Leitartikel

Einer kann neuen Schwung bringen

Baden, gestern Nachmittag in der Herbstsonne: Am 18. Oktober – spätestens im 2. Wahlgang am 22. November – wählen die Badenerinnen und Badener ihren neuen Stadtrat. Chris Iseli

Baden, gestern Nachmittag in der Herbstsonne: Am 18. Oktober – spätestens im 2. Wahlgang am 22. November – wählen die Badenerinnen und Badener ihren neuen Stadtrat. Chris Iseli

Martin Rupf über die Wahl eines neuen Badener Stadtrats am 18. Oktober 2015: «Vielen Wählern ist es egal, ob der neue Stadtrat links oder rechts tickt – sie wollen im Stadtrat eine Persönlichkeit.»

Wer wird Nachfolger von SP-Stadträtin Daniela Berger? Die Ausgangslage mit drei völlig unterschiedlichen Kandidaten verspricht Spannung. In der Regel werfen Ersatzwahlen keine hohen Wellen; nicht selten erbt ein Parteikollege den Sitz seines Vorgängers.

Doch in Baden präsentiert sich eine andere Situation. Erstens wittern die Bürgerlichen die grosse Chance, ihren im Frühling 2013 verlorenen Sitz wieder zurückzugewinnen und sich in der Exekutive wieder eine bürgerliche Mehrheit zu verschaffen.

Zweitens – und wohl für viele Badenerinnen und Badener viel entscheidender – ruht auf dem neuen Stadtrat die Hoffnung, er werde dank seiner Persönlichkeit neuen Schwung in die Stadtregierung bringen.

Ist einer, der eine Firma gut führt, auch ein guter Stadtrat?

Mit Jürg Caflisch (53) hob die SP als Erste ihren Kandidaten auf den Schild. Für viele Aussenstehende überraschend, gab die Parteibasis ihm und nicht Erich Obrist den Vorzug.

Denn während Obrist als gemässigter Linker gilt – und somit auch für Mitte-Wähler eine Option darstellt – erfüllt Caflisch alle Klischees eines «Bilderbuch-Linken». So war er Juso-Vorstandsmitglied, GSoA-Mitbegründer und beteiligte sich als junger Erwachsener an Häuserbesetzungen.

Zudem hat er als Grossrat und Präsident des Verkehrs-Clubs Sektion Aargau nie einen Hehl aus seiner stramm linken Gesinnung gemacht. Natürlich wäre seine Rolle als Badener Stadtrat eine andere, wie auch er immer wieder betont.

Doch trauen ihm die Wähler diesen Rollenwechsel zu? Zudem dürfte sich Caflisch bei vielen Wählern ins Abseits stellen, wenn er – zwar ehrlich und ohne taktisches Kalkül – bereits jetzt ankündigt, 2017 nicht gegen Geri Müller als Stadtammannkandidat antreten zu wollen.

Ganz klar ein Mann der Wirtschaft ist der FDP-Kandidat und Geschäftsführer der Meier Druck AG, Mario Delvecchio (56). Delvecchio punktet vor allem mit seiner offenen und direkten Art.

Wenn Delvecchio etwas nicht passt, dann spricht er es an (siehe Artikel auf Seite 27). Zwar bringt Delvecchio keine politische Erfahrung in Baden mit. Und doch ist er gut vernetzt und hat auf politischem Parkett schon das eine oder andere bewirkt.

So ist er Gründungsmitglied der «IG Dättwil – wo Baden boomt», die sich für gute Bedingungen für das Gewerbe in Dättwil einsetzt. Doch wäre er auch ein guter Stadtrat?

Der Brückenbauer, den es jetzt braucht? Genügt es, auf seinen Leistungsausweis als Unternehmer zu verweisen? Gewiss, Delvecchio ist einer, der anpacken kann. Er wirkt ehrlich und authentisch.

Doch stellt er es sich nicht zu einfach vor – erst recht in der momentan schwierigen Situation des Stadtrats –, wenn er die politische Arbeit mit dem Führen einer Firma vergleicht, wo man befehlen kann und keine Mehrheiten braucht? Ist er auch in der Lage, auf der Klaviatur der Politik zu spielen?

Einer, der diese Disziplin bestimmt beherrscht, ist der dritte Kandidat, Erich Obrist (55). Mehr als zehn Jahre lang sass er für die SP im Einwohnerrat und präsidierte während zweier Jahre die Finanzkommission.

Seine Kandidatur und sein Parteiaustritt sorgten für Wirbel. Die Frage muss erlaubt sein, ob Obrist nach dieser Aktion wirklich der dringend nötige Brückenbauer im Stadtrat sein kann, für den er sich selber gerne ausgibt.

Ihm aber nur egoistische Motive für seinen Sololauf zu unterstellen, würde der Sache nicht gerecht. Obrist zahlt einen hohen Preis, sollte er nicht gewählt werden, und er ist bereit, diesen Preis zu bezahlen, weil ihm «Politik einfach zu viel Spass macht», wie er sagt.

Wer bringt das Format eines Stadtammannkandidaten mit?

Bürgerliche Kreise werden nicht müde zu betonen, der «parteilose» Kandidat Obrist stehe nicht weniger links als der offizielle SP-Kandidat Caflisch – das würden die fast deckungsgleichen Smartvote-Spider der beiden Kandidaten zeigen.

Fakt ist: Erich Obrist hat nicht zuletzt als Einwohnerrat immer wieder bewiesen, dass er über die Parteigrenzen hinweg politisiert und sich auch nicht davor scheut, Anliegen vorzubringen, die man eher aus der bürgerlichen Ecke vermuten würde. So zum Beispiel mit dem Postulat «In Baden einkaufen trotz Baustelle».

Viele Wähler werden sich um parteistrategische Überlegungen foutieren; ihnen ist es egal, ob der neue Stadtrat links oder bürgerlich tickt. Für sie ist die Stadtratswahl eine Persönlichkeitswahl.

Sie wählen schlicht und einfach denjenigen Kandidaten, dem sie am ehesten zutrauen, neuen Schwung in den Stadtrat zu bringen und im Kollegium die grossen Herausforderungen gemeinsam anzupacken.

Aufgrund seiner Persönlichkeit und seiner Erfahrung und nicht zuletzt wegen seiner breiten Abstützung quer durch alle politischen Lager ist Erich Obrist am ehesten zuzutrauen, neuen Schwung in den Stadtrat zu bringen.

Dies auch im Hinblick auf die Gesamterneuerungswahlen im 2017 und auf die Frage, wer dannzumal das Format eines Stadtmann-Kandidaten hat. Obrist legte am Podium des «Badener Tagblatts» die Karten offen auf den Tisch: «Es würde mich sehr reizen, in zwei Jahren, wenn ich den Leistungsausweis als Stadtrat habe, als Stadtammann zu kandidieren.»

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