Kommentar

Aargauer Gemeindefusionen und der Traum vom Zukunftsraum

In meiner Schulzeit in den 1960ern zählte der Aargau über 230 Gemeinden. 1962 kam Dättwil zu Baden, 1970 Lauffohr zu Brugg, 1973 Sulz zu Künten. 1983 trennten sich Arni und Islisberg. Dann war lange Zeit Ruhe. Erst nach der Jahrtausendwende brach sich der Gemeindefusions-Gedanke breit Bahn. Wir erlebten eine Fünfer-Fusion im Mettauertal und einen Vierer-Zusammenschluss auf dem Bözberg (mit beträchtlichen Nachwehen). Anfang 2022 werden sie in den Schatten gestellt werden durch einen Achter-Verbund im Zurzibiet. Dann dürfte bald die 200er-Grenze unterschritten werden (aktueller Stand: 210 Gemeinden). Allerdings registrierte man auch wiederholt gescheiterte Fusionen.

2010 kam Rohr zu Aarau, im gleichen Jahr kam Neuenhof nicht zu Baden – auf Badener Seite fehlten 47 Stimmen. Erst in jüngster Zeit kam wieder Bewegung in die erstarrte Ost-Region, verantwortlich dafür ist ein junger Gemeindeammann aus Turgi, der in Baden andocken möchte. In der Region Aarau dagegen bewegt es sich seit Jahren. Der Zukunftstraum heisst Zukunftsraum. Ursprünglich träumten ihn elf Gemeinden, heute sind es noch fünf: Aarau, Suhr, Ober- und Unterentfelden sowie Densbüren. Kommt die neue Gemeinde zustande, sieht ihr Bann seltsam aus. Nicht nur der Jurakamm schiebt sich dazwischen, sondern auch ein Sperrriegel, bestehend aus Erlinsbach, Küttigen und Biberstein, die sich wie auch Buchs vom Traum abgewandt haben.

Was schliesslich vom Traum übrig bleibt, ist offen. In Suhr haben viele Mühe damit. Suhr ist halt selber gross. Und diese Woche wurde klar: Auch in Aarau ist die Sach- und Stimmungslage nicht so eindeutig, wie es lange aussah. Was treibt Gemeinden in eine Fusion? Finanzielle Vorteile und/oder Probleme bei der Besetzung der Miliz- und Verwaltungsstellen. Deshalb docken Kleine gerne bei Grösseren an. Was lässt die Menschen vor einer Fusion zurückschrecken? Die Angst vor Identitäts- und Demokratieverlust (keine eigene «Gmeind» mehr). Vor allem Kleinere haben Angst vor drohender Bedeutungslosigkeit im Verbund. Klar ist: Eine Fusion kann man nicht von oben verordnen, sie ist nicht einfach ein Verwaltungsakt. Man muss die Menschen mitnehmen. Auf ein richtig grosses, starkes, ausstrahlendes Zentrum muss der Aargau wohl noch lange warten.

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