. «Nicht einmal die Taliban töten Kinder», sagt man Malala.

Doch das ist ein Irrtum. Am 9. Oktober 2012 bezahlt die inzwischen 15-Jährige ihr Engagement beinahe mit dem Leben: Ein Todeskommando der Taliban schiesst sie in einem Schulbus nieder.

Der «New York Times»-Reporter, der Malala berühmt machte, heisst Adam B. Ellick. Er schrieb nun einen Artikel über das Entstehen des Films. Es ist ein Artikel voller Unbehagen und Fragen.

«War es fair, dass sie so öffentlich in einer so gefährlichen Umgebung kämpfte? Oder wurde sie von Erwachsenen ins Rampenlicht gestossen, die von der Macht eines Kindes fasziniert waren, das die Taliban herausfordert?»

Ellick fragt auch nach seiner möglichen Mitschuld: «Habe ich, indem ich ihr eine Bühne gab, ungewollt eine Rolle bei dem Attentat gespielt?»

Folgt man Ellick, war es vor allem der Vater, der am Ende den Film forcierte. «Es war das erste Mal in meiner Karriere, dass eine Quelle immer interessierter an einer Story wurde, während ich immer zögerlicher wurde», schreibt Ellick im Rückblick.

Taliban drohen ihr erneut

Während Malalas Vater seine Frau von fremden Männern abschottet, exponiert er seine Tochter im Kampf gegen die Taliban. Aber kann ein Kind die Risiken abschätzen? Fast abgöttisch scheint Malala ihren Vater zu bewundern.

«Ich bin wie mein Vater», sagte sie dem «Stern». Sie fügt sich seinen Wünschen.

Ihren Traum, Ärztin zu werden, hat sie begraben. Stattdessen will sie nun, wie vom Vater favorisiert, Politikerin werden. Doch das ist Zukunftsmusik.

Nach dem Attentat zog die Familie ins britische Birmingham. Finanziell geht es ihnen gut. Der Vater hat einen Diplomatenjob, das Buch soll Millionen gebracht haben.

Als Malala vor einem Jahr im Koma lag und um ihr Leben kämpfte, betete halb Pakistan für sie. Heute sehen viele Pakistaner die Ikonisierung Malalas mit Ärger. Sie werfen dem Vater vor, seine Tochter benutzt zu haben.

Und sie werfen dem Westen vor, sie als Werkzeug westlicher Ideologie zu instrumentalisieren. Eben erst erneuerten die Taliban ihre Drohung, Malala umzubringen.

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