Analyse

Bundesanwalt Laubers blinder Fleck

Michael Lauber

Michael Lauber

Die Geschäftsprüfungskommissionen des Parlaments (GPK) stellen sich nicht gegen die Wiederwahl von Bundesanwalt Michael Lauber. Die Analyse zum Bundesanwalt und zum Machtkampf zwischen der neuen und der alten Fifa-Führung.

Von Fussball verstehe er nichts, sagte Michael Lauber am Freitag. Das ist wohl ein Teil seines Problems. Der Bundesanwalt hat den Machtkampf zwischen der alten und der neuen Fifa-Führung unterschätzt.

Michael Lauber wähnte sich auf der sicheren Seite. Wer sollte von seinen Treffen mit Fifa-Chef Gianni Infantino jemals erfahren? Niemand! Bis vor einem Jahr der portugiesische Hacker Rui Pinto auf die Bühne trat. Hunderttausende geleakte Dokumente liess er einem Netzwerk von Journalisten zukommen. Darunter ein paar E-Mails, die belegten, dass sich der Bundesanwalt und der Fifa-Chef zwei Mal getroffen hatten.

Um was ging es dabei? Vor einem halben Jahr sagte Lauber, er habe mit Infantino über Verfahrensfragen geredet, wie mit der riesigen Datenmenge im Fifa-Fall umzugehen sei. Ob das die ganze Wahrheit ist? Wir wissen es nicht. Denn trotz der Explosivität des Falls existiert kein Protokoll, und an das dritte Treffen, das erst durch die Ermittlungen eines Sonderstaatsanwalts bekannt wurde, erinnert sich keiner der Beteiligten.

Die Folge: Die Spekulationen schiessen ins Kraut. So sagt Ex-Fifa-Präsident Sepp Blatter, bei den Treffen zwischen Lauber und Infantino sei es wohl auch um ihn gegangen. Ist dies der Fall, wäre das Vertrauen in den Bundesanwalt nachhaltig erschüttert. Denn der Vorwurf der Befangenheit wäre kaum mehr von der Hand zu weisen, da mit der Gegenseite keine solchen Gespräche stattfanden.

Blatter gegen Infantino, die alte Fifa gegen die neue: In vielen Verfahren der Bundesanwaltschaft geht es genau auch um diesen Konflikt. Das Pikante daran: Die Treffen von Lauber und Infantino im März und April 2016 sowie im Juni 2017 fielen in eine Phase, in der der Machtkampf zwischen den beiden Protagonisten des Weltfussballs teils eskalierte. Beim Fifa-Kongress im April 2016 in Mexiko – zwei Monate nach seiner Wahl – entmachtete Infantino erst Chef-Aufseher Domenico Scala, der noch von Blatter installiert worden war.

Am gleichen Kongress schuf Infantino die Basis für eine Strukturreform, die ein Jahr später die Abwahl der beiden Ethik-Wächter Cornel Borbély und Joachim Eckert zur Folge hatte. Gegen den Fifa-Präsidenten selber lief zu dieser Zeit eine Untersuchung der Ethikkommission, weil er sich im Privatflugzeug eines Oligarchen herumfliegen liess. Experten mutmassten, sein Führungsstil könne Infantino bald schon sein Amt kosten.

Infantino holte daraufhin zum Gegenschlag aus. Im Juni 2016 – nur ein paar Wochen nach seinem zweiten Treffen mit Lauber – liess er einen Bericht veröffentlichen, der die hohen Saläre seiner Vorgänger zum Thema machte. Und der, so die Botschaft, wegen des Verdachts auf «persönliche Bereicherung» auch strafrechtliche Folgen haben könnte. Das ehemalige Führungstrio um Blatter, Generalsekretär Jérôme Valcke und Finanzchef Markus Kattner hatte sich zum Teil mit fragwürdigen Arbeitsverträgen fast 80 Millionen Franken zugeschanzt. Auch wenn die Summe so nicht stimmte, verfestigte der Bericht die von Infantino beabsichtigte Lesart, wonach die Fifa unter Blatter wie ein Selbstbedienungsladen geführt wurde.

Der PR-Krieg ging in der Folge auf vielen Ebenen weiter. Zwar hatte Blatter den Weltfussballverband wirtschaftlich erfolgreich geführt und den Fussball zum globalen Sport mit grosser Strahlkraft gemacht, doch die vielen Schlagzeilen über Korruption und undurchsichtige Netzwerke wollte Infantino unbedingt loswerden. Er entliess viele ehemalige Vertraute des alten Fifa-Bosses und machte auch viele von Blatter angestossene Projekte wieder rückgängig. Blatter seinerseits kritisierte die Arbeit seines Nachfolgers in fast jedem Interview.

Der Konflikt dauert bis heute. Das bisher letzte Kapitel schrieb Blatter, als er am Samstag in der «Schweiz am Wochenende» bekannt gab, er habe Klage eingereicht, weil die Fifa im Juni 2016 falsche und damit imageschädigende Lohnzahlen veröffentlicht habe. Blatter geht es dabei um eine moralische Rehabilitierung, um die Rettung seines Lebenswerks, die möglichst ausblenden soll, dass die Fifa unter ihm auf einen Abgrund zusteuerte, weil Korruption in so vielen Verbänden grassierte.

Beobachter wundern sich, wie es sein kann, dass Lauber sich in einer derart aufgeladenen Atmosphäre im Juni 2017 nochmals mit Infantino in einem unprotokollierten Rahmen in einem Hotel traf. Dieses dritte Treffen gilt aufgrund eindeutiger SMS als sicher, auch wenn sich aufgrund einer merkwürdigen kollektiven Vergesslichkeit keiner der Beteiligten mehr daran erinnert. Man kann es Blatter nicht verübeln, wenn er jetzt mutmasst, Lauber und Infantino könnten auch über ihn geredet haben.

Auszuschliessen ist es nicht, zumal Blatter wegen eines dubiosen Fernseh-Vertrags und einer Millionen-Zahlung an Michel Platini seit 2015 im Fokus der Schweizer Ermittler steht und die Fifa ein hohes Interesse hat, dass «Personen, die Verbrechen begangen haben, für den Schaden verantwortlich gemacht werden.»

«Der Fussball interessiert mich nicht. Ich weiss nur, dass elf Spieler in jeder Mannschaft auf dem Platz stehen», sagte Lauber. Möglicherweise ist dieses Desinteresse genau ein Teil seines Problems. Mit dem Fifa-Fall hatte er zwar einen grossen Fisch an Land gezogen, mit dem die Schweizer Bundesanwaltschaft im internationalen Kontext der Strafverfolger zu brillieren hoffte. Die grossen Emotionen, das viele Geld, das im Fussball steckt, die Ränkespiele hinter den Kulissen, die sich nirgendwo so kristallisierten wie in der Auseinandersetzung zwischen Blatter und Infantino, hat der Bundesanwalt wohl aber unterschätzt.

So liesse sich auch erklären, warum sich Lauber fast schon fahrlässig der Gefahr aussetzte, gegen das Recht auf ein faires Verfahren zu verstossen und seine Unabhängigkeit als Ermittler aufs Spiel setzte. Er hätte wissen müssen, dass solche geheime Treffen für die Gegenseite ein gefundenes Fressen wären. Nur: Lauber rechnete wohl einfach nicht damit, dass sie jemals öffentlich würden. Bis vor einem Jahr Rui Pinto auf die Bühne trat und mit «Football Leaks» alles veränderte. Vor allem auch das Leben des Bundesanwalts.

inland@chmedia.ch

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