Ich werde nie mehr Bikinioberteile tragen, zumindest in Ländern, in denen ich das darf. Das entschied ich diesen Sommer. Es störte mich schon immer, wie meine Brüste, jetzt, zum Ende des Sommers, wie LED-Scheinwerfer leuchteten, während der Rest des Körpers schön braun gebrannt war.

Ich hasste es, wie der nasse Stoff nach dem Schwimmen kalt an meinem Oberkörper klebte. Metallverschlüsse und Knoten drückten immer dann in die Haut, wenn ich entspannt auf dem Rücken lag. Ungemütlich!

Und ja, auch weil ich finde, dass Frauen die gleiche Freiheit zusteht wie Männern. Eine körperliche Freiheit, die sich besonders im Sommer, in der Sonne und an einem Gewässer fast ganz nackt einfach noch besser anfühlt als halbnackt.

Liebe Frauen, sind Sie schon einmal mit nackten Brüsten geschwommen oder haben sie der Sonne entgegengestreckt? Tun Sie es.

«Sieh’ dir die an!»

Es kostet mich Mut, dies zu schreiben. Nicht, weil ich fürchte, jetzt könnte bei Ihnen das Kopfkino losgehen. Ich bin überzeugt, Sie haben in Ihrem Leben schon zu viele nackte Brüste gesehen, als dass meine beiden Sie ernsthaft beschäftigen würden. Es ist die Angst vor Ihrem Urteil, liebe Leserin, lieber Leser. Wer in einer persönlichen Kolumne das Oben-ohne-Sonnenbaden zum Thema macht, exponiert sich. Und Sie könnten denken: Wer über nackte Brüste schreibt, will Aufmerksamkeit. Erhascht mit ein paar Zeilen über sich selbst.

Dass ich so sehr fürchte, Sie könnten mich nun in die Ecke der Selbstdarstellerinnen stellen, entlarvt das Problem: Nackte Brüste in der Öffentlichkeit sind oft und noch immer provokativ. Frauen, die sich ungern in unbequeme Kleidungsstücke zwängen und darum auf diese verzichten, geraten unter Verdacht. «Sieh’ dir die an!» heisst es dann, und zwar verächtlich.

Bitte einhüllen!

Die Einengung des weiblichen Körpers hat jahrhundertelange Tradition. Vor 50 Jahren entledigten sich die Frauen erstmals des Büstenhalters, indem sie ihn verbrannten. Ohne grossen Nachhall allerdings: Heute geht kaum eine Frau ohne BH aus dem Haus, vor allem junge Frauen nicht. Individuelle Befreiungsschläge sind ein Kraftakt und werden abgestraft mit Beachtung, die man sich nicht wünscht. In einer Gesellschaft, in der die Werbung, die Medien und die Künste Frauen nach wie vor sexy, verführerisch und oft auch halbnackt darstellen, ist es heuchlerisch, Frauenkörper gleichzeitig als etwas Privates und damit unbedingt Einzuhüllendes zu deklarieren.

Auf Instagram und Facebook sind Brustwarzen ganz verboten. Fotos von nackten Brüsten löschen die Plattformen. Was Facebook als Image-Kampagne lancierte, um die Plattform von «anstössigen Inhalten freizuhalten», wie das soziale Netzwerk in seinen «Community Standards» schreibt, zementiert eine Scheinheiligkeit: Wer sich selbst natürlich darstellt – mit nacktem Oberkörper etwa – wird zensuriert. Wenn Medien aber den Frauenkörper als stereotypes Lustobjekt zeigen und visuelle Reize für ökonomische Zwecke einsetzen, ist das okay.

Besonders beliebt bei Medien und auf Social-Media-Plattformen: Fotos von Dingen, die an Brüste erinnern, die aber – da kann man drehen und wenden wie man will – keine Brüste sind.

Besonders beliebt bei Medien und auf Social-Media-Plattformen: Fotos von Dingen, die an Brüste erinnern, die aber – da kann man drehen und wenden wie man will – keine Brüste sind. 

Provoziere ich ihn? 

Vor ein paar Wochen also sonnte ich mich oben ohne und alleine an der Aare, als ein Bekannter meiner Eltern vorbeikam. Wir plauderten, irgendwann setzte er sich neben mich auf sein Badetuch. Dass ich kein Bikinioberteil trug, war mir unangenehm. Provoziere ich ihn? Versteht er meine nackten Brüste als Freipass zur Anmache? Oder ist er einfach nur irritiert? Ich fragte, ob ich etwas anziehen soll. «So besonders ist das nun auch wieder nicht. Als ich in deinem Alter war, trugen fast alle Frauen kein Bikinioberteil.»

Meine nackten Brüste interessierten den Freund nicht die Bohne. Das nenne ich Freiheit.