50. Todestag
Winston Churchill: Erst das Empire, dann: «Let Europe arise»

Vor 50 Jahren starb der Mann, der den Widerstand gegen Hitler verkörperte wie kein anderer.

Werner Vogt*
Drucken
Der ehemalige britische Ministerpräsident Winston Churchill zelebriert sein Victory-Zeichen bei seinem Besuchals Oppositionsführer in der Schweiz in Genf am 23. August 1946. keystone

Der ehemalige britische Ministerpräsident Winston Churchill zelebriert sein Victory-Zeichen bei seinem Besuchals Oppositionsführer in der Schweiz in Genf am 23. August 1946. keystone

KEYSTONE

Der 19. September 1946 war in der Geschichte der Stadt Zürich und ebenso in der Geschichte der Schweiz ein ganz besonderer Tag. Zürich empfing jenen Mann, der im Mai 1940 zum Hoffnungsträger für die freie Welt und somit auch der Schweiz geworden war: den britischen Kriegspremier Winston Spencer Churchill. Seine Fahrt durch die Stadt glich einem Triumphzug: Nicht nur standen die Zuschauer in gleicher Aufmarschstärke wie beim Sechseläuten am Strassenrand. Nein, Jugendliche rannten hinter den Zuschauerreihen im Laufschritt mit dem Konvoi mit. Die Damen der Stadt füllten die offene Limousine, in der er stand, mit Rosen. Und als er auf einer speziell gebauten Holztribüne auf dem Münsterhof zur Bevölkerung sprach, waren die Leute auf dem ganzen Platz dicht gedrängt, Körper an Körper, sicher um seine Worte zu hören mindestens ebenso aber, um Danke zu sagen für alles, was er und England für Europa und die Schweiz getan hatten.

Ein bewegtes Leben - allein gegen Hitler

Winston Churchill erfüllte ab 1940 als Premierminister Grossbritanniens eine eminent wichtige Aufgabe. Er hielt den Widerstandswillen in Europa am Leben und die Royal Air Force bescherte Hitlerdeutschland in der Luftschlacht um England die erste Niederlage. Nach dem 2. Weltkrieg galt sein Hauptinteresse der Zukunft eines freien Europa.

- 30. November 1874 geboren als erster Sohn des englischen Politikers und Ministers Lord Randolph Churchill und Jenny Jerome, geborene Amerikanerin und Tochter eines Wall-Street-Magnaten. Ausbildung in den Internaten von Ascot, Harrow und Brighton.
- 1893–1899 Ausbildung zum Offizier, Fronteinsätze in Indien, Sudan. Kriegsberichterstatter im Burenkrieg in Südafrika. Eine Kandidatur fürs Unterhaus verlief erfolglos.
- 1900 Wahl ins Unterhaus für die Konservativen im Kreis Oldham
- 1904 Churchill wechselt zur Liberalen Partei
- 1905–1915 verschiedene Ministerposten, Rücktritt 1915 wegen des Dardanellen-Desasters
- 1908 Heirat mit Clementine Hozier (5 Kinder zwischen 1909 und 1922)
- 1916 Bataillonskommandant in Flandern
- 1917 Rüstungsminister, in der Regierung bis 1922
- 1924 Churchill wechselt zurück zu den Konservativen, Schatzkanzler
- 1929–1939 ohne Ministerposten
- 1940 Churchill wird am 10. Mai Premierminister
- 1945 abgewählt, Niederlage in den Unterhauswahlen
- 1946 Zürcher Rede
- 1951 Sieg in den Unterhauswahlen, Churchill erneut Premier
- 1953 Nobelpreis für Literatur
- 1955 Rücktritt am 5. April
- 1965 Winston Churchill stirbt am 24. Januar, am 30. Januar wird er nach einem Staatsbegräbnis in Bladon, Oxfordshire, beigesetzt.

Brite oder Europäer?

Churchill war ein überzeugter Engländer und Brite und – als Kind seiner Zeit – geboren unter Königin Viktoria ein glühender Verfechter des Empire. Schon im Alter von 25 Jahren hatte er vier Kontinente bereist, auf ihnen gekämpft und geschrieben – noch globaler hätte seine Perspektive kaum sein können. Dass Churchills Gene zu 50 Prozent aus den Vereinigten Staaten von Amerika stammen, darf keineswegs vergessen werden. Es gehörte grösstes diplomatisches Geschick dazu, die USA in den Zweiten Weltkrieg zu bewegen und – nach dem japanischen Angriff auf Pearl Harbor – erst noch die Europe-First-Strategie durchzusetzen, will sagen, dass erst Nazideutschland und seine verbündeten italienischen Faschisten niedergerungen würden und erst danach die militaristische Hegemonialmacht Japan.

Wie der Ahn, so der Sprössling

Winston Churchill war aber genauso stark Europäer, das heisst, ein im besten Interesse von Europa denkender Mann, wie er Brite war. Es mag ein Zufall sein, dass sein Ahnherr John Churchill, Duke of Marlborough, als erfolgreicher Feldherr dazu erkoren war, das Vormachtstreben der Spanier im Spanischen Erbfolgekrieg (1701–1714) zu brechen. Rund 250 Jahre später war Winston Churchill eine Schlüsselrolle zugedacht, der Aggression Nazideutschlands ein Ende zu setzen. Dazu hätte es eigentlich nicht kommen müssen, denn 100 Jahre nach den Spaniern versuchte Napoleon, den europäischen Kontinent unter seine Kontrolle zu bringen. Auch er scheiterte mit diesem Versuch. Kaum ein Politiker lernt aus der Geschichte und erst recht kein Diktator.

Winston Churchill wurde bisweilen als «Kriegsgurgel» verschrien. Das ist falsch. Es stimmt zwar, dass der Krieg mit allen Möglichkeiten, Heldentaten zu vollführen, eine gewisse Faszination auf den jungen Churchill ausübte, aber die ebenso deprimierenden wie sinnlosen Schlächtereien des 1. Weltkriegs hatten bei ihm tiefe Spuren hinterlassen. So war Churchill im Zweiten Weltkrieg ein Warlord im besten Sinne des Wortes. Er war unerschrocken, und dies musste er auch sein. Aber tief im Innern war dieser Krieg auch für ihn ein Horror. Er nannte ihn «the unnecessary war», weil er vermeidbar gewesen wäre, wenn die grossen Mächte (inklusive Grossbritannien) nicht geschlafen hätten, angesichts der deutschen Aufrüstung und Aggression.

Wie sichert man den Frieden?

Churchills grösste Sorge nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war die Verhinderung eines weiteren Waffengangs in Europa. Insofern waren seine beiden Reden im Jahr 1946 bahnbrechend. Im März 1946 warnte er in Fulton, Missouri, vor dem sowjetischen Expansionismus («ein eiserner Vorhang ist über Osteuropa hinuntergegangen»). Und in Zürich skizzierte er am 19. September den Weg vorwärts: Er postulierte die Schaffung «einer Art von Vereinigten Staaten von Europa» mit der Versöhnung zwischen Deutschland und Frankreich als Grundstein. Das war kühn, denn in Frankreich waren die Wunden der Gräuel der Nazibesetzung noch längst nicht vernarbt, geschweige denn verheilt. Grossbritannien dachte er – zumindest in jenem Moment – die Rolle eines wohlwollenden Göttis zu. Die Empörung in Frankreich als Folge der Zürcher Rede zeigte, dass er seiner Zeit voraus war. Tatsache ist aber, dass West- und Zentraleuropa seit 1945 im Frieden miteinander leben konnten.

Was entstehen kann, wenn man auf ultranationalistische Hassprediger hört statt auf die ausgleichenden Kräfte der Besinnung, war nach dem Auseinanderfallen Jugoslawiens in den 1990er- Jahren mit dem anschliessenden Bürgerkrieg zu sehen. In diesem Sinn lag Churchill sicher richtig mit seinem «Let Europe arise!»

*Werner Vogt ist Historiker, Publizist und Kommunikationsberater in Küsnacht.

Aktuelle Nachrichten