Frankreich
Wie lebt man in den französischen Banlieues mit einer Schreckenstat?

Ein Neuer, ein Unbekannter im Viertel: Das sagen die Blicke der afrikanischen Kassiererinnen und der kopftuchverhüllten Käuferinnen, wenn man als Auswärtiger den Supermarkt Simply am Rande von Bagneux betritt.

Stefan Brändle, Bagneux
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In Bagneux wurde vor sechs Jahren Ilam Halimi gefangen gehalten und gefoltert.

In Bagneux wurde vor sechs Jahren Ilam Halimi gefangen gehalten und gefoltert.

Keystone

Die Blicke sagen auch: Bitte keine neugierigen Fragen stellen. Zum Beispiel, wo der Wohnturm Prokofiev ist. Wenn sich ein Fremder, zumal ein Weisser, danach erkundigt, muss es entweder ein Flic oder ein Journalist sein.

Grausamer Tod schockierte ganz Frankreich

Der Block Prokofiev, benannt nach dem russischen Komponisten, erlangte vor sechs Jahren traurige nationale Berühmtheit. In dem 60 Meter langen Gebäuderiegel war 2006 ein junger jüdischer Verkäufer namens Ilan Halimi zwecks Lösegelderpressung gefangen gehalten und tagelang gefoltert worden; von Brand- und Stichwunden übersät, wurde sein Körper an einem Bahngleis gefunden. Sein grausamer Tod schockierte ganz Frankreich. Bagneux trägt seither das Stigma, Schauplatz dieser Entführung gewesen zu sein.

Um den Block Prokofiev herrscht auch heute noch eine fühlbare Spannung. Sechs Jahre sind vergangen, der Täter Youssouf Fofana und die Mitglieder seiner «gang des barbares» sitzen längst in Haft. Aber die Passanten gehen mit schnellem Schritt und gesenktem Blick. Ein Jugendlicher, der vor der Garage sein Triumph-Motorrad reinigt, gibt den Gruss nicht zurück. Vielleicht hat die Affäre von Toulouse die alten Narben von Bagneux neu geöffnet. Fofana und Mohamed Merah hatten einen ähnlichen Werdegang: Beide hatten Probleme in der Schule, mit der Arbeit, mit dem Vater; beide waren Kleinkriminelle, suchten ihr Heil im Koran und knöpften sich Juden vor.

Erst ein paar Strassenzüge weiter, in der Rue Frédéric Chopin, wo die Wohntürme ebenso hoch sind, ist ein Paar bereit zum Reden. Der aus Senegal stammende Mann meint, man sollte «diese Affären» nicht aufbauschen. «Fofana war ein Rumhänger wie Merah, mehr nicht. Die reichten nicht einmal an die Caïds der Drogenbanden heran – die sind einiges gefährlicher.»

Immerhin haben beide Menschenleben auf dem Gewissen. «Ich weiss nicht, was in die gefahren ist», antwortet der junge Mann schulterzuckend. «Bei denen stimmte etwas im Kopf nicht. An ihrem Viertel lag es jedenfalls nicht; das sind Quartiere ohne Geschichten.» Mehr ist nicht zu erfahren; die stumme Begleiterin, eine «Gallierin», wie die weissen Französinnen hier genannt werden, drängt zum Weitergehen.

«Das geht uns nichts an»

Zurück zu Prokofiev. Drei kapuzenbewehrte Jungs kommen auf der ganzen Trottoirbreite entgegen. Ein noch minderjähriger Maghrebiner hält auf den Gruss hin an und zieht das iPod-Kabel aus einem Ohr. Merah? «Damit haben wir nichts zu tun. Bist du Journalist? Ich kenne die Journalisten, ihr wollt uns ständig was anhängen.» Und Fofana? Die Stirn des Jungen verdunkelt sich noch mehr. «Das ist tabu», erklärt er und läuft seinen zwei Kumpels nach, die den Schritt nicht einmal verlangsamt hatten. «Das geht uns wirklich nichts an, verstehst du?», ruft er noch zurück.

Im Schatten des Blocks Prokofiev reinigt eine ältere Frau mit Papiertüchern die Fensterscheiben ihres Toyota. Hat sie keine Angst vor solchen Kids? «Warum? Hier ist doch alles friedlich», meint sie. Für weitere Auskünfte sei die Polizei zuständig, sagt sie. Und wie denkt sie über Fofana? «Der war nicht einmal von hier. Das ist wie ein Blitz über uns gekommen», meint die vor 50 Jahren aus Madagaskar zugereiste Grossmutter. «Aber darüber wollen wir nicht mehr reden.» Und Toulouse? Stammte Merah nicht aus einem ähnlichen Viertel? «Der war doch noch ein Kind. Man hätte ihn nicht so allein lassen sollen», erklärt sie, um unwirsch anzufügen: «Sie werden sehen, jetzt beginnt alles wieder von vorne; schon heisst es wieder, in der Banlieue wohnten nur Terroristen. Das wiederholt sich hier alle paar Jahre. Nein, reden wir nicht davon. Haben Sie zufällig noch ein Papiertaschentuch?»

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