Das Grossratspräsidium wird aus gutem Grund jedes Jahr neu besetzt. Alle Parteien kommen so abwechselnd zum Zug, Präsident oder Präsidentin können sich profilieren und haben bei Uneinigkeit den Stichentscheid. Diese Wahl ist für die Kandidaten, nach zwei Jahren Vizepräsidium, in der Regel eine Formsache. So auch am Dienstag, als Renata Siegrist zur diesjährigen Präsidentin des Grossen Rats gewählt worden ist. Die Grünliberalen besetzen dieses Amt damit zum ersten Mal.

Dass 41 Parlamentarier ihre Stimme nicht Siegrist gaben und ihr damit das schlechteste Resultat der letzten Jahre bescherten, verleiht der Wahl einen bitteren Beigeschmack. Über die Gründe kann man nur spekulieren, es liegt aber nahe, dass Siegrists Parteiwechsel von der FDP zur GLP vor knapp zehn Jahren bei ihrer Ex-Partei noch nicht verdaut ist. Es kann auch sein, dass es einzelnen Parlamentariern nicht passt, dass eine kleine Nicht-Regierungspartei jetzt die höchste Aargauerin stellt.

Beides widerspricht der Kollegialität, die im Parlament herrschen sollte. Eine Grossratspräsidentin ist einer gewissen Neutralität verpflichtet, sie muss die Sitzungen leiten und den Grossen Rat gegen aussen und innen vertreten. Parteipolitisches Geplänkel sollte weder bei der Wahl noch bei der Ausübung des Amts Platz haben. Es ist weder für den Ratsbetrieb noch für wichtige Entscheide, die in diesem Jahr gefällt werden sollen, sinnvoll, dass 41 Grossrätinnen und Grossräte ein «Zeichen» setzen wollten. Mehr als Misstrauen haben sie damit nicht geschaffen.

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So viele Stimmen holten die Grossratspräsidentinnen und -präsidenten, seit das Kantonsparlament nur noch 140 Mitglieder zählt: