Gastkommentar

Apropos «Black Lives Matter»: Warum protestiert eigentlich niemand gegen den Kindlifresser-Brunnen?

Der Kindlifresserbrunnen auf dem Kornhausplatz in Bern.

Der Kindlifresserbrunnen auf dem Kornhausplatz in Bern.

Der Berner Kindlifresser-Brunnen ist eine Touristenattraktion. Eine Fasnachtsfigur? Nein. Hinter der Figur verbirgt sich eine ganz andere Geschichte. Es geht um Judenfeindlichkeit. Ein Gastbeitrag.

Vor wenigen Tagen haben auf dem Bundesplatz in Bern etwa 300 Personen gegen Rassismus demonstriert – in Anlehnung an die weltweiten Proteste gegen die Tötung Schwarzer durch Polizeibeamte. Nur wenige Schritte vom Bundesplatz, am Kornhausplatz, steht seit Jahrhunderten der Kindlifresser-Brunnen. Wir alle kennen ihn; ein Besuch gehört noch heute zum Pflichtprogramm jeder Schulreise ebenso wie zum Programm in- und ausländischer Touristen.

Diese bekannte Brunnenfigur in der Berner Altstadt wird bei Stadtführungen als «humorvolle Fastnachtsfigur und Kinderschreckfigur» oder als «Darstellung des antiken Gottes Saturn oder Chronos» gedeutet, die um 1500 entstanden ist. Damit wird noch heute der wahre Hintergrund verschleiert.

Dargestellt ist keine Fastnachtsfigur, sondern ein Jude mit dem typischen, nach oben verlaufenden Spitzhut («Judenhut»). Diesen Hut mussten die Juden im Mittelalter als Erkennungszeichen tragen; später wurde der Hut durch den «Judenstern» (Davidstern) abgelöst. Der monströse Jude verschlingt eben einen kleinen nackten Buben; in einem umgehängten Sack des «Kindlifressers» befinden sich weitere Kinderopfer.

Diese grausliche Tat geht auf die Ritualmordlegende des späten Mittelalters zurück. Damals beschuldigte man die Juden satanischer Verbrechen: Ritualmorde, oft verbunden mit Kindesentführung, Hostienfrevel, Brunnenvergiftung. Ritualmordlegenden behaupteten, dass Juden christliche Kinder schlachten, deren Blut in ihr Passahbrot (Mazzen) einbacken und damit Unheil auf die Christen herabbeschwören.

Es kam zu Schauprozessen, unter Folter erzwungenen «Geständnissen» und schliesslich zu Pogromen; die meisten Juden Berns wurden im Mittelalter auf diese Weise vernichtet.

Der Kindlifresser-Brunnen ist somit eine judenfeindliche Skulptur inmitten unserer stolzen Bundeshauptstadt. Dieser Sachverhalt wird bis heute verdrängt. Man behauptet gegen besseres Wissen, der Kindlifresser-Brunnen sei eine «humorvolle Fastnachts- und Kinderschreckfigur» (Wikipedia), was unwahrscheinlich ist, denn die bernische Obrigkeit hatte die Fasnacht nach der Reformation 1529 verboten und hätte kaum eine Fastnachtsfigur als Brunnenskulptur geduldet.

Eine dunkle Geschichte aus dem Mittelalter

Die historische Wahrheit: Der Kindlifresser-Brunnen geht auf den Ritualmordvorwurf von 1294 zurück. Dieser wurde in Bern benutzt, um die jüdische Bevölkerung zu drangsalieren. Im 15. Jahrhundert förderte man in Bern die Erinnerung an die grausliche Tat durch eine Heiligenverehrung und die Beisetzung des vermeintlichen kindlichen Mordopfers Rudolf im Kreuzaltar der Kirche.

Noch 1857, als der Brunnen restauriert wurde, konnte man in der Berner Presse lesen, der Brunnen erinnere an ein Ereignis, als «die Juden in dieser Stadt ein Christkind langsam zu Tode marterten – kreuzigten, woraufhin sie vom Rat von Bern verbrannt worden seien». Zur gleichen Zeit hatte der Berner Pfarrer und Chronist Karl Howald in einer Abhandlung über den Kindlifresser-Brunnen diesen mit der (angeblichen) Ermordung des Knaben Rudolf durch zwei Juden in Verbindung gebracht.

Der 17. April, der Namenstag dieses «Heiligen Rudolf von Bern», ist heute noch im offiziellen Heiligenkalender zu finden, der Grabstein des vermeintlichen Mordopfers Rudolf an der Kirchenwand zu sehen. Der Ritualmordvorwurf wird somit bis in die Gegenwart als Faktum in Geschichtsbüchern und anderen Überlieferungen kolportiert.

Auch am Bodensee gibt’s das judenfeindliche Motiv

Ein ähnliches Beispiel: Am Bodensee besteht eine Kapelle, in der ein Andachtsbild mit einem Buben zu sehen ist, der angeblich von Juden getötet worden sei. Noch heute wallfahrten Menschen regelmässig zu dieser Kapelle, um für den ermordeten Knaben zu beten.

Was ist zu tun? Sicherlich müssten wir uns heute der Wahrheit verpflichtet fühlen und die fadenscheinige «Fastnachtslegende» begraben, die nach wie vor in Stadtführungen, Tourismusinformationen, Geschichtsbüchern unkritisch verkündet wird. Wir müssen den Mut aufbringen, den antisemitischen Charakter der Kindlifresser-Figur zuzugeben.

Ein Minimum wäre ein entsprechender Erklärtext in Deutsch und Englisch, in dem die Skulptur in ihren historischen Kontext eingebettet wird und sich die Stadt Bern «unmissverständlich» vom Charakter dieser judenfeindlichen Brunnenfigur distanziert.

Die Wurzeln von Hass, Rassismus, Antisemitismus gehen oft auf Traditionen zurück, die unkritisch über Jahrhunderte überliefert werden. Die «Black-Lives-Matter»-Debatte ist ein willkommener Anlass, unsere eigene Kultur nach solchen menschenverachtenden Überlieferungen zu durchkämmen. Denkmäler können Versöhnung behindern und alte Vorurteile zementieren.

Meistgesehen

Artboard 1