Gastkommentar

Befreien wir uns von Ängsten und Hysterie: Lasst uns wieder leben!

Die Angst in unseren Köpfen: «Öffnen wir unsere Wirtschaft, uneingeschränkt!»

Die Angst in unseren Köpfen: «Öffnen wir unsere Wirtschaft, uneingeschränkt!»

Unser Kolumnist, der Rechtsprofessor Peter V. Kunz, gehört selber der Corona-Risikogruppe an. Doch mehr Sorgen als die gesundheitlichen Risiken der Pandemie macht ihm etwas anderes: «Wir erleben aktuell eine mutwillige Zerstörung der Wirtschaft», schreibt er.

Eigentlich wollte ich nicht schon wieder über die Coronakrise schreiben, nicht nochmals! Meine letzte ­Kolumne endete wie folgt: «Die Schweizer Wirtschaft kann und wird nicht durch den Verkauf von WC-Papier allein überleben.» Ich hoffte damals auf die «Präventivfunktion» des Bundesparlaments, doch vergeblich, wurden doch die Bundesausgaben weiter erhöht.

Gibt es irgendein anderes Thema als COVID-19? Kaum, immerhin las ich in der NZZ einen Beitrag zum Duzen («Mit dem Kunden per Du»), ohne Bezug zum Coronavirus – tatsächlich.

Wir erleben aktuell eine mutwillige Zerstörung der Wirtschaft, offenen Auges. Viele KMU, das Rückgrat unserer Volkswirtschaft, haben keine Perspektive, Bürgschaftskredite hin oder her – und die Arbeitslosigkeit steigt. Dies liegt nicht allein an den behördlichen Vorgaben, sondern letztlich an uns allen, die wir wie Kaninchen vor der Schlange verharren, hypnotisch fasziniert von unserer eigenen Ohnmacht.

Nicht jedermann, der sich kritisch zeigt, ist ein Verschwörungstheoretiker und macht Bill Gates oder «dunkle Mächte» verantwortlich.

Lämmer auf der Schlachtbank

Dass sämtlichen Ländern – somit uns allen – eine tiefe Rezession bevorsteht, nehmen die meisten Menschen erstaunlich (und erschreckend) gelassen hin. Wie war das mit «Lämmern und der Schlachtbank»? Ökonomen prognostizieren die schlimmsten wirtschaftlichen Verwerfungen seit dem Zweiten Weltkrieg, ja sogar seit der Grossen Depression der 1930er Jahre.

Und nicht in «20Minuten», sondern auf der Frontseite der «Financial Times» las ich die Prognose der britischen Nationalbank, dass die verheerendste Rezession seit 300 (!) Jahren erwartet wird, seit dem «great frost» von 1709. Deshalb mein etwas hilfloser Weckruf:

Ich bin kein Gesundheitsexperte, doch seien wir ehrlich: Welcher Virologe, Epidemiologe oder sonstige Experten-Loge weiss zuverlässig, was Sache ist? Die mäandernden Aussagen zur (Un-)Wirksamkeit von Schutzmasken waren ein eindrückliches Beispiel zum «Stochern im Nebel».

Digitale Vorlesungen an der Uni - der Erfolg ist nicht sicher

Selbstverständlich vollziehe ich als Dekan der zweitgrössten (und besten) juristischen Fakultät der Schweiz, was mir «von oben» vorgegeben wird. Wir organisieren an der Uni Bern nicht allein digitale Vorlesungen, sondern ebenfalls digitale Prüfungen, deren «technischer Erfolg» alles andere als sicher ist, und die Tür und Tor für Schummeleien öffnen.

Letzte Woche führte ich mein Seminar zum Tierrecht mittels Videokonferenz durch – und es funktionierte gut. Doch wir sind keine Fernuniversität und sollten es nicht werden.

Natürlich beachte ich beruflich und privat die Empfehlungen zu Hygiene und «social distancing». Trotzdem erstaunt mich die andauernde Panik bei vielen Menschen mit bangen Fragen: «Kommt eine zweite Welle?» – «Ja.» – «Können wir dies mit Schutzmasken und Desinfektionsmitteln verhindern?» – «Nein.» – «Wird es weitere Tote geben?» – «Ja, ganz bestimmt».

Ich gehöre selber zu den beiden grössten Corona-Risikogruppen

Wer mir Zynismus vorwirft, sollte wissen, dass ich persönlich zu den beiden grössten «Corona-Risikogruppen» überhaupt gehöre (wenn auch nicht betreffend Alter). Na, und?

Die wirtschaftlichen Risiken erachte ich indes als wesentlich grösser als die gesundheitlichen, bei denen mehr Gelassenheit angebracht wäre. Der Bundesrat war zu Beginn untypisch schweizerisch: schnell, engagiert und mutig; heute agiert er wieder typisch schweizerisch: langsam, träge und übervorsichtig.

Die Schweiz sollte wieder geöffnet werden, sofort sowie uneingeschränkt. Und es beginnt bei jedem von uns, indem wir uns selber im Kopf befreien, insbesondere von Ängsten und hypochondrischer Hysterie: Wir müssen wieder leben!

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