Gastkommentar

Bei der Coronakrise sind wir das Risiko: Die Alten

Das Ideal vom aktiven Senior wurde von der Coronakrise überholt. «Bleibt zu Hause!», lautet das Gebot.

Das Ideal vom aktiven Senior wurde von der Coronakrise überholt. «Bleibt zu Hause!», lautet das Gebot.

Ein Gastkommentar von Ludwig Hasler.

Ich bin 75. Mit lädierter Lunge. Ich gehöre zur Gruppe der «Vulnerablen».

Unfassbar, was zu meinem Schutz unternommen wird: Grenzen geschlossen, öffentliches Leben gestrichen, Kontakte verboten, Schulen dichtgemacht, Geschäfte lahmgelegt, Industrie gedrosselt, Militär und Zivilschutz mobilisiert.

Wir sind im Krieg, sagen manche. Ein schiefer Vergleich, auch weil das neue Virus gnädiger ist als die alten Kriege: Es trifft uns Alte, verschont die Jungen. Klinische Daten der ersten 355 Toten Italiens sprechen klar: Durchschnittsalter 79,5. Vor allem Männer.

99 Prozent litten an chronischen Krankheiten, die heute Vorerkrankung heissen: Diabetes, Krebs-, Herz-, Lungenleiden. Die fünf Opfer unter 40 waren Risikopatienten. Vereinzelt starben seither auch Jüngere, wie stets, der Mensch ist unerforschlich. Die ersten fünf Toten im Kanton Zürich jedoch: 78, 80, 88, 96, 97. Alle mit Vorerkrankungen.

Hoffnungslos ist unsere Lage nicht. 85 Prozent sogar der über 80-Jährigen überstehen eine Infektion – was auch heisst: 15 Prozent nicht. Da in der Schweiz um 450'000 über 80 sind, kann die Zahl der Toten rasch steigen – und das Gesundheitssystem ruinieren.

Daher: Vorsicht, Kollegen! Und trotzdem nicht vergessen: Der Mensch ist – letztlich – nicht zu retten. Wir sterben eh, 100 Prozent. Weshalb der obligate Satz an Pressekonferenzen – «Jeder Tote ist einer zu viel» – reichlich weltfremd wirkt. Manche, die jetzt sterben, hätten auch ohne Covid-19 wenig länger zu leben.

Und bei manchen Verstorbenen, sagen Ärzte, sei ungewiss, ob sie tatsächlich am Virus gestorben sind – oder eher mit ihm. So dass es uns nicht gross wundern müsste, sähe Ende Jahr die Sterbe-Statistik verblüffend «normal» aus.

Es geht aber nicht nur um mich, den gefährdeten Alten. Eher darum, die Gesellschaft vor einem Schlamassel mit uns Risikopatienten zu ver­schonen. Wie könnte der Staat das Leben fast aller andern stilllegen, bloss damit ich jetzt nicht sterbe? Und falls ich dann bloss ein halbes Jahr weiterlebe, wäre das den Einsatz der Armee wert?

Muss ich durchhalten bis 150? Nein, Sinn macht das nur, wenn etwas Wichtigeres verhindert werden soll als mein individueller Tod: der Kollaps der Spitäler. Ob man dafür den Kollaps von Arbeitswelt und Kultur riskieren soll, darf man sich natürlich fragen. Fraglos allerdings ist: Wir Alten haben nicht bloss ein Risiko. Wir SIND eines. Wir sind DAS Risiko.

Darum mache ich seit Wochen auf Einsiedler. Ich gehörte nicht zu denen, die noch kürzlich so zahlreich durch die Alpstein-Region schwärmten, dabei so fidel die Postautos und Züge überfielen, dass der Innerrhoder Krisenstab gebieten musste: An die frische Luft solle man gefälligst am Wohnort. Kann es sein, dass die Gefährdung in manchen den Galgenhumor weckt – so nach dem Motto: «Und wenn es mich erwischt – ich lebe eh nicht ewig, ich hatte ein gutes Leben»?

Selbst wo so etwas zu hören ist, wirkt es wenig glaubhaft. Typisch für meine Generation ist eher, dass im Ernst keiner an seinen eigenen Tod glaubt. Wir sind die lebenslang Verschonten. Schicksal? Katastrophen? Kennen wir nicht. Vielleicht privat. Gesellschaftlich sind wir stets glatt davongekommen.

Wir Babyboomer sind die verwöhnteste Generation, die je über den Planeten spazierte. Ab 1945 ging es stets aufwärts, mit der Freiheit, dem Wohlstand, dem Wachstum. Mehr Bildung, mehr Freizeit, mehr Sicherheit, mehr Komfort, steigende Renten, Autos für alle, Spitzenmedizin, Smartphones, Spitex, Rega...

Nicht dass wir faul gewesen wären, oh nein, wir waren fleissig am Werk, oft richtig tüchtig, stets nach der Devise «Erst die Arbeit, dann das Vergnügen». Der Lohn dafür fiel üppig aus. Der Lauf der Welt war uns gewogen, Kriege und Kata­strophen blieben uns erspart. So begannen wir allmählich zu glauben, wir hätten das alles verdient, all das, was besser geworden ist, sei unser Verdienst, nicht unser Glück.

In dieser Mentalität hörten wir im Februar die frühen Nachrichten aus China, aus Südkorea. Noch als die Hiobsbotschaften aus Italien kamen, dachten wir: Aber doch nicht bei uns. Waren nicht auch all die übrigen internationalen Plagen – Schweinegrippe, Rinderwahn, Ebola, Vogelgrippe – an uns vorbeigezogen? Warum wohl?

Die Überlegenheit unserer Medizin, unsere Hygiene, unsere saubere Luft! Alles haben wir im Griff, technisch, organisatorisch, logistisch. Das Schicksal hat hier ausgespielt. Auch mir ging es wie Franz Steinegger: Er habe es erst kapiert, als sein Sohn ihm sagte, du bist über 70, im Ernstfall kriegst du kein Beatmungsgerät. So ist es grad das diffuse Gefühl von Unverwundbarkeit, das uns verletzbar macht.

Es erwischt uns auf dem falschen Fuss. Wir sind ja prächtig drauf, auch mit 75 nicht wirklich alt im klassischen Sinne. Es gibt uns einfach schon lange. Und nicht im Traum denken wir daran, still zu sitzen. Unser Ideal: der aktive Senior, fit, erlebnishungrig, unternehmungslustig. Stets in Bewegung, auf Reisen, auf E-Bike-Tour, zur nächsten Kreuzfahrt. Nichts mit ruhigem «Lebensabend», keine Ohrensessel-Gemütlichkeit.

Und jetzt das Gebot «Bleibt zu Hause!» Okay, nur – wie geht das? Es dämmert uns: Wir haben verlernt, was das Altern stets auszeichnete – so etwas wie Seelenruhe, eine innere Gelassenheit, die uns unabhängig macht vom aufgeregten Weltbetrieb. Könnten wir jetzt prima brauchen. Siehe Peter Bichsel, 85: sitzt seit Jahren einfach da, beobachtet und tagträumt, trinkt Wein, liest Klassiker.

Äusserlich passiert nichts, doch was für ein Leben, welch ein Reichtum an Empfindungen, welche innere Bewegtheit! Welche Freiheit! Mag sein, wir taugen nicht alle zu kleinen Bichsels. Doch ganz ohne dies hängen wir am Gängelband organisierter Ereignisse und konsumierbarer Erlebnisse, ohne die sind wir hohl, hilflos, depressiv. Der Staat kann da nicht einspringen. Für mein Leben in Kopf und Herz bin ich selber zuständig.

Was nun das Sterben angeht: Das mag schon leichter gefallen sein – mit Ausblick auf ewige Jagdgründe, Walhalla, Paradies, Himmel. Alter war Übergang, die Frist unwichtig, Hauptsache, man hatte gute Karten für den Übertritt. Heute? Altern als Endstation?

Dann kleben wir an ihm, denn wenn das Alter zum Ende kommt, ist auch Schluss mit mir. Darum sträuben wir uns gegen ein Bichsel-Altern, holen aus dem Leben lieber noch heraus, was es hergibt. Und der Tod? Er wird zum Skandal («Jeder Tote ist einer zu viel»!). Und der ist hinauszuschieben, mit allen Mitteln.

Solche Denkweisen sind nicht alterstypisch. Sie durchziehen die Gesellschaft insgesamt – und erweisen sich in Zeiten der Pandemie als Stolpersteine. Bestenfalls merken wir dann auf: Nicht jedes Debakel ist mit staatlichen Massnahmen zu glätten.

Debakel fallen nicht vom Himmel, sie entstehen mit bestimmten Lebens­weisen. Können wir die ändern? Das Alter wäre ideal, das mal zu versuchen. Wir haben ja sonst nichts zu tun.

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