Analyse

Ärztelöhne: Lösungen wären griffbereit

«Wer im Gesundheitswesen sparen will, bekämpft das Hauptübel, die Mengenausweitung», schreibt Anna Wanner in ihrer Analyse.

«Wer im Gesundheitswesen sparen will, bekämpft das Hauptübel, die Mengenausweitung», schreibt Anna Wanner in ihrer Analyse.

Zwischen den Ärzten und Gesundheitsminister Alain Berset fliegen derzeit Giftpfeile hin und her. Der Bundesrat hat das Gezeter der Ärzte schon länger satt: Letztere sträuben sich gegen Änderungen des Ärztetarifs Tarmed. Dabei haben sie die Misere selbst verschuldet. Als es der Ärzteschaft nicht gelang, eine mehrheitsfähige Reform zu verabschieden, passte der Bundesrat den veralteten Tarif eigenhändig an. Berset will so 470 Millionen Franken Prämiengelder sparen. Die Ärzteschaft wittert dahinter pure Böswilligkeit und beschwert sich auf allen Ebenen.

Der Streit eskalierte, als sich Berset im westschweizer Fernsehen RTS Ende Januar über jene Ärzte beklagte, die über eine Million Franken Lohn aus der Grundversicherung beziehen. Die Zeitung «Le Matin Dimanche» befeuerte die Debatte, als sie enthüllte, dass 133 Ärzte mehr als 1,5 Millionen Franken verdienen. Am meisten kassierte eine Radiologin mit 5,2 Millionen Franken in einem Jahr. Das Geld habe sie nur durch medizinische Leistungen verdient, ohne Verkauf von Medikamenten oder Labortests.

Der Präsident der Chirurgen, Josef E. Brandenberg, rechnete daraufhin in einem offenen Brief vor, dass ein Arzt mit einem Stundenlohn von 120 Franken 8333 Stunden pro Jahr arbeiten müsste, um auf einen Lohn von einer Million zu kommen. «Das wären 23,4 Stunden pro Tag, ohne Ferien, Sonn- und Feiertage, ohne Freizeit, auch ohne Schlaf.» Kurz: Das wäre unmöglich. Brandenberg sagt, dass es sich beim Millionen-Einkommen aus der Grundversicherung um reinen «Bschiss» handle.

Neue Technologien, veraltete Tarife

Das Problem: Der «Bschiss» ist heute halbwegs legal. Ein Arzt kann Leistungen nach Gutdünken abrechnen. Zwar müssen diese laut Gesetz wirksam, zweckmässig und wirtschaftlich sein. Die Kontrolle obliegt jedoch dem Patienten, der die komplizierten Positionen sowieso nicht versteht. Den Beweis, wie das System versagt, lieferten die Spezialärzte gleich selbst: Als Berset den Tarif 2014 erstmals abänderte, hätten die Spezialärzte 200 Millionen Franken einsparen sollen. Die Ausgaben stiegen munter weiter. Und die Krankenkassen verzeichneten mehr «Leistungen in Abwesenheit des Patienten».

Dabei müssen Vielverdiener oft nicht einmal tricksen. Die Abgeltung für bestimmte Eingriffe ist heute schlicht zu hoch. Ein grauer Star kann mit neuer Technik viermal schneller operiert werden. Bezahlt wird der Eingriff aber noch nach dem früheren Aufwand. Das führt dazu, dass Ärzte auf dem Papier 27 Stunden am Tag arbeiten, in der Realität aber einfach von einem veralteten Tarif profitieren.

Die gute Nachricht: Die Ärzte haben gemerkt, dass sie besser fahren, wenn sie den Tarif selbstständig ändern – und arbeiten daran. An die Stelle der vielen Einzelleistungen sollen neu Pauschalen treten. Das minimiert das Risiko, dass sich Ärzte nach Belieben selbst bedienen.

Allerdings sind nun auch die Spitalärzte unter Beschuss geraten. Vor einer Woche publizierte die «Rundschau» die Berechnungen eines Lohnspezialisten, wonach jeder vierte Chef- und Belegarzt mehr als 1,5 Millionen Franken verdiene. Der Ärzteverband FMH rief in einem Statement zu mehr Sachlichkeit auf und erklärte, dass es um 250 Chefärzte (0,7 Prozent der Ärzte) gehe.

Das Gros der Ärzte verdiene deutlich weniger. Die Aargauer Kantonsspitäler in Aarau und Baden sagen, es gebe bei ihnen keine Lohnsumme im siebenstelligen Bereich. Das Kantonsspital Baselland legte als Reaktion auf die Diskussion am Mittwoch die Löhne offen. Die 114 Kaderärzte würden zwischen 200'000 und 740'000 Franken verdienen, was ein durchschnittliches Jahresgehalt von 326'000 Franken ergebe.

Es ist müssig, darüber zu streiten, ob ein solcher Lohn normal ist. Er muss sicher der grossen Verantwortung und dem Engagement der Ärzte gerecht werden. Fragwürdig ist das Anreizsystem. Kaderärzte verdienen einen wesentlichen Teil ihres Einkommens nicht nur mit der Behandlung von Privatpatienten, sondern auch über Boni. Das bedeutet, sie erhalten mehr Geld, wenn sie mehr operieren. Seit 2012 wirtschaften die Spitäler auf eigene Rechnung und die Ärzte stehen unter Druck, Geld zu verdienen.

Wer im Gesundheitswesen sparen will, bekämpft das Hauptübel, die Mengenausweitung. Unnötige Behandlungen treiben die Kosten in die Höhe, nicht die Löhne der Ärzte. Das Rezept dagegen wäre einfach: Ärzte sollten weder unter wirtschaftlichem Druck arbeiten noch daran verdienen, wenn sie mehr operieren. Transparenz wäre ein erster Schritt. Nur: Das wollen die Ärzte ebenso wenig wie einen fixen Lohn.

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Anna Wanner

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