Ägypten
Zwischen zwei Welten: eine Reise durch grosse Geschichte und ramponierte Gegenwart

Eine Reise auf dem Nil gibt nicht nur Einblicke in die Geschichte der Menschheit, sondern auch in ein Land, das um sein aktuelles Ansehen ringt.

Susanna Petrin
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Reise durch Ägypten

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Suska Petri

Ägypten nackt und ungeschminkt.» So wolle er uns Journalisten seine Heimat zeigen, sagt der Reiseveranstalter Ahmed Amin. Den Tisch im touristischen Luxusrestaurant hat er storniert, stattdessen sitzen wir nun in einem Strassencafé in Kairos Altstadt. Unser Guide Mahmoud reicht uns Falafel im Fladenbrot. Am Tisch nebenan rauchen Frauen im Kopftuch Wasserpfeife. Danach gehen wir in eine Kuschari-Bude und essen den Mischmasch aus Pasta, Reis, Linsen, Tomatensauce und Röstzwiebeln. Sättigend und billig, ernährt diese Nationalspeise einen Grossteil der gegen 100 Millionen Ägypter. Und heute also auch uns.

Wir sehen das normale Leben, und wir sollen sehen, dass hier normal gelebt wird. Derart ramponiert sei das Ansehen Ägyptens, dass es sogar schwierig gewesen sei, Journalisten für diese Pressereise zu finden, erzählt Ahmed Amin. Nur von Terror und politischen Problemen schreibe die europäische Presse.

«Ägypten heute» lautet der Übertitel dieser Fahrt, und sie wird vor allem aus Besichtigungen von bis zu 4500 Jahre alten Kulturschätzen bestehen. Doch jetzt, an diesem ersten Abend im Wiegenland der Menschheit, wird tüchtig Heutiges vorgeholt. Später werden wir die Gegenwart, manchmal hitzig, auf dem Sonnendeck unseres Schiffes debattieren; ein Tauziehen um das richtige Bild Ägyptens hat begonnen.

Rätsel um des Pharaos Schatz

Gut 22 Millionen Einwohner leben in Kairo, dazu kommen zwei bis drei Millionen Pendler. Täglich kollabiert der Verkehr, ergraut die Luft. Trotzdem wäre es ein Fehler, die Hauptstadt auszulassen. Kairo ist maximal verdichtetes Leben, eine Mischung aus dreckig-futuristisch und orientalisch-ursprünglich. Mehrspurige Strassen mit hupenden, wild kreuzenden Autos. Frauen, die Waren auf dem Kopf balancieren, Männer auf Eseln, Buben auf Motorrädern.

Wir bekommen von Ahmed Amin ein Faktenblatt über die neusten Entwicklungen Ägyptens: «Projekte zur Bekämpfung von Armut, Arbeitslosigkeit und Analphabetismus», «2100 Kilometer neue Strassen», «25 neue Städte», steht da unter anderem. Später schaut ein ägyptischer Bekannter auf das Blatt. Er schüttelt den Kopf: «Und wo ist die richtig grosse Investition, in die Bildung, in die Gesundheit?»

Gut zu wissen

Klima Die beste Zeit für eine Nilreise ist von Mitte Oktober bis Mitte April. Danach wird es heiss.

Schiffe Die M/Y «Alyssa» ist ein gutes Mittelklasseschiff mit rund 60 Kabinen. Das Essen war sehr gut, das Personal unglaublich freundlich, das Sonnendeck gemütlich, das Interieur mit den Kunstsäulen und bunten Krokodilteppichen leicht gewöhnungsbedürftig. Wer es kleiner, gediegener und bei der Route flexibler mag, sollte eine Dahabiya nehmen, ein Segelschiff. Empfohlen sei etwa die «Merit». Es macht Sinn, die Fahrt etwas auszudehnen.

Auf Anfrage sind Nilfahrten bereits ab Kairo möglich. Eine einwöchige Rundreise samt Flug und privatem Guide ist alles in allem ab 1850 Franken pro Person im Doppelzimmer erhältlich.

Übernachten Als Traumhotel in Assuan gilt das «Old Cataract». In Luxor sind das «Jolie Ville Maritime», der «Winter Palace» oder das El Moudira zu empfehlen.

Der Moloch Kairo ist so rasch gewachsen, dass die drei Pyramiden von Gizeh, früher ein Erlebnis in der Wüste, mit der Stadt zu verschmelzen drohen. Seit 4500 Jahren stehen diese Grabmäler unverrückbar da. Für die grösste, die Cheopspyramide, schichteten damals 120 000 Arbeiter 2,4 Millionen Steine aufeinander, ein jeder im Schnitt drei Tonnen schwer. Und das alles für eine Person, für den Pharao, der als Stellvertreter Gottes auf Erden galt. Weder seine Mumie noch ihre Grabbeigaben wurden je gefunden. «Ein Rätsel bis heute», sagt Mahmoud.

Es werde davon ausgegangen, dass diesem Pharao zehnmal mehr Schätze als Tutanchamun mitgegeben worden seien. Auf dass er gut gerüstet sei für das ewige Leben. Die alten Ägypter waren nicht etwa todessehnsüchtig. Sie waren ganz im Gegenteil so voller Lebenslust, dass sie keinen Aufwand scheuten, um sich diese Existenz für immer zu verlängern.

Tempelwände mit Rezepten

«Sie fliegen also nach Assuan», sagt der traurig blickende Taxifahrer, «dort ist es sehr schön.» – Waren Sie schon mal da? «Nein, ich kenne es nur aus dem Fernsehen – wie die meisten Ägypter.» Er kommt in Fahrt: «Dort ist nicht das reale Ägypten, das ist nur für Touristen.» – Wo ist denn das echte Ägypten? «Geh mal in ein ärmeres Viertel, geh nach Imbaba.»

Das falsche Leben zwischen Assuan und Luxor fühlt sich richtig an. Eine Nilreise war im 19. Jahrhundert eine der ersten Pauschalreisen der Welt. Aus guten Gründen. Diese Tage – und man sollte sie auf so viele wie möglich ausdehnen – sind eine Verdichtung von Höhepunkten: Philae-Tempel, Kom-Ombo-Doppeltempel, Horus-, Karnak-, Luxor-Tempel. Zu sehen gibt es Königsgräber, Monumentalportale, Säulenhallen, Kolossalstatuen, Palmen, Gärten, Obelisken – und ein Krokodilbaby. Viele Oberägypter halten sich Krokodile als Haustiere, erklärt Mahmoud: «Wenn das Krokodil satt ist, dann ist es sehr freundlich.»

Ohne Nil kein Ägypten. Der blau-grüne Strich auf einer sonst wüstenbraunen Landkarte ist die Lebenslinie. Die Menschen leben seit je auf den rund acht Prozent des Landes, die an seinen Rändern erblühen, und versuchen, der Wüste noch ein paar Prozent mehr Leben abzuringen. Alle paar Sekunden kommt ein ägyptisches Kind auf die Welt. 2,5 Millionen pro Jahr.

Mahmoud sagt: «Der Mensch hat die Natur beobachtet und alles von ihr übernommen.» An den Wänden des Kom-Ombo-Tempels finden sich Rezepte, wie sie bis heute angewandt werden. Knoblauch fürs Herz, Petersilie gegen Mundgeruch. Hieroglyphen zeugen von Gebärstühlen, Chirurgenbesteck, einem Kalender samt Schaltjahr.

Immer wieder sind präzise Vorstellungen über das Jenseits eingraviert. Beim Totengericht wurde das Herz des Menschen gegen eine Feder abgewogen. Wogen die Sünden zu schwer, musste der Mensch sterben, diesmal aber wirklich. War sein Herz leicht, so ging das Leben weiter, wanderte aus dem Herzen die Seele – oft in Form eines Mistkäfers dargestellt. Mahmoud sagt: «Das Herz war sehr wichtig. Bis heute reden wir deshalb vom guten Herzen.»

Zurück am Steg, ist unser Schiff weg. Wir finden es versteckt hinter einem anderen. Später werden wir uns daran gewöhnen, bis zu drei parallel parkierte Schiffe zu durchqueren, bis wir auf das unsrige gelangen. Dabei ist derzeit nur ein kleiner Bruchteil der gesamten Touristenflotte unterwegs. 2010, vor der Revolution, zählte Ägypten 14 Millionen Touristen. Derzeit kommen etwa halb so viele – was bereits mehr ist als auch schon.

«Alles kommt zu uns, wie wir so fahren», schrieb Rainer Maria Rilke 1911. Denn das ist vielleicht das Schönste an einer Nilreise: Auf dem Bett der Schiffskabine das blaue Wasser, das grüne Ufer und den beige-bergigen Wüstenhintergrund vorbeiziehen zu sehen. Immer wieder tauchen Fischer in ihren kleinen Booten auf, wie malerische Statisten.

Auf der westlichen Nilseite Luxors, da, wo die Sonne untergeht, liegen die Toten in prächtigen Grabkorridoren. Im Osten wohnen die Götter in enormen Tempeln. Vor jeder Sehenswürdigkeit lauern Strassenhändler. Sie sind nicht eben zurückhaltend. Für die Touristen eine lästige Sache, für die Händler eine Angelegenheit von Brot und Miete.

Das Schauspiel der Händler

Unser Guide Mahmoud ist hin- und hergerissen: Er will uns vor den Händlern beschützen, gleichzeitig würde er seinen Landsleuten gerne helfen. Und wenn wir etwas kaufen, so hilft er uns beim Runterhandeln des Preises. Dabei kneift er die Augen zusammen und senkt die Stimme. Bis die Händler seufzend einlenken. «Sie sind sehr gute Schauspieler», sagt Mahmoud.

Am letzten Abend stellt sich uns ein letzter Händler vor dem Schiff in den Weg. Wir wollen nichts kaufen. Vielleicht, wenn ihr zurückkommt?

Rückflug: «Ägyptens Präsident Abdel Fattah al-Sisi ohne ernsthaften Gegenkandidaten bei Wahl», titeln die ausländischen Zeitungen. Al-Sisis potenzielle Konkurrenten wurden verhaftet oder verzichteten plötzlich. Die Umstände scheinen dubios und durchsichtig zugleich. «Jeder wird dich von den seinen überzeugen wollen, aber es gibt keine Wahrheit in Ägypten», sagt der Geschäftsmann auf dem Nebensitz. «Mit wem auch immer du sprichst, wirst du ein anderes Gesicht Ägyptens sehen. Und du wirst nie ein Bild festhalten können.»

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