Analyse

Alle Lust will Ewigkeit: Eine Hymne auf den ewigen Sommer 2020

Ewiger Sommer? Als hätte Petrus mit uns, den Virologen und Bundesrat Alain Berset einen Pakt geschlossen.

Ewiger Sommer? Als hätte Petrus mit uns, den Virologen und Bundesrat Alain Berset einen Pakt geschlossen.

Eines Tages werden wir sagen: Gott sei dank, herrschte damals im 2020 der ewige Sommer.

Eine Rose hat keine andere Aufgabe, als schön zu sein. Genauso ist es mit dem Sommer: Er hat nichts anderes zu tun, als uns mit Sonnentagen zu beschenken. Er tat es 2020 so grosszügig wie selten – zwischendurch vier Tage Regen, dann wieder 30 Tage Sonnenschein.

Der ewige Sommer fühlt sich an wie ein Ball, bei dem die Menschen allein gelassen wurden: Kein Uber, keine Mamma und kein Papa kommen, um uns abzuholen, um uns ins Bett zu bringen. Wir tanzen weiter, das Glück im Arm, die melancholische Abendsonne lauernd im Hintergrund. Und tanzen wir nicht selber, schauen wir dem Geschehen zu, ein Champagner-Glas in der Hand, das wir aber schneller leeren als gewohnt, denn wir wissen, was da bald auf uns zukommen wird. Egal? Wir sind jetzt alle Jünger Friedrich Nietzsches geworden, glauben zutiefst an seinen Traum: «Doch alle Lust will Ewigkeit –, will tiefe, tiefe Ewigkeit!»

Als wir zu schlendern begannen

Erinnern Sie sich an den Hitzesommer 2018? Es war eine Zeit, die unsere Lebensidee im Ansatz genüsslich veränderte. Seit Januar 2020 rüttelt das Coronavirus an den Grundfesten dieser Idee. Doch rufen wir uns noch einmal ins Gedächtnis, wie wir 2018 unser Leben umstellten: Um 8.30 Uhr eilten wir nicht ins Büro oder auf den Bus, sondern schlenderten ihm entgegen. Wir huschten um 9 Uhr nicht verstohlen beim Kaffeehaus vorbei, sondern nahmen Platz, merkten, dass die ersten E-Mails auch in Ruhe hier gelesen werden konnten – oder eben erst später. Der Chef brachte um 15 Uhr Glaces an die Tische! Gewisse Mitarbeiter waren dann schon zu Hause, da sie sagten: «Ich mache heute Homeoffice.»

In der Nacht konnten wir nicht schlafen, also liebten wir uns. Am nächsten Tag sorgten wir dafür, dass die Überzeit kleiner wurde, nahmen frei, stiegen auf die Berge und genossen auch mal das Nichtstun. Aus der Sonne lächelte spätestens gegen 18 Uhr ein sinnlich lasterhaftes Versprechen: Die Strassen und Gassen wurden zur Piazza, die Fluss- und Seeufer zur Spiaggia. Die Hitze schenkte uns eine nicht mehr gekannte Freiheit, verlieh Wil wie Kriens ein mediterranes Flair, von dem wir immer geträumt hatten.

Nicht mal die Bauern können klagen

Der Sommer 2020 war kein Hitzesommer trotz ein paar kolossal heissen Tagen Anfang August, aber er war ein famoser frühlingshafter Sommer. Und 30 Grad am 16. September sind nicht ohne! Aber keiner muss zurzeit klagen und jammern, dass er in der Nacht nicht schlafen kann: Eine angenehme Taufrische legt sich ab Mitternacht über die Schweiz, die Wohnungen bleiben kühl und selbst die ewigjammernden Bauern jubeln. Es gibt Schweizer Winzer, die machen dieser Tage jeden Morgen einen Salto ob des Wetters. Die letzten Tage vor der Ernte werden die Trauben von der Sonne liebkost.

Virologen und Bundesrat Berset bitten Petrus wohl auch ab und zu, dass er diesen Zustand der ewigen Leichtigkeit noch möglichst lange bestehen lässt. Der ewige Sommer hilft, einen noch steileren Anstieg der verfluchten Coronakurve abzuschwächen.

Den Gefühlskleinsparern ist klar, dass es nicht so sein wird, sie wissen, wie es kommen wird, sie sind ja auch Menschen, die niemals katastrophalen Zusammenbrüchen ausgesetzt sein werden. Wir anderen aber hoffen, ja glauben fest, dass der Sommer 2020 ewig bleibt. Wir brauchen nicht immer die Wahrheit hören.

Eine Badeanstalt mitten in Zürich wird noch bis 3. Oktober «Silent Parties» bieten: Freiluftpartys mit Knopf im Ohr. Nicht auszudenken, was dieser Tage bei 8 Grad und Regenwetter passieren würde. Wer weiss, ob wir eines Tages nicht sagen werden: Gott sei dank, herrschte damals im 2020 der ewige Sommer.

«Läb wohl du schöne Summer, du söttisch no nid gaa» heisst es im melancholischen Kinderlied «Jetzt fallet d’Blettli wieder». Die Schwalben werden sich auch dieses Jahr nicht aufhalten lassen.

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Autor

Christian Berzins

Christian Berzins

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