Es ist unfassbar, was in Zürich geschehen ist: Da streckt ein sogenannter FCZ-Fan – schweizerischer Nationalität - einen 40-jährigen Familienvater vor den Augen von dessen zwei kleinen Kindern brutal nieder. Das Opfer wird schwer verletzt. Es ist bis heute nicht einvernahmefähig. Was für eine Schande!

Der Täter ist geständig, er hat sich am Freitag der Kantonspolizei Zürich gestellt. Gut möglich, dass der soziale Druck aus seinem Umfeld zu gross geworden ist – wir wissen es nicht. Es wäre immerhin ein Zeichen dafür, dass es in Fanszenen so etwas wie soziale Kontrolle gibt.

Fangewalt ist in der Schweiz traurige Realität, auch wenn Vorfälle wie in Zürich glücklicherweise einmalig sind. Vereine, Verband und Politik haben die Sache nach wie vor nicht im Griff. Selbst Sportministerin Viola Amherd gab in einem viel beachteten TV-Interview im Juni unumwunden zu, dass sie mit einem Gottikind kein Hochrisikospiel besuchen würde. Das darf doch nicht wahr sein!

Es wäre zu wünschen, dass die Justiz im Falle von Zürich ein hartes Urteil fällen wird. Der gewaltbereiten Szene muss signalisiert werden, dass die Gesellschaft derlei Verhalten niemals tolerieren wird. Darüber hinaus ist es aber unerlässlich, dass die Vereine stärker in die Pflicht genommen werden. Sie kennen diese Übeltäter bestens, sie wissen, wer sich in ihren Fankurven aufhält. Der Verweis darauf, dass Fussballvereine keine gesellschaftlichen Probleme lösen könnten, ist eine billige Ausrede. Natürlich können sie das nicht. Aber zumindest eine ernsthafte Mithilfe im Kampf gegen Gewalt wäre gefragter denn je.

Ausschreitungen in und rund um Schweizer Stadien sind zwar nicht an der Tagesordnung – Clubs und Politik haben das Thema aber nicht im Griff. (Archivbild: Keystone)

Ausschreitungen in und rund um Schweizer Stadien sind zwar nicht an der Tagesordnung – Clubs und Politik haben das Thema aber nicht im Griff. (Archivbild: Keystone)

Es nützt wenig, wenn der FC Zürich den Gewaltakt gegen den Familienvater verbal «scharf» verurteilt. Der Verein muss, wie alle anderen Spitzenklubs des Landes auch, ohne Rücksichten auf ökonomische Überlegungen enger mit Polizei und Politik zusammenarbeiten, um der Sache Herr zu werden. Alles andere ist scheinheilig und wirkungslos.

Fussball brutal. Doch gerade an diesem Wochenende sollten wir uns auch in Erinnerung rufen, wie genial dieser Sport in gesellschaftlicher wie politischer Hinsicht sein kann. Landauf, landab schnüren Zehntausende Juniorinnen, Trainer, Schiedsrichter heute Samstag wieder ihre Fussballschuhe.

Zwischen Rorschach und Genf beginnt die Amateurmeisterschaft und damit das wohl grösste und erfolgreichste Integrationsprogramm des Landes. Was die Politik mit vielen Millionen kaum schafft, leistet der Fussball. Tausende Ausländerinnen und Ausländer sind Teil einer grossen, gemeinsamen Veranstaltung. Während im Unihockey-, Handball- oder Skiclub die Schweizer weitgehend unter sich sind, bilden auf den Fussballplätzen die Zugewanderten häufig die Mehrheit.

Selbstverständlich läuft das nicht immer reibungslos ab. Fussball ist ein aggressives Spiel, es geht um Sieg und Niederlage, Ehre und Ruhm. Und es ist ein Kontaktsport. Da sind immer auch starke Emotionen im Spiel. Doch im grossen Ganzen fügen sich diese vielen kleinen Fussballwelten zu einem Bild zusammen, das unserem Land gut ansteht. Diese kleinen Welten gipfeln am Ende in einer erfolgreichen Multikulti-Nationalmannschaft, in welcher die Xhakas und Shakiris Vorbilder sowohl der Einwanderer- als auch der Einheimischengeneration sind.

«Alles, was ich im Leben über Moral und Verpflichtungen gelernt habe, verdanke ich dem Fussball», sagte einst der algerisch-französische Literat Albert Camus, selber ein leidenschaftlicher Goalie. Wie wahr. Gebildet und Ungebildet, Gross und Klein, Jung und Alt, Ausländer und Schweizer raufen sich zusammen, um gemeinsam und unter Einhaltung klarer Regeln Erfolg und Spass zu haben. Grossartig.

Ob all der Negativschlagzeilen über Gewaltexzesse im Umfeld von Fussballspielen dürfen wir gerade an diesem Wochenende eines nicht vergessen: Tausende leisten als Trainer, Schiedsrichterin, Vereinskassier oder Grillmeister wertvolle Arbeit und tragen damit Entscheidendes zum gesellschaftlichen Zusammenhalt bei. Diesen Frauen und Männern, die sich selbstlos für einen Verein zur Verfügung stellen, gebührt ein grosser Dank. Wir wünschen ihnen und uns allen: eine erfolgreiche und friedliche Saison!